Berlin Fashion Week Winter 2017

Brachmann: Klirrend kalte Eleganz

19.01.2017 / 11:22 Uhr

Der Polarkreis ist keine Wohlfühlzone, so viel ist klar: Düstere, matte Farben, gestochen scharfe Silhouetten und kühle, ach was, klirrend kalte Eleganz prägen die Optik der aktuellen Herbst/Winter-Kollektion von Brachmann. Am ersten Tag der Mercedes-Benz Fashion Week hat das Berliner Männermodelabel im me Collectors Room eine kleine, feine Präsentation auf die Beine gestellt, deren kreative Ausdruckskraft sich in nur elf Entwürfen verdichtet.

Die Models stehen reglos da, während sich die Masse der Besucher durch den Raum drängelt, keine Bewegung wirft Hemden und Hosen in Falten. Und in ihren Haaren glitzern weiße Kristalle, Schnee und Eis, so als hätten sie es gerade noch durch den Polarsturm geschafft, ehe sie auf ihren Podesten festgefroren sind. Mit dem Titel der Kollektion „Explorer“ bezieht sich Designerin Jennifer Brachmann auf den britischen Polarforscher Sir John Franklin. Der Entdecker machte sich am 19. Mai 1945 zu einer Arktis-Expedition auf, von der er nicht mehr zurückkehren sollte. Die damals gängige, falsche Theorie vom eisfreien Nordpolarmeer hatte ihn und seine Männer zu der verheerenden Entdeckertour verleitet.

Jennifer Brachmann setzt ihr maritimes Thema mit ruhiger Hand und hoch disziplinierter Linienführung um; ihr winterliches Stillleben ist ganz in Dunkelblau, makellosem Weiß und eisigen Grautönen gehalten. Mit weichen Tweedstoffen, glatten Materialien und einem zartem Wollgewebe schafft das Label strukturelle Kontraste, die nicht knallen, sondern eine sehr subtile, zurückhaltende Wirkung aufbauen: Das Anschmiegsame und das Griffige, das Transparente und das Blickdichte ergänzen einander und unterstreichen einander.

Brachmann schafft kühle Atmosphäre für die Präsentation.   Copyright: Alexander Koerner/Getty Images

Und wo man zunächst nur reduzierte Gradlinigkeit sieht, zeigt sich bei näherem Hinsehen eine wahrhaft verspielte Experimentierfreude im Detail: Die Krägen der Hemden sind hinten hochgeklappt, vorne weggeknickt oder geometrisch geformt; die Revers an den Anzügen fehlen ganz oder sind so schmal, dass sie fast zierlich wirken. Die Hosen fallen locker und leger, ob sie nun schlank an den Knöcheln enden oder überlang mit weitem Schlag bis auf den Fußspann fallen. Bundfalten und Bügelfalten sind ein wichtiges Thema, zurückhaltende Verweise auf die Anzugmode des 19. Jahrhunderts, kastenförmige Sakkos mit Streetstyle-Anklängen treffen auf schneeweiße Hemden, kuschelige XXL-Dufflecoats auf Merinowollpullover so transparent wie eine vorüberziehende Schneewehe.

„Postklassisch“ nennt Jennifer Brachmann ihren Stil, der seine Inspiration aus Architektur, Bauhaus und moderner Kunst zieht. Seit ihrem Fashion-Week-Debüt vor zwei Jahren hat das ursprünglich in Halle an der Saale gegründete Label viel von sich reden gemacht. Diesmal ist der Jungdesignerin ihr Wechselspiel aus Formenstrenge und gewitzten, unerwarteten Details besonders gut gelungen: In der eiskalt kalkulierten Struktur der Entwürfe sitzt jede Falte, jede Trennungsnaht ist ein Statement. Ihre kleinen innovativen Ideen setzt Brachmann diesmal entschlossener um als früher – und erzeugt damit eine ganz eigene Spannung.

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