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Unikatfabrik: "Mode ist heute eine Kapitulation an den Gruppenzwang"
Gepostet am 05.01.2009 von Friederike
Achim Koerfer zeigt auf seiner Webseite unikatfabrik Bilder, die thematisch von analoger Fotografie bis hin zu zeitgenössischer Fotokunst reichen. Sein jüngstes Projekt befasst sich mit Mode. Er betitelt es mit "SYNTHESIZED FASHION". Worum es dabei geht und wie die Arbeit des Fotografen und Künstlers aussieht, hat styleranking für euch in Erfahrung gebracht. Enjoy....

Auszug aus dem Projekt "SYNTHESIZED FASHION". Fotos (6): Achim Koerfer
styleranking: Du bist, wie man auf deiner Webseite www.unikatfabrik.de sehen kann, mehr als nur ein Fotograf. Wie genau sieht deine Arbeit aus und wie beschreibst du sie selbst?
Achim: Mit meinen Arbeiten möchte ich ganz andere Perspektiven eröffnen, die dem Alltäglichen, Bekannten neue Faszination und (Wahn-)Sinn verleihen. Sie sprengen Grenzen, vereinen Gegensätze und erzählen Geschichten von der Wichtigkeit, auch andere Facetten als die Gängigen aufzuspüren und zu leben. Die ständige Suche nach neuen Sicht- und Betrachtungsweisen steht im Vordergrund meiner visuellen Wahrnehmung – und das Bewusstsein, ganz einfach Mensch zu sein. Schon die Tatsache, dass ich mit einer analogen Kamera fotografische Momente entstehen lasse, die stark digital wirken, zeigt diese Perspektivenverschiebung, den Sichtwechsel, das Erschaffen von etwas Neuem aus dem Bekannten.
Neues zu wagen, eigene Welten zu kreieren, sich selbst und seinem Stil treu zu sein, ist mein Antrieb hierfür. Es ist die Suche nach der eigenen Tiefgründigkeit, die mir eine ungewohnte, einzigartige und sehr persönliche Perspektive eröffnet. Meine Arbeiten, besonders die Fotosequenz zu "SYNTHESIZED FASHION", gewähren einen Blick hinter die Kulissen des schönen Scheins und vertrauter Erscheinungen, hinein in eine Paralleldimension, in der die alten Sehgewohnheiten neuen Regeln folgen. Dass dem Betrachter weitgehend der Bezug zu Ort und Raum entzogen wird, macht für mich den besonderen Reiz aus. So bleibt der darstellende Charakter bewusst erhalten, das Original bleibt sichtbar und erhalten. Bei meiner Arbeit gehe ich in der Regel erst einmal ohne Kamera an ein Thema oder einen bestimmten Ort heran. Hierbei lasse ich mich vollkommen von der Stimmung und der Situation inspirieren. Unterschiedliche Lichtstimmungen und -einfälle sowie das Wetter oder jahreszeitliche Phänomene sind weitere Kriterien bei der ästhetischen Entscheidung – und bestimmen maßgeblich die Wirkung und das Gelingen der Bilder.

Das Licht und die Umgebung bestimmen das Aussehen und die Wirkung der Bilder
Es geht mir um emotionale Auseinandersetzung mit den verschiedenen Themen. Ich versuche, nicht wie ein klassischer Fotograf zu arbeiten und Dinge auf ihre Weise umzusetzen und abzulichten. Viel mehr besteht für mich die Herausforderung darin, neue Schwerpunkte zu kreieren, neue Bildwelten zu erschaffen, die mit starken Farben und Motiven polarisieren. Es ist die Leidenschaft, von einer Phase des Lebens berührt zu werden und so eine Szene aus der allgemein gültigen Wirklichkeit als individuelle und dennoch interpretationsfähige Wahrnehmung festzuhalten. Fast könnte man behaupten, dass die Fotografie im klassischen Sinne das Gegenteil vom Leben darstellt, da die Fotografie statisch ist und das Leben mit all seiner Dynamik sich eigentlich nicht einfangen lässt, da sie sich ja im kontinuierlichen und ewigen Wandel befindet. Die Phantasie des Betrachters jedoch verleiht dem festgehaltenen Moment wieder Bewegung. Es kann die Einzigartigkeit eines Moments sein, ein UNIKAT. Die Prägungen und Assoziationen sind es, die aus einem Bild Tausende machen, denn für jeden bedeutet es etwas anderes.

Auch wenn Fotograf Achim seine Bilder bearbeitet, so bleibt das Original stets erhalten und sichtbar.
styleranking: Du hast eine Serie kreiert, die "SYNTHESIZED FASHION" heißt. Was willst du damit ausdrücken und was für einen Bezug hast du selbst zum Thema Mode?
Achim: Heutzutage erleben die Menschen eine Normierung durch Modediktate, die unerbittlich und fast unausweichlich von den Massenmedien propagiert werden. Die perfide und verheerende Wirkung dieser Geschmacksnivellierung wird verkannt und unterschätzt. Kaum jemand in unserer heutigen Gesellschaft kann sich noch diesem allgegenwärtigen und fast unterschwelligen Zwang wirklich entziehen. Wo einst die Mode ein freudiger Ausdruck des Individualismus und Rebellion gegen die Normen der Gesellschaft war, ist sie heute eher eine Bekenntnis zum Konformismus, eine Kapitulation an den Gruppenzwang. Man frönt dem gnadenlosen Konsum und zieht in die Markenschlacht. Gemäß dem Motto "Kleider machen Leute" will man dadurch gefallen oder gar imponieren, dass man sich im Gleichschritt mit der Masse uniformiert.
Individualismus kommt vom Innen, er fängt im Kopf an. Später vielleicht nimmt das Gewand, das Äußere, Züge dieser gewachsenen Eigenständigkeit an. Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass dieser innere Wert zur Schau gestellt werden muss, um zu überzeugen. Es geht um mehr, um Auseinandersetzung mit der Willkür und der Diktatur von Modetrends. Sie visualisieren die Degradation von individuellen Ideen zur Massenware - und so die Reduktion von Menschen auf Modepuppen.

Achim Koerfer stellt Mode in einem anderen Blickwinkel dar
Deshalb wählte ich als fast schon archaisches Sinnbild für die genormte Gesichtslosigkeit und Gleichmacherei des Modediktats auch die stummen, mit einheitlichen Gesichtern versehenen Schaufensterpuppen als Hauptakteure. In meinen Bildkompositionen verleihe ich den leb- und stimmenlosen Vorführfiguren eigenwillige Persönlichkeit und eine eigene Sprache. In einen neuen visuellen Kontext gesetzt, in ihrer ganz eigenen Kulisse, bekommen sie eine geheimnisvolle Schönheit und Tiefe jenseits aller Standardisierung und Gewohn(t)heit. Und sicherlich geht es mir auch um Befreiung von bürgerlichen Zwängen. Aber ist das nicht auch der wahre Grund, für den die Mode einstehen sollte?
Zu befreien, Vielschichtigkeit verschiedener Sichtweisen und Interpretationen erlauben, die die Wahrnehmung immer wieder aufs Neue herausfordern. Auch meine aktuelle Sequenz "SYNTHESIZED FASHION" ist ein visueller Appell für mehr Vielfalt - und gegen die gesichtslose Gleichmacherei durch das Mode- und Markendiktat. Mode verstehe ich derzeit als Kollektivzwang, der von dem jeweils aktuell herrschenden Zeitgeschmack geprägt wird und Segen und Fluch zugleich darstellt. Wenn auch oftmals nur oberflächlich und generisch, kann Mode durchaus inspirieren.

Schaufensterpuppen sind die Hauptakteure des Projektes "SYNTHESIZED FASHION"
styleranking: Du hast schon viele spannende Projekte gemacht und auch klasse Referenzen. Was war bisher dein interessantestes Projekt und was hast du erlebt, was dich geprägt oder sehr berührt hat?
Achim: Entscheidend für meine tiefere Auseinandersetzung mit der Fotokunst war eine Nahtoderfahrung im Jahre 1989. Von diesem Zeitpunkt an änderte sich mein Weltbild völlig. Mein neues Leben öffnete mir eine neue Betrachtung der Wirklichkeit. Demnach schicke ich Menschen nicht nur auf eine Entdeckungsreise, sondern begleite den Betrachter z.B. bei Ausstellungen wie in Amsterdam oder Hamburg, auf seiner eigenen Reise hin zu sich selbst. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, sich meine Arbeiten jederzeit auf der Website: www.unikatfabrik.de anzuschauen. Denn auch für mich ist es jedesmal spannend, wie die Bilder von außen gesehen werden, welche Ergebnisse meine Arbeit hat, wie die Kompositionen gelungen sind, wie sie wahrgenommen und interpretiert werden. Die Innenschau ist gleichermaßen aufschlussreich; das Werk wird zum Spiegelbild, dass mir viel über meine Stimmungen und Wahrnehmungen zum Aufnahmezeitpunkt verrät. Jedes neue Motiv ist ein weiteres Puzzleteil, dass auch mir klarer macht, wer ich bin, was mich antreibt – und entdecke mich dadurch ständig neu.

"SYNTHESIZED FASHION" zeigt nicht einfache Fotografie - der künstlerische Aspekt spielt eine große Rolle
Als Mensch und Fotokünstler ist mir soziales Engagement ein besonderes Anliegen. Die Zusammenarbeit mit verschieden Hilfsorganisationen hilft mir persönlich, so auch einen Beitrag leisten zu können, wie beispielsweise mit „ART 4 AID", ein von der Chapter of the Junior Chambers International (Niederlande) gemeinsam mit und für die UNICEF ins Leben gerufene und mit weiteren Sponsoren durchgeführtes, internationales Kunstprojekt. Die Erlöse der von Sotheby’s versteigerten Kunstwerke unterstützten Erziehungs- und Lernprogramme für Kinder. Denn gerade Bildung und Wissen sind essentielle Werkzeuge des Lebens, Überlebens und der Lebensgestaltung. Durch sie wird Erfahrung zu Erkenntnis - und in letzter Konsequenz zu Entwicklung. Und "Entwicklung" ist das Leitmotiv meines Lebens - auf mehr als nur auf der fotografischen und künstlerischen Ebene.
styleranking: Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg mit Deinen Arbeiten!
Achim Koerfer hat bereits im Alter von acht Jahren die Fotografie entdeckt. Seine ersten Erfahrungen machte er mit der alten Kamera seines Vaters, mit der er alles in seiner Umgebung festhielt. Im Laufe der Jahre entwickelte sich die Fotografie zu einer Leidenschaft, die er jedoch zugunsten einer Karriere in Industrie und Wirtschaft erstmals nur nebenher ausüben konnte. Bei einer Europareise entwickelt er dann den fotografischen Stil, den Blick vom real Wesentlichen auf neue Schwerpunkte in den Motiven zu lenken. Er stellte sich der Herausforderung, neue Bildwelten zu erschaffen, die mit starken Farben und Motiven polarisieren.
Das Interview führte Friederike Bulbeck von styleranking.
