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Gulou, (m)ein Lieblingsort zum Entspannen und Entdecken
Gepostet am 03.07.2011 von Yavi
Von Yavi Bartula, Beijing
Kaum ein Ort in Peking ist so spannend und kontrastreich wie Gulou im Nordwesten Pekings. Ich nenne ihn das chinesische Kreuzberg, weil Chaos, Vielfalt und Multikulturität das Bild beherrschen. Wenn ich nach neuen Eindrücken suche, komme ich hierhin, wenn ich Ruhe suche, ebenso. Ich kenne keinen anderen Ort, an dem beides gleichzeitig möglich ist, ohne dass man durchdreht.

Das alte Viertel besteht aus Hutongs, den traditionellen kleinen Wohnhäusern in Peking, die seit dem Wirtschaftsboom der letzten Jahre massenweise abgerissen und durch moderne Hochhäuser ersetzt werden. Doch hier und da stehen sie noch, die simplen Hütten ohne Sanitäranlagen, und schmücken Ecken wir Gulou mit ihrem ursprünglichen Charm. Während hier noch viele Hartnäckige wohnen bleiben und ihren Alltag von Kommerz und Konsum völlig unberührt weiterführen, entdeckten einige Geschäftswillige das Potenzial dieses Ortes. Kleine Boutiquen, Second Hand Shops, Souvenirläden, Cafés, Restaurants, Bars, Galerien, Ateliers und alle erdenklichen braucht-doch-kein-Schwein-Angebote erstrecken sich über ein recht großes Gebiet teilweise sehr heruntergekommener, aber sympathischer Bauten. Es ist die Mischung aus typisch chinesischer Lebensweise (Chaos und Ruhe zugleich), typisch chinesischer Produkte (sinnloser Kitsch und interessante Kunst), typisch westlicher Einflüsse (Café-Kultur und Fressmeilen) und typisch menschlicher Neugierde ("es ist wie ein Unfall, man kann nicht wegschauen"), die mich und meine Freunde immer wieder hierher locken.


Trotz des umfangreichen Shopping-Angebots ist es nicht das, was woanders viele Kultur- und Kunstliebhaber und Kapitalismus-Hasser immer wieder abstößt. Einkaufen bedeutet hier nicht, im Kaufrausch Shoppingmalls zu plündern und dabei noch nicht mals zu wissen, warum man 30€ für ein Shirt bezahlt, das sowieso jeder Dritte trägt. Einkaufen bedeutet hier erst Stöbern, dann Staunen, dann Anfassen, und dann - manchmal weglegen, manchmal mitnehmen, aber immer wieder aus anderen Gründen, nicht um des blinden Kaufens Willen.

Wer einen Riesenpenis im Wohnzimmer möchte, findet ihn hier. Eine Atemmaske mit einem dummen Pandagesicht ist auch kein Problem, wer Mao-Spielkarten braucht, muss nicht lange suchen. Darüber hinaus kann er sich über individuelle Kleidung oder teure Ledertaschen von Local Designern freuen und nebenan ein Billig-Shirt oder eine stylische Fake-Brille für ein paar Yuan kaufen. Dazwischen gibt es vielleicht noch ein paar Goldfische im Glas oder handgemachten Schmuck.


Du willst nix? Auch dann bist du hier richig. Lasse dich einfach von den Massen treiben, beobachte die neugierigen Blicke der Passanten, wenn sie an Straßenständen und wirr bestückten Schaufenstern vorbei laufen, gönne dir einen fettigen Fleischspieß oder eine undefinierbare Grünteemasse im Teigmantel, setz dich damit auf's Mäuerchen und genieße die Sonne, such dir ein kleines uriges Café mit gammeliger Sofa-Ecke oder eine coole Rooftop-Bar mit tollem Blick über die kleinen Gässchen und die wuselnden Menschen.Sowohl einkaufend als auch hungrig kommt man hier voll auf seine Kosten.

Gerade kulinarisch hat Gulou einiges zu bieten. Das reicht von weltbestem Eis, über moderne Fusions-Küchen mit hohem Gourmet-Anspruch bis hin zu kreativen Fast-Food-Speisen aus aller Welt. Churros gibt es direkt neben chinesischer Snack-Kultur, einen Koreaner neben einer japanischen Backwarenverkäuferin. Hier findet man edle Weinbars oder abgeranzte Kneipen, alternative Künstlercafés oder improvisierte Dachterrassen-Lounges aus Sperrmüll-Möbeln. Die Mischung ist so überwältigend, dass man es einfach auf sich wirken lassen muss, ohne dabei den Blick auf die abgelegeneren Gassen zu verlieren.

Denn abseits pulsiert das alltägliche Leben der Bewohner, die bei öffentlichen Tanz- oder Gymnastikstunden auf einem Marktplatz oder einem schnellen Abendessen auf Bierkästen ihr fröhliches Zusammenleben pflegen. Hier spielen kleine Kinder mit ihren Hunden, hier spielen die älteren Herren Karten, hier halten die Damen Pläuschchen oder erledigen Einkäufe. Kein Overload an buntem Kitsch, keine drängenden Menschen, keine hupenden Autos, die sich trotz viel zu enger Straßen trotzdem durchquetschen. Ich sage dazu "Behind the Scenes". Denn das ist das alte, authentische Gulou, welches sich erfolgreich mit den deutlichen Spuren des modernen Gulous arrangiert.
Glaub mir, du findest, was du brauchst, wenn du in diesen Momenten verbleibst, die dir gut tun. Und vielleicht muss man sich einfach nur trauen, neue Dinge auszuprobieren, bevor man aus Sicherheit immer wieder zu den gewohnten, eingestaubten Situationen zurückkehrt. Gulou ist der richtige Ort, um genau das zu üben.
