Schulpolitik in NRW

Franziska Müller-Rech (FDP): "Wir drücken bei der Digitalisierung pandemiebedingt kräftig auf die Tube"

Franziska Gajek
Von Franziska Gajek
16.12.2020 / 13:22 Uhr

Franziska Müller-Rech (FDP) ist Landtagsabgeordnete des Landes NRW und steht als schulpolitische Sprecherin im direkten Austausch mit jenen, die in besonderem Maße von der Krise und den Maßnahmen von Bund und Länder zur Eindämmung des Corona-Virus betroffen sind: Schüler:innen, Lehrer:innen und Eltern.

Darüber sprechen wir unter der Headline #Coronaeltern beim ElternBloggerCafé Virtual Edition II mit ihr. Im Zuge des erneuten Lockdowns, der am vergangenen Sonntag bundes- und landesweit beschlossen wurde, beantwortet Franziska unsere Fragen aus dem Online-Event erneut - unter Berücksichtigung der neuesten Entwicklungen.

Franziska Müller-Rech (FDP) ist schulpolitische Sprecherin des Landes NRW.   Copyright: Franziska Müller-Rech

styleranking: Welche Kernproblematiken tragen Lehrer und Schulen gerade an Sie heran?

Franziska Müller-Rech: Die Schulen wünschen sich in diesen unsteten Zeiten gerade größtmögliche Planungssicherheit und langfristige Regelungen. Das kann ich sehr gut verstehen, ist aber eine große Herausforderung für uns. Wir wollen Gesundheitsschutz einerseits und Bildungschancen andererseits gewährleisten. Dieser Spagat ist in der Schulpolitik sehr schwierig, weil in Schulen naturgemäß sehr viele Menschen zusammenkommen.

styleranking: Welche Probleme äußern die Eltern?

Franziska Müller-Rech: Die Familien sind im ersten Lockdown im Frühjahr an ihre Belastungsgrenze und darüber hinausgegangen. Von heute auf morgen waren Schulen und Kitas geschlossen und die Eltern mussten die Kinderbetreuung, Home-Schooling und ihre beruflichen Verantwortlichkeiten unter einen Hut bringen. Die Großeltern fielen als Angehörige der Risikogruppe leider als Hilfe aus. Mein Eindruck ist, dass viele Familien nach dem ersten Lockdown einfach „am Ende“ waren – was Urlaubstage angeht, aber manche eben auch finanziell und nervlich. Daher war uns in NRW die Bildungs- und Betreuungsgarantie so wichtig. Wir wollen den Familien eine so schwierige Situation nicht noch einmal zumuten.

styleranking: Bekommen Sie viele Zuschriften von Eltern, die mit der aktuellen Regelung in den Schulen nicht einverstanden sind?

Franziska Müller-Rech: Grundsätzlich bekomme ich immer viele Zuschriften von Eltern, Großeltern, Schülern und Lehrkräften. Wie Sie sich sicher vorstellen können, setzen sich die wenigsten hin, um ihrer Abgeordneten zu schreiben, was wir alles richtig machen - aber auch die Zuschriften gibt es. Die meisten E-Mails von Eltern sind sehr konstruktiv und enthalten kreative Ideen, die wir auch gerne diskutieren und aufgreifen. Leider muss ich dazu aber auch sagen, dass die Anzahl beleidigender und respektloser Nachrichten in der Krise zugenommen hat, insbesondere in den Sozialen Medien. Ich habe generell den Eindruck, dass bei vielen manchmal die Nerven blank liegen – da nehme ich mich selbst auch nicht aus.

styleranking: Wie begegnen Eltern und Lehrer der Diskussion um verlängerte Weihnachtsferien?

Franziska Müller-Rech: In meiner Wahrnehmung steht der Großteil der Menschen verlängerten Ferien und dem erneuten Lockdown positiv gegenüber. Das ist jetzt quasi die Notbremse. Es ist wichtig, dass wir als Gesellschaft an einem Strang ziehen, wenn wir das Virus besiegen wollen, und uns alle an die beschlossenen Maßnahmen halten.

Die verlängerten Ferien können zusammen mit dem Lockdown jetzt wirklich eine massive Verbesserung der Infektionslage herbeiführen. Uns ist es dabei wichtig, die Betreuung für die Kinder bis einschließlich Klasse 7 zu sichern und dass die Eltern selbst entscheiden können, ob sie selber ihre Kinder betreuen oder in die Kita oder die Schule schicken.

Für die Lehrkräfte haben wir noch organisatorische Fragen geklärt, zum Beispiel ob geplante Klassenarbeiten und Klausuren geschrieben werden können. Diese sind oft schon ein halbes Jahr im Voraus geplant. Da wollten wir den Schulen keine Steine in den Weg legen und lassen auch diese Entscheidung bei denjenigen, die es am besten einschätzen können: Bei den Lehrerinnen und Lehrern.

styleranking: Was sind die wesentlichen Gründe, die Schulklassen in der Corona-Krise nicht aufzuteilen?

Franziska Müller-Rech: Ein ganz einfacher Grund ist der, dass wir gar nicht genug Lehrkräfte und Räume haben, um adhoc die Klassen zu teilen. Wir haben ohnehin einen großen Lehrkräftemangel in NRW zu beklagen.

Wenn mit dem Vorschlag gemeint war, die Schülerinnen und Schüler „hybrid“ zu unterrichten, also eine Hälfte von zu Hause und die andere Hälfte in der Schule, dann klingt das erst mal gut, ist aber in der Fläche nicht ganz einfach umzusetzen. Wenn wir eine Hälfte der Klasse ins Home-Office schicken, müssen wir sicherstellen, dass die Kinder überhaupt von zu Hause aus lernen können. Ich freue mich über jedes Kind, bei dem das gut funktioniert. Aber wir dürfen die vielen Kinder nicht vergessen, denen zu Hause das Endgerät, ein Rückzugsraum oder die Unterstützung der Eltern fehlt. Diese Kinder würden wir bei der Klassenteilung aktuell noch zu sehr im Stich lassen. Deswegen haben wir so lange am Präsenzunterricht festgehalten.

Damit sich die Situation insbesondere für diese Familien verbessert, drücken wir bei der Digitalisierung pandemiebedingt gerade kräftig auf die Tube. Das ist sehr gut so. Aber leider funktioniert die öffentliche Beschaffung nicht wie bei Amazon Prime am nächsten Werktag. Wir haben zum Beispiel ein Landesprogramm aufgelegt, um Leihgeräte an die Schulen zu bringen für Schülerinnen und Schüler, die sich kein eigenes Endgerät leisten können. Diese Geräte trudeln – trotz Beschluss im Sommer – jetzt erst langsam in den Schulen ein.

styleranking: Welche Bedürfnisse melden die Kinder aktuell an, die sie in politische Fragestellungen übersetzen können?

Franziska Müller-Rech: Was für mich als Schülerin damals unvorstellbar war: Die meisten Kinder und Jugendlichen, die mir schreiben oder mit mir sprechen, möchten unbedingt wieder in die Schule gehen! Ihnen geht es da in der Pandemie wie uns Erwachsenen: sie vermissen ihre Freunde, Kontakte außerhalb der Familie und Gleichaltrige – das trifft die Einzelkinder zum Beispiel besonders hart.

Ich sage immer: Gesundheit ist weit mehr als nicht Corona zu haben. Wir müssen darauf achten, dass unsere Kinder auch psychisch gesund bleiben in einer komplizierten Situation, die auch nicht alle verstehen können.

"Wir dürfen nicht den Fehler machen, bloß Schiefertafeln durch Whiteboards zu ersetzen"

styleranking: Finden die Einschätzungen von Schüler:innen in der Diskussion zwischen Politik, Schule und Eltern genügend Platz?

Franziska Müller-Rech: Das müssen sie! Denn schließlich machen wir alles in der Schulpolitik doch nur für sie. Mir ist es persönlich wichtig, mich immer genau darauf zu besinnen. Bei meinen Schulbesuchen zum Beispiel gehört für mich immer eine Diskussionsrunde mit den Schülerinnen und Schülern dazu – von der ersten bis zur 13. Klasse. Die Kinder und Jugendlichen haben in der Regel abseits von jeder Ideologie oder parteipolitischen Positionen ein feines Gespür für das, was an ihrer Schule besser laufen könnte – und das ist für meine Arbeit enorm hilfreich!

styleranking: Welchen Stellenwert schreiben Sie der digitalen Ausstattung von Schulen jetzt innerhalb der Pandemie zu? Wie bewerten Sie hier den Fortschritt?

Franziska Müller-Rech: Die Digitalisierung wird unsere Gesellschaft nachhaltig verändern. Ich sehe sie als einen Umbruch, wie zum Beispiel die industrielle Revolution im 18. und 19. Jahrhundert. Wir müssen jetzt die Weichen richtig stellen, um die Chancen der Digitalisierung auch in der Bildung optimal zu nutzen und dabei ihre Risiken nicht aus den Augen zu verlieren.

Die Pandemie hat uns ganz eindrücklich vorgeführt, wie viel Arbeit dabei leider noch vor uns liegt. Immerhin haben wir im Landtag von Nordrhein-Westfalen dafür sorgen können, dass in den 25 Milliarden Euro des „Corona-Rettungsschirms“ nicht nur Hilfen für unsere Wirtschaft enthalten sind, sondern auch für unsere Schulen. Daraus finanzieren wir zum Beispiel die Leihgeräte für Schülerinnen und Schüler, die sich kein Endgerät leisten können, aber auch als erstes Bundesland überhaupt Dienstgeräte für unsere Lehrerinnen und Lehrer.

Doch WLAN in jeder Schule und Geräte alleine werden nicht ausreichen. Wir dürfen nicht den Fehler machen, bloß Schiefertafeln durch Whiteboards zu ersetzen und dann anzunehmen, jetzt hätte man Digitalisierung in der Schule. Daher arbeiten wir gleichzeitig an einer besseren Fortbildung für unsere Lehrkräfte. Sie halten aus meiner Sicht den Schlüssel in der Hand dafür, ob digitale Bildung tatsächlich einen Mehrwert für den Unterricht bringen wird. Darauf müssen wir also einen großen Fokus setzen.

styleranking: Warum haben so viele Eltern das Gefühl, in der Schulpolitik sei in den vergangenen Monaten nichts passiert in der Vorbereitung auf eine zweite Infektionswelle?

Franziska Müller-Rech: Das frage ich mich natürlich leider auch. Ich vermute, dass wir nicht gut genug kommuniziert haben, dass insbesondere das NRW-Schulministerium diesen Sommer gefühlt durchgearbeitet und viele wichtige Dinge auf den Weg gebracht hat. Das liegt zum einen daran, dass manches in der Schulpolitik leider Zeit braucht, um Wirkung zu entfalten. Zum Beispiel kommen die Endgeräte oder die Luftfilter für Klassenräume aus unseren Landesprogrammen erst jetzt langsam an den Schulen an. Dass das manchmal so lange dauert, frustriert mich persönlich auch.

Zum anderen sind manche unserer Arbeiten und Aufgaben für Eltern nicht auf den ersten Blick zu sehen, aber im Hintergrund sehr wichtig. Zum Beispiel haben wir in NRW als erstes Bundesland den Hybridunterricht und das Lernen auf Distanz auf rechtlich sichere Beine gestellt, indem wir unter Hochdruck an einer entsprechenden Verordnungsänderung gearbeitet haben. Dazu kamen noch pädagogisch wichtige Hinweise, zum Beispiel in der „Handreichung zur lernförderlichen Verknüpfung von Präsenz- und Distanzunterricht“. Damit geben wir den Lehrkräften eine ganz wichtige Unterstützung für ihre Unterrichtsgestaltung mit. Das müssen wir künftig besser erklären.

"In der Krise wünschen sich die Menschen, dass politische Spielchen pausieren"

styleranking: Der schulpolitische Diskurs wird teils emotional geführt. Was wünschen Sie sich rund um die Debattenkultur in Zeiten der Corona-Pandemie?

Franziska Müller-Rech: Eine emotional geführte Debatte ist ja manchmal auch das berühmte Salz in der Suppe. Es ist für mich ja auch schön, für ein Thema zuständig zu sein, das so viele Menschen bewegt!

Jetzt in der Krise aber wünschen sich die Menschen, dass sich Politikerinnen und Politiker auf die gemeinsamen Linien berufen und politische Spielchen pausieren. Der Bundes- und Landtagswahlkampf kommt eh schneller, als uns allen lieb ist. Da werden wir noch genug Gelegenheit haben, unterschiedliche Positionen herauszustellen. Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, uns ginge es in der Krise nur um den politischen Schlagabtausch und darum, wer wann und wo die nächste politische Spitzenposition erreichen kann. Wenn wir jetzt parteiübergreifend besser zusammenarbeiten, gibt das meines Erachtens den Menschen größere Sicherheit in dieser für uns alle schwierigen Zeit.

styleranking: Welche Learnings ziehen Sie aus dieser Zeit für die Entwicklung nach der Corona-Pandemie?

Franziska Müller-Rech: Ganz spontan: Wir müssen uns noch stärker der Verbesserung der Chancengerechtigkeit und der Digitalisierung der Schulen widmen. Die beiden Themen waren mir persönlich schon immer sehr wichtig, aber Corona hat da sprichwörtlich den Finger in die Wunde gelegt.

Noch zu sehr hängen die Bildungschancen eines Kindes davon ab, aus welchem Elternhaus es kommt. Die Corona-Krise und insbesondere der erste Lockdown hat bei vielen Kindern zu Bildungslücken geführt, die teils nur schwer wieder zu schließen sein werden. Das hat besonders die Kinder und Jugendlichen getroffen, die zu Hause nicht optimal gefördert werden können. Wir müssen jetzt noch stärker investieren, damit wir diese Schülerinnen und Schüler nicht im Stich lassen: Zum Beispiel mit einer Stärkung der Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, mehr Lehrkräften und kleineren Klassen.

Es ist mir aber auch wichtig, dass wir das nicht allein aus dem Bauch heraus betrachten, sondern diese Krise ordentlich und mit wissenschaftlicher Unterstützung aufarbeiten. So können wir aus der hoffentlich bald beendeten Krise eine Chance für Weiterentwicklung machen.

styleranking: Vielen Dank für das Interview.

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