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Andere Länder, andere Sitten
Gepostet am 14.10.2010 von guest
von Lynne, Las Vegas...
„Andere Länder, andere Sitten“ – das sagt sich so leicht. Was zeichnet diese anderen Sitten denn eigentlich aus? Andere Mentalitäten, andere Kulturen? Und in der heutigen Zeit, wo die Welt binnen weniger Stunden mittels Flugzeug zu umrunden ist, wie vermischen sich da Mentalität und Kultur?
Gerade die USA sind von vielen Vorurteilen geprägt, im positiven wie negativen Sinn. Die Frage, die mir aktuell am häufigsten gestellt wird lautet: „Wie ist es denn da drüben so?“ Ich weiß noch, als ich meine ersten kurzen Urlaube hier in den USA verbrachte, wirkte alles so vollkommen anders. Ein mittlerer Kulturschock – aber vielleicht war er auch nur eingebildet? Vielleicht wollte ich diesen Kulturschock, habe ihn erwartet und beeinflusst, eben weil Vorurteile und Geschichten meine Vorstellung verfärbt hatten? Nicht zuletzt war dies eine Sache, auf die ich mich im Vorfeld freute – einen ruhigeren Blick auf die USA erlangen.
Inzwischen habe ich mich eingelebt und spätestens als ich das erste Mal meine Wäsche gewaschen und mein Essen in meiner eigenen (kleinen, aber voll ausgestatteten) Küche gekocht habe, fühlte ich mich angekommen und bereit für den objektiveren Blick auf das fremde Land. Wo sind die anderen Sitten, wo die andere Kultur?
USA wird oft als Service-Land beschrieben. Die Menschen sind immer freundlich, aufgeschlossen – und ich muss sagen: es stimmt! Egal, wo ich hinkomme, höre ich wie selbstverständlich das typische „Hi, how are you today?“ Spätestens, wenn ich genauso freundlich und selbstverständlich antworte „Excellent, how are you?“ habe ich mich gegenüber schätzungsweise 70% als Europäerin enttarnt. Und das liegt nicht mal unbedingt an meinem Akzent, wie mir gesagt wurde. Wir Europäer wären immer so unglaublich höflich, erfuhr ich. Ach ja? (Da liegt die Höflichkeit wohl zumindest hier auf beider Seiten!) 
Spannend ist auch das allgemeine Interesse, das mir entgegen gebracht wird. Heute traf ich beispielsweise Carol. Carol arbeitet, wie fast jeder Vegas Local, in der Hotelbranche. Carol hatte gestern Geburtstag und konnte gar nicht glauben, dass ich Deutschland den Rücken gekehrt habe, um freiwillig in die USA zu reisen. Carols bester Buddy Bernie hat ihr übrigens gestern via Facebook zum Geburtstags gratuliert – aus Deutschland. „You kinda switched places,“ hat Carol mir strahlend mit glühenden Augen verraten. Irgendwie scheint bei jedem Gespräch, das ich führe, jemand Verwandte in Deutschland zu haben oder Freunde, die gerade dort sind oder kürzlich dort waren. Herrlicher Zufall – oder auch ein bisschen Höflichkeit, egal wie oberflächlich für den Moment?
Ich bin eher ein „anonymer Shopper“, will heißen: Ich gehe in einen Laden und finde mich da meistens selber zurecht. Oft bin ich froh, wenn ich nicht angesprochen werde. Habe ich ein Problem etwas zu finden, dann gehe ich fragen, aber in Sachen Shopping lasse ich mich gerne treiben, entdecke selber. In den USA ist genau das aber fast ein Ding der Unmöglichkeit, wie mir scheint. Kaum betrete ich einen Laden, habe ich bereits eine Angestellte, die mir mit Rat und Tat zur Seite steht. Daran muss ich mich definitiv erst einmal gewöhnen. Nichts mehr mit „Undercover Shopping“, hier wird ergebnisorientiert ausgesucht, anprobiert und bezahlt, schließlich scheint man immer irgendwie auf dem Sprung zu sein. Ich bekomme fast ein schlechtes Gewissen, wenn ich stundenlang durch eines der Geschäfte wandere, hier und da schnuppere und am Ende doch nichts kaufe.
Überhaupt, alles läuft hier einen Pulsschlag schneller, wie mir scheint. Aber anders? Nur auf den ersten Blick. Gewiss, einige Dinge sind anders – aber sind es wir, die einfach mittlerweile lern- und somit anpassungsfähiger geworden sind, oder sind die Unterschiede über all die Jahrzehnte zwischen den Kontinenten immer mehr geschrumpft? Nach fast drei Wochen habe ich mich nahezu voll und ganz an die kleinen Abweichungen des Alltags gewöhnt. Das Tolle daran: ich kann mich voll und ganz dem Beobachten hingeben, ohne beispielsweise im Coffee Shop (how American!) im Kopf das Trinkgeld für den Kellner hin und her zu rollen, wie viel denn wohl „appropriate“ wäre. 
Dennoch – egal, wie lange ich hier bleibe, egal, was alles in Fleisch und Blut übergehen wird, am Ende wird es wohl trotzdem heißen: You can take the girl out of Germany, but you cannot take Germany out of the girl. Und damit meine ich gewiss nicht meine Verwunderung darüber, mitten in Las Vegas während der Oktoberfestwochen in München vor dem Hofbräuhaus zu stehen – bei gefühlten 40°C wohlgemerkt.
Und so entdeckt das „German Girl“ ein fremdes Land, das irgendwie mit jedem Tag ein bisschen weniger fremd scheint, aber eben doch nicht Zuhause ist.
Lynne ist im echten Leben Journalistin und TV-Redakteurin, bloggt aber bereits seit vielen Jahren mit Schwerpunkt auf Beauty & Lifestyle. Darüber hinaus hat sie einen eigenen Kanal auf YouTube, liebt das Internet und atmet Musik.