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Intro 2011 Electronic Music (mehr als nur ein) Festival
Gepostet am 29.05.2011 von Yavi
Von Yavi Bartula, Beijing
Letzte Woche habe ich bereits von meinem neuen Lieblingsplätzchen erzählt: dem 798 Art District. Dabei habe ich auch angekündigt, dass dort zu dem Zeitpunkt Chinas größtes Festival für elektronische Musik stattfand. Ich habe mir dieses Ereignis nicht entgehen lassen und einen Tag inmitten einer irren Umgebung mit irren Leuten verbracht - und dabei eine wichtige Erkenntnis gewonnen.
Viele junge Menschen, viele neue Kontakte und kultureller Austausch beim Intro 2011 Electronic Music Festival in Beijing.
Über 20000 Besucher kamen letztes Wochenende in das ehemalige Industrie- und Fabrikgelände, um mit extravaganten Outfits und extrovertierten Dance-Moves aufzufallen. Das Line-Up war eigentlich sekundär, die Hauptattraktionen performten vor den Bühnen. Kaum war nur ein Individuum fassbar, weil die verrücktesten Styles, krassesten Kontraste, schrillsten Farben und unterschiedlichsten Nationalitäten zu einer undurchschaubarer Mischmasch verschmolzen.
Perfektes Wetter für luftige Kleidung.
Dieses Bild ist typisch für Beijing – ich sage bewusst: das neue Beijing. Denn die jungen Generationen lebt aus, was lange Zeit nur in den eigenen vier Wänden möglich war: freier Geist, Offenheit, Individualität. Davon gibt es aber reichlich unter den Chinesen. Wer glaubt, alle sähen gleich aus, sollte sich selbst vom Gegenteil überzeugen.
Viele Europäer, die die lockere Atmosphäre unter Chinesen deutlich genießen.
Und das ist besonders in der Nightlife-, Musik-, und Kunstszene Pekings realisierbar. Sobald die Pekinger auf diese Themengebiete treffen, scheint eine chemische Reaktion stattzufinden, deren Resultat eine unerwartete, erschlagende Explosion mit Unfall-Effekt ist – du kannst nicht wegschauen.
Farben untermalen die gute Laune und das Sommerfeeling.
Jeder ist auf seine Weise anders. Der eine blendet mit makellosem Outfit, der andere mit wahllosem. Der eine will um jeden Preis auffallen, der andere pfeift darauf, was andere denken. Show oder Realität. Je undurchschaubarer, desto besser. Denn gerade diese vielfältige Mischung lässt mich wahrhaben, dass Chinesen durchaus selbstbestimmend sind. Wo sie schweigen müssen, schweigen sie. Wo sie sprechen dürfen, sprechen sie. Auch wenn es „nur“ die Sprache der Mode ist, sie sprechen sie verdammt gut.

Jenna mit einer Freundin
Jenna ist 25, lebt in Peking und arbeitet als Fashion Magazine Editor unter anderem für die FHM. Sie ist ein gutes Exempel um der westlichen Welt einen Eindruck von den New Asian People zu vermitteln. Sie hat einen beneidenswerten Job, organisiert Fotoshootings und geht auf Fashion Partys, sie ist viel unterwegs und kennt viele Leute, spricht fließend Englisch und ist bei Facebook, sie sieht viele Trends und hat ausgefallene, trendige Klamotten. Doch vor allem ist Jenna open-minded und sagt, was sie denkt. Und sie zeigt auch, was sie hat. Alles kann, nichts muss – deswegen trage ich was ich möchte. Der Stil: sexy, alternativ. Retro, fusioniert mit neuen Trends. High Fashion mit billigem China-Zeugs. Der individuelle Mix unterbaut den kollektiven Mix, der wiederum ein geniales Potpourri aus globalen Einflüssen und lokalen Traditionen darstellt.
Dieses Festival war also nicht nur für ein riesiger Catwalk mit mutigen, partywütigen, körperbewussten, trinkfesten und kontaktfreudigen Leuten aus aller Welt, sondern auch eine Projektion des heutigen Lifestyles Pekings. Sie zeigt, was westliche Medien üblicherweise nicht zeigen: ein Volk, das unserem gar nicht mal so unähnlich sieht. Und dieses Event stand in meinen Augen auch repräsentativ für alle Events, bei denen modern orientierte junge Menschen zusammenkommen, um einfach Spaß zu haben und die schönen Seiten des Lebens zu genießen. Da gehört es dann nun mal auch dazu, dass Frauen mit Frauen knutschen und Männer wie Frauen ausschauen und immer mehr Haut entblößt wird und irgendwann kein Oben und Unten mehr zu erkennen ist.
Das Wochenende war irre. Ich wurde wieder darin bestätigt, was in den letzten Wochen allmählich als Gedanke gereift ist. Dass das, was wir hier erleben, als stille Revolution bezeichnet werden kann. Hier geht es nicht um Demonstrationen, nicht um Aufstände, nicht um Debatten, sondern um erste Schritte auf dem Weg zur Meinungsäußerung. Jeder von uns weiß, dass dies in China ein heikles Thema ist. Doch niemand wirklich weiß, welche Wege der persönlichen Meinungsäußerung außerhalb des politischen Themenfeldes stattdessen gesucht werden. Wie lange dieser Prozess schon stattfindet, weiß ich nicht genau, die Insider sprechen von nur wenigen Jahren. Es köchelt langsam, aber das Feuer lodert stark. Wer weiß, welches Gericht uns zukünftig serviert wird. Ich bin mir in einem Punkt jedoch sicher: es wird mehr als nur ein Gericht.
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