Mando Diao in Berlin: Wir waren Freaks
Gepostet am 03.10.2011 von Gabriela
Zur Feier des Tags der Deutschen Einheit sind Mando Diao nach Berlin gekommen: Beim Coke Sound Up-Festival vor dem Brandenburger Tor haben die vier Jungs aus Schweden ihre lässigen Indie-Rockmusik gespielt – mit Akustik-Gitarren und Streichern im Hintergrund. Vor dem Konzert, das auch den Auftakt zu ihrer Tour in Deutschland gab, hat styleranking-Reporterin Gabriela M. Keller Sänger Gustav Norén und Bassisten Carl-Johan Fogelklou zum Interview getroffen. Ein Gespräch über Musik, ihre Jugend auf dem Dorf und das rebellische Potenzial von Kapuzenpullis.
Fotos: Friederike Ruff für styleranking
styleranking: Vor etwa einem Jahr habt ihr hier in Berlin ein MTV unplugged Konzert gegeben. Eure letzte Platte „Above and Beyond“ ist bei diesem Auftritt entstanden. Wird es eine Umgewöhnung sein, jetzt bei eurer Tour wieder die ganze technische Maschinerie im Hintergrund zu haben?
Gustav Norén: Nein, wir werden ziemlich genau das machen, was wir auch auf dem Album gemacht haben.
styleranking: Unplugged spielen? Die Definition von unplugged ist aber doch, dass Musik ohne elektrisch verstärkte Instrumente gespielt wird, also: ausgestöpselt. Wie soll das denn gehen auf einer großen Bühne?
Gustav Norén: Diese technischen Definitionen sind mir eigentlich nicht so wichtig. Wenn du eine akustische Gitarre spielst, dann sind da ja auch eine Menge Kabel dran. Das sind aber… einfach nur Kabel. Im Grunde ist das aber jetzt ziemlich langweilig.
styleranking: Okay. Aber für euch als Musiker muss es ja schon einen Unterschied machen, ob ihr nun unplugged spielt oder nicht.
Gustav Norén: Das Wort „unplugged“ bedeutet eigentlich nichts, entscheidend ist, wie die Musik klingt. Der Unterschied ist vor allem, dass es ein ein bisschen weniger technische Effekte gibt.
styleranking: Dafür kommt es umso stärker auf das handwerkliche Können der Musiker an. Wie seid ihr mit dieser Herausforderung umgegangen?
Gustav Norén: Es ist so wie ein Beweis des eigenen Könnens. Natürlich ist das eine Herausforderung, aber eine gute Herausforderung.
Carl-Johan Fogelklou: Wir sind gut genug dafür.
Gustav Norén: Es ist wie mit Licht und Dunkelheit.
styleranking: In wiefern?

Mando Diao stellten sich den Fragen von styleranking-Reporterin Gabriela M. Keller. Fotos: Friederike Ruff für styleranking
Gustav Norén: Es ist leichter, bei Licht zu arbeiten. Ich würde sagen, dass die technischen Effekte wie die Dunkelheit sind, in der man seine Fehler verstecken kann. Es ist so, wie wenn man beim Sex das Licht brennen lässt. Das macht es leichter, manchmal auch peinlicher. Ich mag es,wenn beim Sex das Licht brennt.
styleranking: Wo wir gerade beim Thema Licht und Exponierung sind: Vor einigen Jahren hat einer von euch in einem Interview gesagt, eure Musik wäre viel besser als die der Beatles und der Stones…
Gustav Noren: Ich habe das gesagt, aber nicht so: Ich habe gesagt, dass unser Album „Bring ‘Em In“ besser sein könnte als viele Platten der Beatles oder der Stones. Das denke ich heute nicht mehr.
styleranking: Ach so. War diese Äußerung dann auf jugendlichen Prahlerei zurückzuführen?
Gustav Norén: Nein, ich meine eher, wenn man als Künstler eine Platte herausbringt und nicht denkt: Das ist die beste Sache der Welt, dann wäre das schrecklich. Außerdem ist es nicht einmal besonders rebellisch, so etwas zu sagen, denn es kann ja niemand wiederlegen.
styleranking: Das nicht. Allerdings neigen Plattenkritiker dazu, einen an solchen Äußerungen zu messen.
Gustav Norén: An diesem Standard sollen sie uns auch messen.
styleranking: Mit eurem Selbstbewusstsein habt ihr also keine Probleme.
Carl-Johan Fogelklou: Das ist doch auch nicht notwendig, dass man das hat.
Gustav Norén: Es wäre wohl ein größeres Problem, wenn wir als Musiker damit Schwierigkeiten hätten.
styleranking: Das stimmt auch wieder. Schließlich werdet ihr bei eurer Tour vor wieder vor einer ganzen Menge von Leuten auftreten. Die Musik ist eine Sache, die Show eine andere. Wie wichtig ist euch, wie ihr auf der Bühne ausseht, was ihr für Klamotten anhabt?
Gustav Norén: Das ist uns sehr wichtig. Was zählt ist, dass es repräsentativ ist. Es ist, wie wenn man zu einer Beerdigung geht, oder einer Hochzeit oder einer Taufe. Man zieht sich auf eine Art und Weise an, die aussagt, dass man es ernst meint. Ich fühle mich sehr sicher, wenn ich etwas Repräsentatives trage. Ich will ja auch nicht, dass Obama in einer Jeans und einem Wu-Tang-Shirt (zeigt auf sein eigenes T-Shirt) auftritt. Bei bestimmten Anlässen muss man auf so etwas achten. Schließlich werden morgen Tausende von Leuten da sein. Für Mando Diao ist es sehr wichtig, der Welt zu zeigen, dass wir ernsthaft sind, und dass wir alles meinen, was wir sagen.
styleranking: Und ist das, was ihr anzieht, eure eigene Entscheidung? Oder nimmt euer Management auf diese Fragen Einfluss?
Gustav Norén und Carl-Johan Fogelklou: Nein, das ist einzig und allein unsere Entscheidung.
styleranking: Es ist also nicht so, dass jemand sagt: Zieht doch eher das an, das kommt bei den weiblichen Fans besser an?
Gustav Norén: Nein, wir haben nicht einmal einen Manager. Wir haben seit zwei Jahren keinen Manager mehr. Dieser Job ist ziemlich nutzlos, zumindest für eine gute Band.
styleranking: Wie groß ist der Unterschied zwischen euren Bühnen-Outfits und dem, was ihr privat tragt?
Carl-Johan Fogelklou: Wir laufen normalerweise nicht den ganzen Tag im Smoking herum.
Gustav Norén: Es liegt aber ziemlich nahe bei einander, denn es reflektiert unsere Persönlichkeiten.
styleranking: Es gibt in euren Outfits starke 60er-Jahre-Einflüsse.
Gustav Norén: Ja, natürlich.
styleranking: Wo kauft ihr die Sachen? In Vintage-Läden?
Carl-Johan Fogelklou: Nein, wir gehen gar nicht shoppen. Wir kriegen die Sachen umsonst zugeschickt, und das ist gut, weil wir gar nicht die Zeit zum Shoppen haben.
Gustav Norén: Wir haben ein sehr gutes Verhältnis mit der Marke Tiger of Sweden. Die habe dieselbe Einstellung zum Thema Klamotten wie wir.
styleranking: Und was wäre das für eine Einstellung?
Carl-Johan Fogelklou: Klamotten, die gut aussehen.
Gustav Norén: Es ist eine ernsthafte, aufrichtige Art der Mode. Dass das kein Spiel ist. Dass das eine ernste, eine todernste Angelegenheit ist, wo man alles meint, was man sagt.
styleranking: Habt ihr bestimmte Lieblingteile?
Gustav Norén: Ja, bei mir sind es Trenchcoats. Die mag ich am Liebsten. Leder-Trenchcoats.
styleranking: Und du?
Carl-Johan Fogelklou: Ich stehe total auf Kapuzenpullis, um ehrlich zu sein. Aber die würde ich nicht auf der Bühne tragen. Aber ich hab sie einfach gerne an.
Gustav Norén: Kapuzenpullis sind phantastische politische Kleidungsstücke.
styleranking: Wie bitte?
Gustav Norén: Nein das ist so.
styleranking: Weil es der der Stil der Kids auf der Straße ist?
Gustav Norén: Genau. Um anonym zu bleiben. Und auch um zu zeigen, dass sie nicht Teil des kommerziellen Systems sind. Es ist rebellische Kleidung.
styleranking: Aber kann ein Kleidungsstück tatsächlich rebellisch sein?
Gustav Norén: Ein Kapuzenpulli ist sehr rebellisch, eines der rebellischsten Teile, die man überhaupt anziehen kann. In bestimmten Bereichen in Großbritannien zum Beispiel sind sie verboten. Das zeigt, wie politisch sie sind.
styleranking: Nochmal zurück zu euren Einflüssen aus den 60er Jahren. Die prägen ja nicht nur euren Kleidungsstil, sondern auch eure Musik – so wie bei den meisten anderen Indie-Rockbands auch. Warum dieser ständige Blick zurück in die Vergangenheit?
Gustav Norén: Ich denke, es ist eine Art, Musik auf eine eher intellektuelle Weise zu sehe – aber das meine ich nicht positiv. Das ist nichts, was wir in 30 Jahren noch anhören werden. Indie-Rock ist der schlimmste Musikstil, der je auf die Erde gekommen ist. Hiphop und Funk und Soul und Blues und R’n’B und Rock, all das ist etwas Einzigartiges, etwas, worauf die Menschen aufbauen können. Indie-Musik ist nur ein Spiegel von etwas anderem. Das ist das schlimme daran.
styleranking: Aber euch ist schon klar, dass Mando Diao auch als Indie-Rockband gilt.
Gustav Norén: Ich weiß, ich weiß. Das ist schrecklich. Aber das ist etwas, wo wie gegen kämpfen müssen, da auszukommen. Jede Indie-Band sollte kämpfen, da raus zu kommen, weil diese Art zu Denken sinnlos ist. Sie haben diese Alternative-Aura, aber jeder weiß, dass das Wort alternative nichts damit zu tun hat, welche Art von Musik man macht. Ich meine, Rick James und James Brown waren alternativ auf eine Art, die zehn Mal effektiver ist als die von Indie-Bands wie den Strokes. James Brown hat ein Album mit fünf Platten über eine Trennung aufgenommen, und daraus eine Oper gemacht. Barry White hat Sinfonien geschrieben, und Isaac Hayes hat politische Aussagen getroffen, die heute gar nicht mehr möglich wären. Diese Leute sind sehr viel relevanter für die Musik als eine Band, die sich anhören will wie The Clash. Ich mag diese Bands absolut nicht.
styleranking: Ihr selbst klingt wie eine Band aus Nordengland, kommt aber tatsächlich aus einem Dorf namens Borläng. Wie hat euch diese Herkunft geprägt?
Gustav Norén: Borläng hat uns ehrgeizig gemacht. Musikalisch dagegen waren unsere Familien wichtiger. Wir sind sehr stark von unseren Eltern geprägt, und der Art, wie sie auf Musik zugegangen sind. Ich meine, das war eine Generation, die eine Revolution gemacht hat. Wir haben uns an diese Revolution angepasst. Und was sie gesagt haben, ist, dass du daraus so ziemlich alles machen kannst. Du kannst aus allem Musik machen, und es gibt keine Regeln. Borläng hat uns nur viel Antrieb gegeben, damit wir aus diesem Scheißloch herauskommen.
styleranking: Aber ihr ward doch als Teenager schon in einer Rockband. Ward ihr da nicht die coolen Kids?
Gustav Norén und Carl-Johan Fogelklou: Nein.
Gustav Norén: Es war nichts Cooles daran, in einer Rockband zu sein, als wir Jugendliche waren. Wir waren Freaks.
styleranking: Ich habe gehört, dass euer nächstes Album auf Schwedisch sein wird. Wird sich das auch auf eure Musik auswirken?
Gustav Norén: Man wird es vor allem in unseren Stimmen hören. Denn wenn wir auf Schwedisch singen, dann schauspielern wir nicht. Wenn du auf Englisch singst, musst du schauspielern. Aber dann wiederum weiß ich nicht, wie du das wahrnehmen wirst. Denn wenn du den Text nicht verstehst, dann kann ich nicht wissen, welche Gefühle der Song auslösen wird. Die Melodien aber, denke ich, sind sehr international.
styleranking: Aber das ist doch auch ein Risiko, weil die meisten Leute die Texte nicht verstehen.
Gustav Norén: Ja, in kommerzieller Hinsicht. Doch uns ist sehr wichtig, nicht kommerziell zu denken. Als wir „Dance With Somebody“ geschrieben haben, hätten wir auch nicht gedacht, dass das ein Hit wird. Es ist sehr wichtig für jede Band, nicht daran zu denken, was andere darüber denken werden, seien es Kritiker oder Fans oder sonst irgendwer.
Es war bereits das zweite Mal, dass styleranking sich in diesem Jahr mit Mando Diao zum Interview getroffen hat. Im Mai sprach styleranking-Reporter Brian Melican mit Björn Hans-Erik Dixgård und Carl-Johan Fogelklou über ihre Musik und ihren Mode-Geschmack...
Mando Diao Berlin
















