ElternBloggerCafé-Expertin Maike Henze im Interview

Wie sich Kinder wirklich gesund und ausgewogen ernähren

Franziska Gajek
Von Franziska Gajek
26.11.2020 / 17:11 Uhr

Vegan, vegetarisch oder zuckerfrei - wie ernähren sich Kinder gesund und ausgewogen? Dieser Frage gehen wir beim ElternBloggerCafé Virtual Edition II mit spannenden Gästen auf den Grund. Eine davon: Die Oecotrophologin Maike Henze, die sich mit ihrer Arbeit und ihrem Blog Frau Familienfutter auf das Thema Ernährung im Kontext von Familien spezialisiert hat.

Sie weiß, was die Studienlage zu veganer Ernährung für Kinder sagt und wie Eltern Diskussionen rund um "Teller leeressen" oder gesundes Gemüse geschickt lösen oder gleich umgehen können.

Gemeinsam kochen, den Kindern etwas zutrauen - dafür plädiert Maike Henze.   Copyright: Shutterstock

styleranking: Hat sich das Wissen um gesunde Ernährung in den vergangenen Jahren gesteigert oder vermindert?

Maike Henze: Generell ist der Zugang zu Informationen rund um eine gesunde Ernährung in den vergangenen Jahren gestiegen. Wenn ich mich in meiner Instagram-Blase umsehe oder auf den vielen Koch-, Fitness- oder Elternblogs, dann bekomme ich den Eindruck, dass alle Kinder unter einem Jahr zuckerfrei leben, Familien versuchen, sich selbst zu versorgen und leckere vegetarische und vegane Gerichte kochen und natürlich in Bewegung sind.

Diese Lebensrealität trifft aber nicht auf alle zu. Insbesondere bei Familien mit niedrigem Einkommen und geringer Bildung kommt das Wissen kaum an und die früher selbstverständlichen Kochfähigkeiten gehen verloren. Da würde ich die Frage also eher mit „nein“ beantworten.

Im ersten Corona-Lockdown sind zum Beispiel sehr viele Kita- und Schulkinder über Wochen zu Hause gewesen, die sonst ihre einzige vernünftige Mahlzeit in den Einrichtungen bekommen. Da müssen Politik und die Menschen aus dem Ernährungssektor hinsehen. Allerdings gibt es in diesen Haushalten schwerwiegendere Probleme als eine gesunde Ernährung.

Wissen um gesunde Ernährung kommt da an, wo die Kapazitäten existieren, um es aufzunehmen. Deshalb sind Präventionsangebote so wichtig.

"Es gibt es unzählige kindgerechte Gerichte, die Eltern „gesund“ gestalten können"

styleranking: Welche Ernährungsmythen begegnen dir in der Beratung regelmäßig, wenn es um Kinder und Ernährung geht?

Maike Henze: Der häufigste Mythos ist wahrscheinlich, dass viele Eltern denken, gesundes Essen müsse gesund aussehen und schmecken und damit für die Kinder automatisch unattraktiv sein. Allerdings gibt es unzählige kindgerechte Gerichte, die Eltern „gesund“ gestalten können. Und dann sind alle glücklich mit der Mahlzeit.

Ganz oft begegnet mir die Annahme, dass Kinder Lebensmittel nicht mögen, nur weil sie sie einmal in dieser speziellen Zubereitung nicht gegessen haben. Das Kind verzieht das Gesicht und würgt vielleicht sogar. Ziemlich eindeutige Körpersprache, oder?

Aber jeder der mal Möhrenrohkost gegessen hat, kann bestätigen, dass die anders schmeckt als gekochtes Möhrengemüse. Die Temperatur ist anders, die Konsistenz, das Mundgefühl und der Geschmack. Also sind die unterschiedlichen Zubereitungsarten bei allen Lebensmitteln eine Möglichkeit zu testen, was besser ankommt.

Außerdem muss ein Kind einen Geschmack ca. 15 bis 20 Mal geschmeckt haben, bis sich eine Vorliebe oder Abneigung wirklich ablesen lässt. Es ist also super, wenn Eltern die Lebensmittel immer mal wieder anbieten und schauen, was passiert.

Der letzte Mythos begegnet mir in meinen Beikostberatungen. Es hält sich hartnäckig das Ammenmärchen, dass Kinder unbedingt mit 5 Monaten was Festes brauchen, weil sie sonst nicht mehr satt werden und eine deftige Abendmahlzeit beim Durchschlafen hilft. Das ist beides totaler Unsinn. Der richtige Zeitpunkt für den Beikoststart liegt irgendwo zwischen der 17. und der 28. Lebenswoche des Kindes. Die meisten entwickeln hier Beikostreifezeichen. Bis dahin kommen sie super mit Muttermilch oder Formulanahrung aus. Der „dicke“ Abendbrei führt im Übrigen oft eher zum Gegenteil vom Durchschlafen.

styleranking: Was sind die Grundpfeiler einer gesunden Ernährung für Kinder?

Maike Henze: Intuitives Essen. Kinder dürfen nicht verlernen, Hunger und Sättigung richtig einzuschätzen. Das konnten wir als Babys alle mal und haben es uns fleißig abtrainiert.

Ich finde es sehr wichtig, Kindern etwas zuzumuten. Sie sind von Natur aus kompetent und interessiert. Kinder, die beim Zubereiten und Kochen nicht mitmachen dürfen, weil die Eltern Angst haben, verlieren die Lust und das Interesse. Da würden mehr Vertrauen und altersgerechte Aufgaben einen großen Unterschied machen. Ein großer Dorn im Auge sind mir auch die Kinderspeisekarten im Restaurant. Ich habe schon so oft gesehen, dass die Kinder nur die zur Auswahl bekommen und keinen Blick in die „Große“ werfen können. Sie haben dann die Auswahl zwischen Nuggets mit Pommes, Schnitzel mit Bratkartoffeln und Spaghetti Bolognese. Da wünsche ich mir mehr Flexibilität der Gastronomie und mehr Ideenreichtum der Eltern. Bei der Lebensmittelauswahl gilt das Gleiche, wie für uns Große. Je weniger Zutaten und je weniger verarbeitet, desto besser.

styleranking: Was sagt die Oecotrophologie zu veganer Ernährung für Kinder?

Maike Henze: Vegane Ernährung von Kindern ist grundsätzlich möglich. Diese Einstellung ist noch recht neu und hat sich erst durch einige Studien in den vergangenen Jahren geprägt. Bei vegan ernährten Kindern empfiehlt sich tatsächlich Langzeitstillen über das erste Lebensjahr hinaus, weil die Mutter so für eine gute Eiweißversorgung sorgen kann und über die Nahrungsergänzungsmittel, die sie nimmt, auch das Kind mit z.B. ausreichend Eisen versorgen kann. Für alle Babys ab Beikostalter ist es außerdem wichtig, dass sich Eltern ausführlich beraten lassen. Kinder vegan ernähren funktioniert nicht nebenbei. Im besten Fall kontaktieren Eltern eine Ernährungsfachkraft, also Diätassistentin oder Oecotrophologin, die sich mit veganer Kinderernährung auskennt. Dafür gibt es unter Umständen sogar finanzielle Unterstützung von der Krankenkasse. Bei Kinderärzten kann man Glück haben, dass sie sich persönlich für das Thema „vegane Ernährung“ interessieren, sich fortgebildet haben und dann gute Infos weitergeben. Wer auf der Suche nach Beratung ist, hat es seit Corona noch einfacher, weil jetzt so ziemlich jede Ernährungsfachkraft auch digital berät. Nähere Infos und eine Fachkraftsuche gibt es bei den Berufsverbänden www.vdd.de, www.vdoe.de und www.vfed.de.

Maike Henze ist Oecotrophologin, Diätassistentin und selbst Mama.   Copyright: Maike Henze

styleranking: Was tun, wenn die altbekannte Diskussion rund um Gemüse und Co. los geht?

Maike Henze: Wichtig ist, dass wir von diesem Bild wegkommen, dass eine vollständige Mahlzeit aus drei Komponenten, also Fleisch, Gemüse und Kartoffeln besteht. Dieser Glaubenssatz ist tief in uns verankert. Übrigens ein sehr deutsches Phänomen. Manchmal essen Kinder mittags nur Kartoffeln und Ei und zwei Stunden später zum Snack einen Apfel und einen Haufen Gurkensticks. Das ist ok.

Ich mag solche Sätze wie: „Stell dir vor es schmeckt dir, dann hast du echt was verpasst“ oder „Guck mal, es gibt heute Kohlrabi. Der ist weich und schmeckt etwas süßlich.“ Das nimmt Kindern die Hürde vor dem komplett Unbekannten.

Die letzte Ebene ist die Beziehungsebene. Gerade ältere Kinder kennen die Muster ihrer Familie sehr genau und wissen, wie Eltern auf unterschiedliche Handlungen reagieren. Über Essen oder nicht Essen haben viele Kinder ihre Eltern förmlich „in der Hand“. Hier hilft der ehrliche und freundlich formulierte Satz „du musst das nicht essen“. Damit lösen sich viele Probleme in Luft auf.

"Lasst Süßigkeiten nicht zur Begehrlichkeit werden"

styleranking: Wie reagieren Eltern auf folgende Szenarien: Teller nicht leer essen, Spielen mit Essen, Diskussion um Süßigkeiten?

Maike Henze: Da stecken die typischen Glaubenssätze in Sachen Ernährung hinter. Ich empfehle, sich da mit den Partner:innen ein Gespräch zu führen. Hier sollte man sich fragen, welche Regeln überhaupt Sinn machen.

Dan helfen ganz einfach Tricks, wie zu üben nur so viel auf den Teller zu tun, dass das Kind es schaffen kann. Das klappt oft besser, wenn sich Kinder selbst bedienen dürfen. Da gibt es sehr viele Stellschrauben, um gar nicht darüber sprechen zu müssen, den Teller leer zu essen.

Im Bezug auf Süßigkeiten gibt es für mich einen Aspekt den Eltern wirklich verinnerlichen sollten. „Lasst Süßigkeiten nicht zur Begehrlichkeit werden“. Lasst sie nicht so attraktiv werden, dass sie zum Dauerthema werden. Das geht beispielsweise, wenn die Kinder nicht erst fragen müssen, ob sie etwas Süßes haben dürfen, sondern eine kleine Süßigkeit mit auf dem Abendbrotteller liegt. So wird die Süßigkeit zum Bestandteil des Abendessens und verliert an Bedeutung für die Kinder.

styleranking: In welchen Bereichen sollten Eltern streng sein und wo ist es okay, auch mal nicht perfekt zu agieren?

Maike Henze: Eltern sollten beim Thema Mahlzeiten konsequent agieren. Dazu zählt, keine Snackkultur entstehen lassen, in der Kinder durchgängig Essen in der Hand haben. Mahlzeiten sollen klar von Spielzeiten etc. abgegrenzt sein.

Du machst dein Kind nicht kaputt, wenn es ab und zu vor dem Fernseher isst oder die Raviolidose auf dem Tisch landet. Solange es nicht die Regel wird, kann das Kind sowas super unterscheiden.

Alles was Eltern verbieten ist automatisch doppelt so interessant. Deshalb wissen meine Kinder beispielsweise wie ein Burger bei der goldenen Möve schmeckt und haben dadurch gelernt, dass es ab und zu vielleicht ganz nett ist dort zu essen, aber auf Dauer nicht besonders lecker. Sie ziehen mittlerweile andere Burger vor.

Und ja, die absoluten No Go's sind natürlich koffeinhaltige Getränke und Alkohol, gerade die Energydrinks bei Teenagern sind total problematisch. Auch Saft und Limos als einzige Getränke sind für mich ein No Go. Bei Kleinkindern gibt es einige Lebensmittel, die wirklich gesundheitsgefährdend sind, wie z.B. Honig für unter 1-jährige.

styleranking: Wie können Eltern ihre Kinder für das Thema Essen sensibilisieren?

Maike Henze: Vorbild sein ist die kurze Antwort. Kindern was zutrauen und sie mitmachen lassen. Wenn ich als Elternteil selbst ein sehr spezielles Essverhalten habe, sei es aus der Kindheit oder anderen Situationen wie z.B. einer Essstörung, dann macht es durchaus Sinn, sich dahingehend Hilfe zu holen. Das kennen Eltern sicherlich aus ihrer Elternschaft, dass da „alte“ Themen nochmal aktuell werden. Denn ja klar, der Einfluss meiner eigenen Essbiographie auf die meiner Kinder ist hoch.

"Wer glaubt, für 1,70 € ein hochwertiges Mittagessen in der Großküche herstellen zu können, liegt falsch"

styleranking: Welche Verbesserungsmöglichkeiten siehst du hier bei Schulen und Bildungseinrichtungen?

Maike Henze: Der Anfang ist gemacht. Viele Kinder in Deutschland werden täglich in Bildungseinrichtungen verpflegt und dadurch haben wir Einfluss auf ihre Ernährung. An vielen Stellen sehe ich aber Ausbaupotential. Es geht darum die Caterer, Küchenkräfte und das pädagogische Personal zu schulen und zu empowern, Kindern ein gutes Ernährungsverhalten beizubringen. Geld spielt dabei natürlich eine Rolle. Wer glaubt, für 1,70 € ein hochwertiges Mittagessen in der Großküche herstellen zu können, liegt falsch. Es muss dringend am Standard der Verpflegung gearbeitet zu werden.

Leider fehlen hier wieder die Vorbilder. Viele Kitaerzieher:innen haben selbst kein entspanntes Verhältnis zum Essen und könnten Unterstützung gebrauchen, um das an die Kinder weiter zu geben. Ich verstehe nicht, warum es nicht selbstverständlich ist, dass Lehrer:innen und pädagogische Fachkräfte in den Einrichtungen mit verpflegt werden. Essenszeit ist auch Bildungszeit!

"Durch leidenschaftlich geführten Diskussionen baut sich Druck auf"

styleranking: Diskussionen rund um Ernährung werden oft leidenschaftlich geführt. Warum ist das so?

Maike Henze: Jeder sollte schauen, was zu sich und der eigenen Familie passt. Das kann extrem individuell und von Tag zu Tag verschieden sein. Deshalb bringen die Ernährungs-Diskussionen nichts. Jeder Mensch ist anders und das gilt auch für die Ernährung. Durch leidenschaftlich geführten Diskussionen baut sich Druck auf. Nur weil beispielsweise meine Nachbarn vegan leben und sehr glücklich damit sind, passt das noch lange nicht zu meiner Familie in der es vielleicht ein riesiger Fortschritt ist, einmal in der Woche vegetarisch zu kochen.

Da bekommen Eltern das Gefühl, sie täten etwas Furchtbares, wenn sie ihrem Kind im Laden eine Brezel kaufen. Dabei sind sie vielleicht gerade einfach froh, dass das Kind nach einer Dauerstillphase endlich wieder Lust auf feste Nahrung hat und gerade diese Brezel annimmt. Auch meine sämtlichen Empfehlungen zur „gesunden Kinderernährung“ gelten nicht für jedes Kind. Es kommt immer darauf an, welche Geschichte das Kind und die Eltern mitbringen.

Menschen haben in der heutigen Zeit das dringende Bedürfnis sich festzulegen und in eine Schublade einzuordnen, statt einfach auf ihr Bauchgefühl zu hören und auf die Meinung der Anderen zu pfeifen. Dabei wäre das so viel entspannter für alle!

styleranking: Kannst du uns Blogs oder Instagram-Accounts empfehlen, wo Familien abwechslungsreiche Inspiration in Sachen Essen bekommen?

Maike Henze: Ich würde das ein wenig in Altersgruppen einteilen. Eltern mit großen Kindern und die die auf der Suche nach tollen Rezepten sind, finden bei Lisa von dinkel_und_beeren oder bei dagmarvoncramm tolle Inspirationen.

Eltern mit kleineren Kindern schauen sich am besten bei die_esshelden um. Da gibt es jede Menge Input zum Thema Lunchbox und Ernährung von Kitakindern.

Auf meinem Instagramkanal frau_familienfutter sind Eltern mit Kindern bis drei Jahren richtig. Wir sprechen über Beikost, Übergang zum Familientisch und generelle Themen wie Mealplanning. Wer gerne Podcasts hört ist bei Verena von „Herz auf der Zunge“ richtig. Wir haben gemeinsam eine Folge zum Thema „Kinder und Gemüse“ gemacht.

styleranking: Vielen Dank für das Interview.

Die mit Shutterstock gekennzeichneten Bilder stammen aus der Datenbank Shutterstock.

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