MBFWB Winter 2016

André Märtens von L'Oréal Professionnel: "Haare sind ein wertvoller Schmuck"

22.01.2016 / 12:00 Uhr

Während der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin sehen wir uns nicht nur die wichtigsten Schauen an, sondern riskieren ab und an auch einen Blick hinter die Kulissen. styleranking-Redakteurin Katrin traf André Märtens backstage zum Interview. Der Head of Hair L'Oréal Professionnel stellte sich ihren Fragen und verriet, für welche Shows er die Models am liebsten stylt, was man im echten Leben wagen kann und ob spezielle Treatments wirklich etwas bringen.

styleranking-Redakteurin Katrin traf André Märtens, Head of Hair L'Oréal Professionnel, backstage zum Interview.   Copyright: styleranking

styleranking: Ist es nicht schwer, die Looks bei allen Models gleich aussehen zu lassen?

André Märtens: Nein, die meisten Mädchen haben ja lange Haare, so dass wir ihnen dieselben Frisuren machen können. Natürlich versuchen wir die Looks anzugleichen. Wenn zum Beispiel kurzhaarige Mädchen dabei sind, verwende ich auch mal ein Haarteil, damit der Style ähnlich aussieht.

styleranking: Inwieweit stimmen Sie sich bei der Stilerstellung mit den Make-up-Artisten ab?

André Märtens: Wir erarbeiten die Looks in enger Zusammenarbeit mit Boris Entrup und seinem Team bei Maybelline New York. Wenn der Gesamtlook nicht funktioniert, muss er abgeändert werden. Nachher haben wir eine gemeinsame Lookbookprobe, die drei bis vier Tage vor der Show zusammen mit dem Dress festgelegt wird.

styleranking: Sind alle Frisuren, die man auf der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin sieht, auf den Alltag übertragbar?

André Märtens: Nein, auf der Fashion Week sieht man oft eine übertriebene Darstellung von Ideen. Die kann man nicht eins zu eins in den Alltag übertragen. Aber ein bisschen was bleibt und auch als Friseur übernimmt man das unbewusst in den Salon. Spannend ist, dass man durch das Hairstyling für die Shows immer neuen Einflüssen ausgesetzt ist und über seine Arbeit anders nachdenkt. Erst vor kurzem wurde ich wieder gefragt, was ich von pinken und blauen Strähnen halte. Sobald ein solcher Trend auf der Fashion Week gezeigt wurde, machen 0,5 Prozent der Bevölkerung ihn mit, was auch ganz witzig sein kann. Aber man muss sich ja nicht gleich komplett einfärben, sondern kann sich auch für einen Abend mal künstliche pinke Strähnen ins eigene Haar clipsen.

Zur Odeur-Show bekommen die Models einen einheitlichen Look, für den als erstes die Haare geglättet werden. Fotos (3): Katrin Völkner für styleranking   Copyright: Katrin Völkner für styleranking

styleranking: L'Oréal Professionnel und die Mercedes-Benz Fashion Week Berlin gehören fest zusammen. Auch Sie sind seit der ersten Stunde dabei und als Head of Hair für die Haare der Models verantwortlich. Wie hat sich die Fashion Week in Ihren Augen entwickelt und was hat sich für Sie in dieser Zeit geändert?

André Märtens: Die Fashion Week ist im Laufe der Jahre deutlich gewachsen und damit auch der Anspruch. Wir haben mit zehn oder elf Schauen angefangen, heute sind es vierzig. Auch unsere Arbeit hat sich gut entwickelt. Heute erstellen vier meiner Leute im Vorfeld ein Lookbook, in dem alle Infos zu den jeweiligen Looks vermerkt sind.

styleranking: Wann beginnt ihr damit, die Looks zu kreieren, und was ist die eigentliche Herausforderung?

André Märtens: Wir starten sehr früh mit den Looks, im Grunde sammle ich schon das ganze Jahr über Ideen. Grundsätzlich versuche ich immer dafür zu achten, dass die Frisuren je Show unterschiedlich sind. Jeder Designer hat seine eigene Aussage und mit den Jahren weißt du, wer für einen schlichteren Look steht und bei wem du etwas mehr wagen kannst. Natürlich kann es sein, dass Designer ähnliche Styles haben, aber ich mag es, wenn sie von sich aus ein bisschen mehr mit den Haaren machen wollen. Auch in der Zusammenarbeit mit den Friseuren ist die Abwechslung wichtig, damit sie für sich selbst einen Mehrwert aus der Fashion Week ziehen können.

styleranking: Beschränken Sie sich grundsätzlich auf einen Hairstyle pro Show?

André Märtens: Pro Show stylen wir im Normalfall ein bis zwei Looks, manchmal auch drei. Bei der Show von Maybelline New York vor ein paar Tagen hatten wir 24 verschiedene Looks, was natürlich sehr aufwändig war und fast einer eigenen kleinen Fashion Week glich. Auch Irene Luft haben wir auf der Mercedes-Benz Fashion Week im letzten Sommer ein eigenes Showformat verpasst, bei der jedes Model eine eigene Frisur hatte. Zum Teil gibt es dann wieder weniger aufwändige Shows, zum Beispiel wo man den Look eines Kampagnenshootings wieder aufgreift und ihn dann nur noch Laufsteg-kompatibel umsetzt.

styleranking: Sollte man Ihrer Meinung nach also lieber seine natürliche Haarfarbe beibehalten?

André Märtens: Nein, mit Farbe kann man ruhig was machen. Es wird erst kritisch, wenn man hin und her färbt und deshalb ein Haarproblem hat. Man muss sich eben schon im Vorfeld Gedanken machen, was man mit den eigenen Haaren macht. Bevor man eine Tönung oder Färbung verwendet, sollte man vielleicht eine Strähne ins Haar halten, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was einem steht.

styleranking: Im Alltag und im Internet sieht man immer Mädels, die extreme Hairstyles tragen. In der Bloggerwelt etwa sind grau gefärbte Haare beliebt, viele tragen einen Undercut. Was halten Sie von solchen Extremen?

André Märtens: Das ist es doch, was Leuten Personality gibt, und ich habe vollstes Verständnis dafür. Und wenn man sich eine Glatze rasiert – letzten Endes zählt, dass man sich selbst damit wohl fühlt. Sobald man in den Spiegel blickt, muss man sagen können: Ja, das bin ich. Wenn eine Frisur vorher schon jemand hatte und viele sich inspirieren lassen, wird es kommerziell. Aber kommerziell muss ja nicht immer schlecht sein. Trotzdem sollte man über einen neuen Hairstyle schon vorher nachdenken und sich nicht spontan einfach die Haare abschneiden lassen. Das ist anders als bei der Mode, deine Frisur kannst du nicht so schnell wechseln. Haare sind ein wertvoller Schmuck und man muss gewissenhaft mit ihnen umgehen.

Die Hair-Stylisten von L'Oréal Professionnel legen noch letzte Hand an – und schon geht es in die Kreationen von Odeur und auf den Catwalk.   Copyright: Katrin Völkner für styleranking

styleranking: Sie leiten einen eigenen Friseursalon auf der Lietzenburger Straße in Berlin. Welches Ziel verfolgen Sie bei der Beratung Ihrer Kunden?

André Märtens: Der Grundanspruch aller Kunden ist es, mit einem guten Gefühl aus dem Laden zu gehen und sich mit seinem neuen Hairstyle schön zu finden. Dafür können wir nicht einfach nach Schema F arbeiten, sondern müssen uns mit den Menschen auseinandersetzen. In der Ausrichtung ist mein Salon eher konservativ und die Kunden haben einen gewissen Anspruch. Trotzdem sind sie unterschiedlicher Coleur und brauchen jeweils eine individuelle Beratung.

styleranking: Zurzeit werden Treatments stark nachgefragt, zum Beispiel Olaplex oder Keratin-Behandlungen. Sind sie wirklich so gut wie ihr Ruf?

André Märtens: Olaplex hat ja einen wahnsinnigen Schub durch die Presse genommen. Ich bin noch nicht wirklich davon überzeugt. Wir sind grundsätzlich ein innovativer Salon, das heißt wir kennen uns gut aus mit allem, was es am Markt gibt. Es gibt aber Kunden, die sich Keratin-Behandlungen in Dubai verpassen lassen und dann bei uns sitzen und dasselbe erwarten. Leider stoßen wir da schnell an unsere Grenzen. Die Produkte und Treatments, die am besten wirken, sind für unseren Markt verboten, weil sie zum Beispiel krebserregende Inhaltsstoffe haben. Dann verzichten wir lieber darauf. Ich hatte jetzt noch nicht die Keratin-Behandlung, die mich überzeugt hat.

styleranking: Wir alle kennen Bad-Hair-Days. Was macht man an einem Tag, an dem die Haare einfach nicht sitzen?

André Märtens: Ein Bad Hair Day hat nichts mit den Haaren selbst zu tun, sondern eher mit der Grundeinstellung, wie man seine Haare sieht. Haare sind einfach so oder so. Wenn man einen guten Friseur für die Basis hat, kann man das alles etwas lockerer sehen. Schlimmer als ein Bad-Hair-Day ist mit Sicherheit das Gefühl, wenn du beim Friseur warst und er deine Haare falsch gefärbt oder verschnitten hat.

Und so sieht der fertige Look von Andre Märtens und seinem Team bei L'Oréal Professionnel aus!   Copyright: Katrin Völkner für styleranking

styleranking: Zurück zur Fashion Week. Es liegen noch ein paar Tage Catwalk-Shows vor uns – gibt es eine Show, auf die Sie sich besonders freuen?

André Märtens: Da kann ich mich nicht festlegen. Mir macht es Spaß, für alles Designer zu arbeiten. Am meisten freue ich mich jedoch auf die Shows, für die man viel mit den Haaren machen kann und wo man eine Veränderung sieht. Das hat einfach einen Mehrwert für die Designer und auch backstage für mein Team.

styleranking: Vielen Dank für das Gespräch.

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