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Mercedes-Benz-Designchef Gorden Wagener: "Mode hilft mir als Autodesigner"
Gepostet am 05.07.2010 von Anja
Von Tanja Könemann, Düsseldorf
Gorden Wagener verantwortet seit Mitte 2008 beim Autobauer Daimler das Design der Marke Mercedes-Benz. Als Chef einer weltweit tätigen Abteilung leitet der 41-jährige Ehrenprofessor der Moholy-Nagy Universität in Budapest ein Team von etwa 500 Designern. Mercedes-Benz wiederum sponsort die Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin und New York. styleranking sprach mit Wagener darüber, was ein gelungenes Autodesign ausmacht und welche Rolle Modedesign dabei spielt. Außerdem wollten wir von dem gebürtigen Essener wissen, was er sich am liebsten bei der Fashion Week ansieht – und warum Models Autos noch schöner wirken lassen.

Beruflich und privat modebegeistert: Designchef Gorden Wagener nutzt Mode als Inspiration. Foto: Daimler AG
styleranking: Mit der Marke Mercedes-Benz engagiert sich Daimler stark im Bereich Mode, wie auch einige andere Autohersteller. Wie kommt diese Verbindung von Mode und Autos zustande?
Gorden Wagener: Ich würde hier eher von einer Verbindung zwischen Modedesign und Autodesign sprechen. Beides geht zurück auf bestimmte Vorstellungen von Schönheit, Ästhetik und Luxus. Mercedes-Benz wird seit jeher als Inbegriff des europäischen Luxus wahrgenommen, was sich durch die Tradition der Marke begründet. Dies ist zu vergleichen mit Armani, Chanel und Dior in der Mode. Einen unverwechselbaren Stil, der die eigene Individualität und Lebensart unterstreicht, das wünschen sich die Menschen sowohl von der Mode als auch vom Auto. Sie möchten sich sowohl über die Mode als auch mit seinem Auto ein Stück weit persönlich inszenieren.
styleranking: Wo liegen die Unterschiede?
Wagener: Der größte Unterschied liegt in der Taktung: Während Modehersteller meist Kollektionen für Frühjahr/Sommer und Herbst/Winter produzieren, entwerfen wir im Schnitt alle sieben Jahre ein neues Auto. Daraus ergeben sich ganz andere Herausforderungen: Momentan arbeiten wir an Modellen für das Jahr 2013. Als Autodesigner muss ich jetzt schon antizipieren, was unseren Kunden in drei Jahren gefallen wird.
styleranking: Und was sie in vier Jahren nicht mehr mögen werden?
Wagener: Ja, auch das. Wir wollen mit unseren Modellen Klassiker schaffen, die auch nach mehreren Jahren oder sogar Jahrzehnten noch „in“ sind. Vergleichbar vielleicht mit einer Chaneljacke aus dem Jahr 1950, die auch heute noch als echtes Fashion-Highlight gilt. Deshalb müssen unsere Entwürfe weitaus nachhaltiger sein, als die vieler Modedesigner.
Außerdem erheben wir den Anspruch, die Geschichte, von der ich vorhin sprach, in unsere Modelle einfließen zu lassen. Deshalb kommen bestimmte Elemente der Autos immer wieder vor: Zu den bekanntesten zählen der Mercedes-Stern und der Kühlergrill, der sich bei den Modellen immer sehr ähnelt. Es geht darum, markentypische Stilelemente weiterzuentwickeln. Als Autodesigner muss ich beides zusammen bringen: Die Geschichte der Marke und die Zukunft.
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Autodesign als Balance-Akt zwischen Geschichte und Zukunft. Foto: Daimler AG
styleranking: Als Sponsor von Modeveranstaltungen wie der Mercedes-Benz Fashion Week hat die Marke Mercedes-Benz eine starke Verbindung zu innovativen Designern. Inwieweit schauen Sie sich die aktuellen Modedesign-Entwicklungen an?
Wagener: Die Mode hilft mir als Autodesigner, die eben benannten Synergien zwischen den beiden Disziplinen zu heben. Außerdem versuche ich, inspiriert zu bleiben – Mode gibt mir die Möglichkeit dazu. Des Weiteren halte ich mich auch privat für einen ästhetischen Menschen, der schönen Dingen im Alltag eine hohe Bedeutung beimisst. Deshalb interessiere ich mich auch unabhängig von meiner Arbeit stark für Mode. Leider kann ich die kommende Fashion Week in Berlin aus terminlichen Gründen nicht besuchen. In der Vergangenheit habe ich mir dort am liebsten die Nachwuchsdesigner angesehen.
styleranking: Lassen Sie sich von den dort gezeigten Farben und Formen inspirieren?
Wagener: Farbtrends und Trends in der Verarbeitung – zum Beispiel bestimmte Nähte – greifen wir zwar auf, aber wesentlich dezenter, als das bei einem Kleidungsstück der Fall wäre. Denn sonst wäre unser Anspruch, Klassiker zu schaffen, schnell dahin. Wo wir vergleichsweise kurzfristig auf Trends reagieren können, sind Sondermodelle oder Forschungsfahrzeuge: Hier können unsere Designer oftmals kreativer sein.
styleranking: Lässt sich der Einfluss von Modetrends an einem ihrer Autos zeigen? Vielleicht an einem Modell mit einem Interieur, das auf einen bestimmten Trend zurückgeht?
Wagener: Das Design des Innenlebens geht nicht nur auf Modetrends zurück. Es spielen verschiedene weitere Einflüsse eine Rolle: Möbeltrends bei den Sitzen sowie Produktdesign bei den Bedienungselementen und Anzeigen. Die Bedeutung von Softwaredesign nimmt stark zu, es bestimmt, was auf den einzelnen Displays zu sehen ist. All diese Elemente müssen aufeinander abgestimmt sein – wie bei einem Orchester, das zusammen spielt.

Auch das Interieur eines Wagens kann Modetrends aufgreifen - allerdings sehr dezent. Foto: Daimler AG
styleranking: Gibt es weitere Trends, die Sie beachten müssen?
Wagener: Ja, auch sozio-kulturelle Bewegungen spielen eine Rolle. Momentan beeinflusst uns zum Beispiel der Green Trend sehr stark. Das ist ja auch bei vielen Modedesignern zu beobachten, die zunehmend darauf achten, Bio-Materialien zu nutzen und ihre Kleidung möglichst nachhaltig zu produzieren. Um die Akzeptanz der Marke Mercedes-Benz in der Gesellschaft zu sichern, greifen wir diesen Trend auf. Unsere Herausforderung ist es, eine Art New Luxury zu entwickeln. Ähnlich auch mit Sportlichkeit: In einer Welt, in der sich Menschen selbst im höheren Alter noch lange fit und jung fühlen, ist es wichtig, dass ein Auto sportlich wirkt.
styleranking: Und wie aerodynamisch muss ein Autodesign sein?
Wagener: Heutzutage sehr. Das Thema CO2-Ausstoß liegt unseren Kunden sehr am Herzen – beides lässt sich mit Hilfe der Aerodynamik gering halten. Auch für mich als Autodesigner ist das ein spannendes Thema, denn aerodynamische Formen erzeugen das, was wir Flow nennen – sie wirken wie Wind, der ein Auto umspielt.
styleranking: Auf Automessen wie der IAA ist neben vielen Modellen auch ein Model zu finden. Wieso?
Wagener: Bei Mercedes-Benz nicht, wir lassen lieber den Wagen für sich sprechen. Aber die Verbindung zwischen der Schönheit eines Menschen und der eines Autos ist auf jeden Fall gegeben. Häufig orientieren sich Formsprache und Formgebung unserer Modelle an gängigen Schönheitsidealen, denn Formen, die Menschen an anderen Menschen mögen – zum Beispiel bestimmte Linien –, die gefallen ihnen auch an Autos. Außerdem hat Autokauf viel mit Sinnlichkeit zu tun: Menschen entscheiden sich für ein bestimmtes Modell, weil sie sich erhoffen, attraktiver zu wirken, wenn sie es fahren. Deshalb kann ein Model auf einer Messe wie der IAA durchaus die Schönheit der Ausstellungsstücke hervorheben und entsprechende Begehrlichkeiten wecken.
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"Häufig orientieren sich Formsprache und Formgebung unserer Modelle an gängigen Schönheitsidealen".Foto: Daimler AG
styleranking: Jahrelang ähnelten sich die Modelle der einzelnen Hersteller stark – ein Trend, der mittlerweile vorüber ist. Was erwarten Sie für die kommenden Jahre?
Wagener: Ein individuelles Autodesign wird zunehmend über Erfolg und Misserfolg einer Marke entscheiden. Da technische Neuerungen für alle Hersteller immer verfügbarer werden, müssen sie sich über die Markenidentität Alleinstellungsmerkmale sichern. Und die Identität einer Automarke wiederum geht zu einem großen Teil auf das Design der einzelnen Modelle zurück.
styleranking: Und noch eine persönliche Frage zum Schluss: Welches Auto fahren Sie privat?
Wagener: Ich fahre einen weißen C 63 AMG, da in den Kombi auch ein Kindersitz reinpasst und somit für mich als Familienvater sehr praktisch ist. In Kalifornien habe ich noch einen weißen CLS, der sehr gut zum dortigen Lifestyle passt.
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4 Kommentare

07.07.2010 um 10:26 UhrWow, ich wusste gar nicht, dass es Parallelen zwischen Mode- und Produktdesign gibt! Tolles Interview.
07.07.2010 um 10:39 UhrDas Auto mit den Flügeltüren hätte ich auch gern...!
07.07.2010 um 11:03 Uhrich finds cool, dass mercedes sich so für mode interessiert und die fashion week in berlin auf die beine stellt!
