Präsentation beim FBC

Alice M. Huynh – eine Kollektion mit familiärer Flüchtlingsgeschichte

29.01.2015 / 14:21 Uhr

Lautes Gerede und herzliches Lachen erfüllen den Raum. 200 Modeblogger tauschen sich über ihre letzten Blogposts aus, es wird gedrückt, geküsst, gekichert. Plötzlich schwindet die laute Geräuschkulissen, denn dunkle Gestalten betreten zu bizarren Geigentönen den Raum. Die Haare im Wet-Look gestylt und eher finster drein blickend bahnen sie sich ihren Weg durch die Menge. Sie platzieren sich auf gestapelten Europalletten mitten im Raum und schauen den verstummten Fashion-Fans tief in die Augen. Was nach einem absurden Art-Film klingt, ist in Wirklichkeit eine Kollektionsinstallation der Designerin Alice M. Huynh. Die 24-Jährige setzt für ihre Entwürfe genau auf diesen Effekt, denn hinter der Ästhetik ihrer Kollektion steckt eine finstere Wahrheit, die gleichzeitig Hoffnung macht.

FOB – Flüchtlingerfahrungen als Inspiration

In ihren Entwürfen verarbeitete die in München lebende Modedesign-Studentin die Geschichte ihrer Eltern. In den 70er-Jahren mussten sie vor dem Vietnam-Krieg aus ihrer Heimat fliehen. In Deutschland lernten sie sich kennen und lieben. Vor diesem Happy End steht die Geschichte einer Flucht, die mit Leid und Strapazen verbunden war. Die Flucht ihres Vaters, mit einem Boot, dauerte sechs Tage und Nächte. Überfälle von Piraten, Hunger, Durst, Gewalt und Schmerz prägten die Flucht und heute noch die Erinnerung. „Fresh off the Boat“, kurz FOB, ist der bezeichnende Name ihrer Kollektion. Der Begriff steht auch heutzutage vor allem in Amerika noch für die Menschen, die aus Vietnam fliehen mussten, um woanders eine neue Heimat zu finden.

Alice legte aufgrund ihrer persönlichen Betroffenheit großen Wert auf eine detaillierte Recherche. Gespräche mit ihren Eltern stellten ein großer Teil der Kollektionsvorbereitungen dar. Eine solch traurige und aufreibende Thematik in modische Ästhetik zu übersetzen, fiel Alice nicht immer leicht: „Natürlich war dieser Prozess auch sehr emotional für mich“, sagt sie. Die emotionale Gratwanderung zwischen persönlicher Erfahrung und objektivem Modeverständnis gelang Alice trotzdem. „Es ist ein schweres Thema, was mich sehr belastet hat bei der Arbeit. Die Umsetzung ist zeitgemäß. Ich bin nicht die Generation, die all das erlebt hat, sondern die erste, die hier in Deutschland aufgewachsen ist und ein modernes Ästhetik-Verständnis besitzt.“ Als Ergebnis präsentierte sie eine tragbare Kollektion, die eine gewisse Schwere vermuten lässt, es aber trotzdem vermag, diese durch feine Materialqualitäten wie Seide und Plissee zu brechen.

Die junge Designerin ist gerade einmal 24 Jahre, führt einen erfolgreichen Modeblog und etabliert sich jetzt als Designerin.

„FOB“ beim FashionBloggerCafé

Bei unserem neunten FBC in Berlin präsentierte Alice ihre Kollektion zum ersten Mal einem öffentlichen Publikum. Ihr Thema setzt Alice in Gegensätzen um, was sich auch in der Präsentation beim FBC durchsetzt. Allerdings geht es Alice nicht um die Betonung der Unterschiede an sich, sondern viel mehr um die Parallelen. „Es sind keine klassischen Schönheiten, sie haben Ecken und Kanten, aber auch etwas Schönes. Ich mag das Perfekte nicht. Deswegen wählte ich diese Mischung, die Gleichberechtigung ausdrückt. Jung, alt, Brünett, Blond, Mann und Frau.“ Als verbindendes Element nutzt sie die farbliche Gestaltung: Beinahe alle Entwürfe sind in Schwarz gehalten. Schwarz „fällt nicht auf und ermöglicht Tarnung“, wenn man sich zurückziehen möchte. Alice entschied sich außerdem für den dunklen Ton, weil es natürlich auch um ein „dunkles Kapitel im Leben der Eltern“ geht.

200 Blogger und viele Gäste konnten die Kollektion beim FashionBloggerCafé unter die Lupe nehmen.

Struktur schafft der Mix von Qualitäten und Texturen. Sieben verschiedene Stoffe von Baumwolle, über Seide bis hin zu synthetischen Stoffen machen „FOB“ zu einer spannenden Kollektion, deren Wirkung sich erst „auf den zweiten Blick“ entfaltet. Auf tierische Produkte verzichtet die entschlossene Designerin ganz bewusst, ihre Mode soll nachhaltig und umweltbewusst sein.

Ihr Kollektionsthema setzte Alice in Gegensätzen um. Allerdings geht es Alice nicht um die Betonung der Unterschiede an sich, sondern viel mehr um die Parallelen. „Es sind keine klassischen Schönheiten, sie haben Ecken und Kanten, aber auch etwas Schönes. Ich mag das Perfekte nicht. Deswegen wählte ich diese Mischung, die Gleichberechtigung ausdrückt. Jung, alt, brünett, blond, Mann und Frau.“ Als verbindendes Element nutzt sie die farbliche Gestaltung: Beinahe alle Entwürfe sind in Schwarz gehalten. Schwarz falle nicht auf und ermögliche Tarnung, wenn man sich zurückziehen möchte. Alice entschied sich außerdem für den dunklen Ton, weil es auch um ein dunkles Kapitel im Leben der Eltern ginge.

Modeblogger Riccardo Simonetti verkörpert ideal die Idee der Gegensätze.

Struktur schafft der Mix von Qualitäten und Texturen. Sieben unterschiedliche Stoffe von Baumwolle, über Seide bis hin zu synthetischen Stoffen bilden „FOB“ zu einer spannenden Kollektion. Die Wirkung entfaltet sich erst auf den zweiten Blick.

„Ich mache keine pompöse und laute Mode“

Besonders gefreut hat Alice das Feedback der Blogger vor Ort. Ihr sei bewusst, dass die Aussage ihrer Kollektion nicht offensichtlich ist. „Die Inspiration sieht man nicht auf den ersten Blick, weil die Kollektion sehr modern gestaltet ist. Ich habe kleine Hinweise und Geschichten eingebaut, sei es in der Präsentation oder durch die Wahl der Models.“ Und genau das regt zum Nachdenken an, was sich in der Rückmeldung der modeinteressierten Blogger zeigte. „Ich möchte, dass Leute auf mich zugehen und meine Blog-Post lesen. Der Dialog ist mir sehr wichtig. Als ich erklärt habe, worum es geht, haben sie es sofort verstanden. Das hat mich sehr gefreut.“

Über das Feedback zur Kollektion hat sich Alice sehr gefreut.

Alice zeigte sich mit ihrer Kollektion, der positiven Resonanz und der gelungenen Präsentation sehr zufrieden: „In meinen früheren Kollektionen hab ich immer versucht, Farben einzubringen, weil ich wusste, dass Leute Schwarz von mir erwarten. Aber so bin ich nun mal und vielleicht ist es auch manchmal gut, Erwartungen zu erfüllen. Ich habe einfach das gemacht, was ich möchte.“ Alice ist bei sich selbst angekommen - schöner kann das Fazit einer jungen, angehenden Designerin wohl nicht sein.

Follow us