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Londoner Fashion & Textile Museum ehrt Modedesigner Tommy Nutter
Gepostet am 03.06.2011 von guest
Von Brian Melican, London
Er war der Schneider, der die Beatles in ihren wildesten Tagen kleidete. Auch The Rolling Stones schauten in seiner Londoner Schneiderei vorbei, um sich sowohl für Bühnenauftritte als auch für ihre Party-reiche Privatleben auszustatten. Dabei saß dieser doch unter den traditionsreichsten Herrenausstattern des Vereinigten Königreichs in der vornehmen Straße Saville Row. Eine Ausstellung im Londoner Fashion & Textiles Museum ehrt Tommy Nutter, den ersten modernen Couturier.

Die Ausstellung gibt einen Überblick über Tommy Nutters Schaffen. Fotos: Kirstin Sinclair (2), Fashion & Textile Museum(3)
Der London-Stil der Sechziger und Siebziger begeistert nach wie vor Designer und Modekunden in gleichem Maße. Wer sich diese ikonischen Bilder der Beatles oder der Rolling Stones anschaut, der sieht überall Konzepte und Details, die heute noch oft genug zitiert werden: große Hemdkragen und weite Sakkoaufschläge, Pastellfarben und Karomustern, Flicklappen-Taschen und Uniform- oder Militärschnitt. Maßgeblich in der Entwicklung dieses Stils war Tommy Nutter, der für die prägenden Prominenten dieser Zeit schneiderte. Mit seinen revolutionären Ideen, wie man herkömmliche Anzüge und Hemde auffallend anders gestalten konnte, wurde Nutter der umgangssprachlichen Bedeutung seines Nachnamens (nämlich "Irrer") auf eine gewisse Art gerecht.

Ringo Star in einem Anzug von Nutter.
Dabei hatte er zunächst seine Schneiderkunst von 1962 bis 1969 in der Hochburg der traditionellen britischen Herrenmode gelernt: Im Saville Row, jener Londoner Straße, wo der Landadel seit jeher seine Tweed-Anzüge und Jagdmäntel in diskreter Ambiente zu kaufen pflegte. Als Nutter dort seine Lehrejahre durchzog, tat er das hinter Holzpanelen und Mattglasfronten: So etwas wie ein Schaufenster wäre nämlich vulgär gewesen. Ausgerechnet in dieser verstaubten Umgebung machte sich der rebellische Nutter mit seiner ersten Schneiderei selbständig. Am Valentinstag 1969 zog er zum ersten Mal die Rollladen hoch und schockierte mit großen, breiten Ladenfenstern, in denen sich unerhört bunte Farben und riskante Schnitte tummelten. Das Startkapital bekam er überdies zum Teil von Cilla Black, einer Arbeitertochter aus dem proletarischen Liverpool, die es mit schmalzigen Volksliedern zum Star gebracht hatte. "Sechs Monate, dann ist er hier pleite", hieß es naserumpelnd in vielen alteingesessenen Häusern.

Anzüge von Elton John.
Nutter ging allerdings nicht pleite - ganz im Gegenteil. Binnen 20 Jahren wurde er von den einstigen Konkurrenten mit viel Geld angelockt, aber nicht bevor er die Modeszene umgestaltet und das Bild des Schneiders nach seinem Verständnis neu gezeichnet hatte. Im Fashion & Textiles Museum sind nun einige Stücke ausgestellt, mit denen Nutter Geschichte schrieb. Unter den Exponaten befinden sich zum Beispiel drei Anzüge geliehen von Mick Jagger (darunter ein gelber und limettengrüner)sowie zwei weitere von seinem Bandfreund Charlie Watts. Auch Ringo Starr hatte noch Anzüge von Nutter, die er der Ausstellung zur Verfügung stellt. Elton John ist dabei, sowie Neil Sedaka und das erste Supermodel Twiggy: die Liste von Verleiher liest sich wie ein Wikipedia-Eintrag für "Swinging London". Anfassen darf man natürlich nicht, auch wenn die luxuriösen Stoffe an mancher Stelle dazu förmlich einladen. Dennoch wird mit Schaufensterpuppen und Kleiderstangen so ausgestellt, dass man den Stücken wirklich nah kommt (und beiläufig in Erfahrung bringt, wie klein und schmal Mick Jagger sein muss…).
Auch zum anfassen nah: Zeichnungen von Nutters Hand, die zeigen, wie er seine Mode konzipierte, sowie Bestellungsbücher aus den 70ern, wo die horrenden Preise nachzulesen sind, die er für seine Arbeit verlangen konnte. Wie andere im Saville Row investierten Nutter und seine Angestellten durchschnittlich 52 Arbeitsstunden in jedem Anzug; von der Bestellung bis zur Auslieferung dauerte es in der Regel drei Monate.

Der Entwurf eines Anzugs für Elton John.
Denn: Trotz der wechselnden, auffallenden Designs arbeitete Nutter stets hochqualitativ und nach den bewährten handwerklichen Regeln der englischen Schneiderei. Er prägte also das heutige Bild vom Schneider, der sich nicht nur als Herrenausstatter, sondern als Trendsetter versteht. Im Rückblick war er der richtige Mann an der richtigen Stelle: Denn die neuen Musikstars der 60er bildeten einen neuen kaufkräftigen Adel, der traditionelle Qualität bezahlen konnte - und wollte -, der aber kein Gefallen an den verstaubten Vorlagen von anderen Saville-Row-Schneidern fand.
Der Row - und die neu mediatisierte Pop-Gesellschaft - brauchte einen wie Nutter, der Kreativität mit Kenntnissen vereinbarte und einen gehörigen Schuss Prominenz dazugab. Praktikum bei ihm machten viele, die später groß herausgekommen sind: Timothy Everest war Aushilfekraft, John Galliano lernte bei ihm. Auch Vivienne Westwood wird am Ende der Ausstellung zitiert: "Wie wir Tommy Nutter und seine Art mochten, herkömmliche Schneiderkunst mit individuellem Design zusammenzubringen!"

Ringo Star zu Zeiten der Beatles in einem Karo-Anzug von Nutter.
Diese Ausstellung ist ein Muss für jeden, der in diesem Sommer nach London fährt. Man hat sie aber schnell durch und Studenten, die statt stolzen sieben Pfund nur vier zahlen, werden sich freuen. Modestudierende, die allerdings über die finanziellen Mittel verfügen, könnten sich doch für die zahlreichen Designkurse interessieren, die vom Museum im Rahmen der Ausstellung angeboten werden. Im geräumigen Seminarraum kann man über eine gesamte Woche lernen, wie man Handtaschen oder Schuhe entwirft und herstellt - zu knappen £200 für fünf Tage stellt das wiederum ein hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis dar. Ganz wie die Anzüge von Tommy Nutter, die man laut Cilla Black trotz hohem Alter "auch noch heute anziehen könnte".
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