Sebastian Ellrich im Interview: Ein ganz schöner Zirkus
Gepostet am 22.01.2013
von Gabriela M. Keller (Text) und Svenja Jöres (Foto)
Zirkus und Rohdiamanten - um diese Themen geht es in den Sebastian Ellrichs neuesten Entwürfen, die er gerade auf der Berliner Fashion Week vorgestellt hat. Bei seinen bisherigen Kollektionen stützte sich der junge in Berlin ansässige Designer auf je eine Primärfarbe – Blau, Gelb oder Rot. Diesmal aber hat er seine Kleider und Hosenanzüge in ungewohnt dunklen und gedeckten Tönen gehalten. Das styleranking-Team hat ihn kurz vor der Show getroffen. Ein Gespräch über Selbstbeschränkung, Rocklängen und wirtschaftlichen Erfolg.

Sebastian Ellrich legte kurz vor der Installation selbst Hand an. Foto: styleranking
styleranking: Sebastian Ellrich, Ihre aktuelle Kollektion trägt den Titel „The Whole Rigmarole“. Wie dürfen wir das verstehen?
Sebastian Ellrich: Wenn man die Wendung nachschlägt, steht dahinter in Klammern: „populärsprachig, negativ“. Sie bedeutet: Der ganze Zirkus, das ganze Theater. Ich beziehe die meisten Dinge auf die Mode, und so ist das auch hiermit. Ich liebe es, aber es ist auch ein ganz schöner Zirkus, den wir betreiben.
styleranking: Beim Thema Zirkus hätten wir viele bunte Farben erwartet. Stattdessen haben Sie vor allem mit Schwarz und Grau gearbeitet. Wie kommt‘s?
Sebastian Ellrich: Es ist schon so, dass ich immer ein sehr klares Farbkonzept habe. Diesmal habe ich mich nicht nur mit Zirkus, sondern auch mit dem Thema Rohdiamant beschäftigt. Die sind ja grau, dunkel und dreckig.
styleranking: Auch bei Schnitten sehen wir weniger Vielfalt als in Ihren früheren Kollektionen.
Sebastian Ellrich: Ich bin vom klassischen Etuikleid ausgegangen, dazu kommen Smokings.
styleranking: Woher diese neue Farb- und Formenstrenge?
Sebastian Ellrich: Ich habe ein neues Sales-Management, gemeinsam haben wir viel über meine Kundinnen nachgedacht. Wir kamen zu dem Schluss, dass meine Zielgruppe zwischen 35 und 45 Jahre alt ist. Also habe ich mir ein Thema vorgestellt, das tragbar sein soll aber mit viel Glamour. Damit man die Stücke im Büro anziehen kann, aber auch am Abend. Das war der Hauptgedanke.
styleranking: Wie haben sich diese Überlegungen auf Ihren Arbeitsprozess ausgewirkt?
Sebastian Ellrich: Ich habe mir grundsätzliche Parameter gesetzt, von denen ich ausgehe. Früher habe ich einfach nur Kleider gemacht – da konnte ich machen, was ich wollte. Bei meiner letzten Mal gab es zum Beispiel verschiedene Lagen, Blazer, Kleider, und Korallenmuster, die sich über Röcke und Ärmel ziehen. Diesmal hatte ich einen gesteckten Rahmen, aber wenn man arbeitet, dann ist es eine positive Einschränkung, weil sie zu einer intensiveren Beschäftigung mit dem Thema führt.
styleranking: Gab es weitere Vorgaben?
Sebastian Ellrich: Die Aufgabenstellung war klar: Nur Kleider, ein paar Jacken und Capes. Alle Kleider sollten Ärmel und etwa 60 Zentimeter lange Röcke haben, weil das die übliche Länge ist. Kundinnen, die es lieber kürzer haben wollen, können sie es einfach beim Scheider kürzen lassen.
styleranking: Wie sind Sie mit all diesen Einschränkungen zurechtgekommen?
Sebastian Ellrich: Wenn man einfach nur macht, worauf man Bock hat, dann fließt es einem regelrecht aus der Hand. Jetzt aber, mit diesen Rahmenbedingungen, das war anstrengender - da muss man richtig was tun.
styleranking: Sie stellen jetzt Ihre vierte Kollektion vor. Wie bewerten Sie Ihre bisherige Entwicklung als Designer?
Sebastian Ellrich: Ich bin viel fokussierter geworden. Am Anfang habe ich etwa zu gleichen Teilen Damen- und Herrenmode gemacht, dann wurde die Herrenmode weniger. Jetzt habe ich mich noch enger eingegrenzt. Das hat auch mit wirtschaftlichen Gründen zu tun: Von einem jungen Designer wie mir wollen die Kundinnen vor allem Kleider, keine Blusen und Hosen, zumal die oft noch teurer sind.
styleranking: Viele junge Designer, die in Berlin arbeiten, klagen, dass es schwer ist, hier in der Stadt Geld zu verdienen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Sebastian Ellrich: Es ist so, dass ich in Berlin noch gar nicht verkaufe, sondern nur im Rheinland, in Köln und Wuppertal. Mein Ziel ist jetzt, in Berlin reinzukommen. Dann ist man einen großen Schritt weiter; man kann den Kunden und Gästen auf der Fashion Week sagen: Das Zeug gibt es in Berlin, am besten bei einer Adresse wie dem KaDeWe. Das fehlt mir im Moment noch.
styleranking: Ihr Werdegang ist ja eher ungewöhnlich, Sie sind gelernter Kostümbildner. Wie würden Sie die Unterschiede zwischen der Arbeit am Theater und in der Modebranche beschreiben?
Sebastian Ellrich: In beiden Fällen arbeite ich mit Themen und übersetze sie in Stofflichkeit. Am Theater ist mein Problem: Am Abend der Aufführung gibt es Applaus, aber ich weiß nicht, ob der mir gilt, zu welchem Teil er mir gilt, oder ob er überhaupt nicht mir gilt. Ich kann nicht herausfinden, wie den Leuten das Bühnenbild gefallen hat. Das ist in der Mode anders, da kann ich eigenständig Projekte entwickeln. Letztendlich aber ist Kleidung meine Sprache, im Theater und in der Mode.
styleranking: Heißt das, dass Sie eher ein Einzelkämpfer als ein Teamplayer sind?
Sebastian Ellrich: Ich finde die Gruppe entscheidend, aber ich gebe gerne die Anleitung. Bei der Installation hier auf der Fashion Week ist es ja auch so, dass man zusammen etwas macht, aber letztendlich stellt das Ergebnis meine Vision dar. So arbeite ich am liebsten.
styleranking: Wie wirkt sich Ihre Arbeit am Theater auf Ihre Arbeit als Modedesigner aus?
Sebastian Ellrich: Es macht viel aus, weil ich in meinen Kollektionen nicht unbedingt zum Beispiel große Roben machen muss – ich kann sie ja stattdessen am Theater machen. Ich spüre keinen Druck in mir, bestimmte Sachen zu erfüllen. Ich kann mich entscheiden, ob ich eine bestimmte Idee im Theater oder in meiner Kollektion umsetzen will.
styleranking: Beeinflusst der eine Bereich den anderen auch stilistisch?
Sebastian Ellrich: Als letztes habe ich die Kostüme für die Operette „Die Csárdásfürstin“ an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf gestaltet. Davon ist meine Kollektion nicht unberührt geblieben. Wenn man drei Monate lang mit Federn und Strass arbeitet und damit einen ganzen Chor einkleidet – das findet sich dann auch in den Entwürfen wieder.
styleranking: Vielen Dank für das Interview!








