MBFWB: Vladimir Karaleevs wundersamer Schicht-Betrieb
Gepostet am 22.01.2013 von Gabriela
von Gabriela M. Keller (Text) und Svenja Jöres (Fotos)
Achtung, gleich wird es kühl, dunkel und ein bisschen unbehaglich. Noch wäre Zeit umzukehren. Aber die Leute wollen es ja nicht anders. Alle Stühle sind bereits besetzt, und noch immer strömen mehr Leute herein; sie drängen sich oben auf den Stehplätzen und hocken sogar auf den Treppen.
Vladimir Karaleev hat mit seinen spröden Experimenten schon ziemlich viel Furore gemacht. Der Mode-Eigenbrötler aus Bulgarien löst herkömmliche Formen auf und setzt sie zu unerwarteten Stoff-Konstruktionen neu zusammen, die von moderner Kunst und Architektur beeinflusst sind. Um so etwas zu sehen, deswegen sind die Leute hier: Berlin steht schließlich für diesen rohen Charme, den „gritty Glamour“, wie es die US-Modekritikerin Suzy Menkes genannt hat. Das Spannendste an der Berliner Fashion Week sind nicht die etablierten Marken, sondern die innovativen jungen Designer, Nachwuchstalente wie Michael Sontag, Augustin Teboul, Hien Le oder eben Vladimir Karaleev.
Das Licht erlischt, die Models schleichen mit zerzausten Zöpfen herein. Sie halten ihre Köpfe leicht gesenkt und treten vorsichtig auf, so als bewegten sie sich auf feindlichem Terrain. Männer wie Frauen sind bis zum Hals in Leinen und Wolle gepanzert. Die Entwürfe scheinen einen Sicherheitsabstand zu schaffen, zwischen ihnen und der Welt: Nichts liegt eng an, fließende Stoffe umspielen die Silhouette, oder aber feste Materialien umgeben sie wie eine schützende Hülle.
So farbenfroh hat man Vladimir Karaleev noch nicht gesehen: Leuchtendes Königsblau, Beige und Weiß durchbrechen die gedeckte, düstere Palette aus Schwarz, Grau und Braun. Für Spannung sorgt vor allem die Art, wie der Designer verschiedenste Materialien zu einem Patchwork vernäht oder in Lagen übereinander geschichtet hat: Ein Pullover, der aus Streifen matter und glänzender Stoffe zusammengesetzt ist, ein dicker Strickpullover, unter dem eine Jacke mit Reißverschluss hervorschaut. Ein zarter, transparenter Hauch von einem Rock unter einem kastenförmigen Kittelkleid, ein Blouson aus tintenblau glänzendem PVC mit Ärmeln aus flusiger Angorawolle.

Farbenfroh und tragbar zeigt sich die neue Kollektion von Vladimir Karaleev. Fotos: styleranking
Der Designer spielt ein komplexes Verwirrspiel, oft wird nicht ganz klar, ob er mehrere Lagen zu einem Stück zusammengenäht hat oder ob die Models verschiedene Schichten übereinander tragen. Trotz all der wundersamen Kombinationen: Eine so tragbare Kollektion hat Karaleev noch nie vorgelegt; seine Entwürfe sind heute anschmiegsamer, sie erinnern nicht mehr an abstrakte Skulpturen. Auch sein bisheriges Markenzeichen, die offenen Säume, tauchen nur noch selten auf.
Eine Entwicklung, die sich bei vielen der jungen Berliner Wilden abzeichnet: Sie müssen nicht nur Kritiker begeistern, sondern ihre Kleidung auch verkaufen. Karaleev gelingt der Brückenschlag mit leichter Hand: Eigensinnig und verschroben sind seine Entwürfe nach wie vor, doch kann man sie sich inzwischen vorstellen, dass sie auch auf der Straße gut ankommen. Fest steht bereits, dass seine kunstvolle Schicht-Arbeit zu den stärksten Momenten der Fashion Week zählt.


BFW:Vladimir Karaleev
















