Jungdesigner

Stilgefühl: Die Design Department-Graduates begeistern

Katharina Heilen
Von Katharina Heilen
23.02.2016 / 18:44 Uhr

Der Raum ist dunkel, die Musik laut und Anspannung liegt in der Luft. Sie lässt sic fast greifen. Der Beat setzt ein. Das erste Model schreitet taktvoll über den Laufsteg. Die Fashionshow der 15 Nachwuchs-Modedesigner des Design Departments in Düsseldorf beginnt. Freitagabend, der Saal im Stahlwerk ist voll und die Zuschauer klatschen begeistert. Die Graduates, also die Absolventen der Akademie für Mode und Kommunikation, präsentieren ihre Abschlusskollektionen. Sie bieten den Zuschauschern nicht nur eine Modenschau, sondern auch unterhaltsame Acts wie mit Tanzeinlagen und Live-Musik - mitten auf dem Laufsteg.

In der ersten Häfte der Fashion Show stellen zunächst die jüngeren Studenten ihr Können unter Beweis. Die ersten zwei Semester beschäftigen sich mit Formfindung und geben sich große Mühe professionell aufzutreten. Außergewöhnliche Silhouetten in dezenten Farben geben den Ton an. Hier und da gibt es einiges zu verbessern. Deutlich sichtbare Klebespuren, herabhängende Nähte sowie Etiketten an den Schuhen gehören auch bei Anfängern nicht auf den Laufsteg. Spannende Ansätze für ungewöhnliche Schnitte, Drappierungen und Kreationen sind allerdings ausgiebig zu finden.

Kollektionsentwicklung lautet das Thema des dritten und vierten Semesters. Dabei stechen zwei völlig unterschiedliche Kollektionen besonders hervor. Schwarzes Leder, Federn, Netze und Elemente aus dem Reitsport vermischen sich zu sexy Looks. Scheuklappen und Steigbügel treffen auf viel nackte Haut und transparente Stoffen. Die zweite Kollektion von Vivienne Uischner unter dem Namen "Overload" zeigt Cyberpunks in Rosa, Babyblau und Metallic. Zu lauter Technomusik wippen sie über den Laufsteg und posen frech vor den Fotografen. Bis auf diese beiden Kollektionen kommt die Show bisher mäßig an. Wie auch die Graduate Schauen anderer Hochschulen und Modeschulen zieht sie sich in die Länge. Viele Models scheinen Schwierigkeiten, mit der selten tragbaren Kleidung und zu großen Schuhen über den Catwalk zu laufen. Einige trippeln in Zeitlupe an den Zuschauern vorbei, andere ziehen ihre Schuhe kurzerhand aus und gehen barfuß weiter.

"Overload" von Vivienne Uischner sorgt mit rebellischer Attitude für Aufsehen unter den Gästen.   Copyright: Steffen Knesebeck

Models stürmen den Laufsteg. Voller Elan halten sie Schilder empor. Auf ihnen pranken in dicken Lettern die Aufrufe "Time to have sex" oder "Fuck gender roles". Lucia Amrbico setzt sich mit ihrer Kollektion "Female Trouble" für die Gleichberechtigung von Frauen ein. Déjà-vu-Feeling: Modezar Karl Lagerfeld schickte seine Models 2014 auch so auf den Laufsteg. Große Begeisterung löste die Tanzeinlage eines Models der "Time Travel"-Kollektion von Despina Toulgaridou aus. Während die anderen Models in kastigen XXL-Anzügen, Hüten und Krawatten die Zuschauer in eine andere Zeit zurückversetzen, bewegt sich der Tänzer mit geschmeidgen Moves zu funky Musik. Damit gelingt es ihm zum Gesprächsthema des Abends zu avancieren.

Anstatt durch krasse Tanzeinlagen bringt Horst Tschirschnitz die Menge zum Staunen. In seiner Kollektion "Tempus Lapideae - Zeit der Steine" verarbeitet er eine Menge dickes, farbiges Kunstfell und kombiniert es zu volkstümlichen Elementen wie Stricksocken und Fransenröcken. Karina Wochlik begeistert das Publikum nicht nur mit ihrer Kollektion "Regeneration Maestro", sondern auch mit einer musikalischen Einlage ganz besonderer Art. Nach und nach entsteht ein ganzes Orchester, denn mehrere Models spielen ein Musikinstrument. Das Publikum - fasziniert! Heftiger Kontrast: Neda Seradj und ihre Kollektion "Silent". Hier treffen futuristische Formen auf dunkle Farben. Sie hinterlassen eine nachdenkliche Stimmung. Nicht zuletzt, da sich die Kollektion mit dem Thema Umweltverschmutzung auseinander setzt. Mit eingerschränkter Bewegungsfreiheit soll sie laut der Designerin den lebendigen Tod zum Ausdruck. Gleichzeitig sei sie ein stiller Aufruf an die Bevölkerung, achtsamer mit der Natur umzugehen. Eine modische Ausdrucksform mit Tiefgang, wie man sie oft vermisst.

Die Kollektion "Female Trouble" von Lucia Ambrico erinnert an die feministische Show von Karl Lagerfeld für Chanel, bei der die Models ebenfalls mit Demonstrationsschildern aufliefen.   Copyright: Steffen Knesebeck

So unterschiedlich die Kollektionen der Graduates auch sein mögen, den krachenden und leicht verstörenden Abschluss gelingt Isabella Schuh mit "Planet Radikal". Die Musik klingt mittlerweile finster und elektronisch, die Bewegungen der Models sind abgehackt und zittrig. Die Designerin wählt Stoffe mit groben Strukturen, Stacheln, unbeweglichen Holzschuhen und bizarren Frisuren, um eine dystopische Zukunft voller Freaks zu inszenieren. In ihrer Vorstellung entstehen diese Kreaturen bei dem Experiment, aus dem Menschen eine besser angepasste Spezies zu kreieren. Zu einer mutiger gekleideten Spezies würde es mit Schuhs Mode auf jeden Fall reichen.

Musikwechsel. Lauter Bass und Partystimmung. Ausatmen. Alle 15 Designer erscheinen mit einem ihrer Models auf dem Laufsteg und feiern ihre Abschlusskollektionen und sich selbst. Das begeisterte Publikum feiert die Vielfalt an Stilrichtungen und die außergewöhnlichen Präsentationen der Designer frenetisch mit. Die Fashionszene kann sich auf zahlreiche neue, talentierte Jungdesigner des Düsseldorfer Design Departments gefasst machen!

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