MBFWB WINTER 2016

Brachmann: Minimalistische Raffinesse und minimale Wow-Effekte

27.01.2016 / 15:30 Uhr

Das Privileg einer bis auf den letzten Platz ausgebuchten Show blieb Designerin Jennifer Brachmann während der diesjährigen Winterausgabe der Mercedes Benz Fashion Week leider verwehrt. Somit startet die Runwayshow der Designerin vor einem von der zeitlichen Verzögerung leicht genervten Publikum nicht gerade unter optimalen Bedingungen. Doch kleine Verspätung hin oder her: Die Erwartungen an die neue Kollektion von Brachmann bleiben hoch! Ob die Designs der vorangegangenen Sommerkollektion überhaupt übertroffen werden können?

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten begrüßt das Publikum ein undeutlicher Gesang zu minimalistischen Klangfolgen. Die ersten Malemodels erobern den Catwalk. Klar wird: Auch in dieser Saison bleibt Brachmann ihrem Mantra der modernen Vergangenheitsmode treu und interpretiert den Stil der 40er Jahre auf ihre eigene minimalistische Art und Weise. Dabei liegt die Kunst darin, mittels simpler Raffinesse und geschicktem Handwerk schlichte Stilelemente dezent aber spannend zu arrangieren.

Was Jennifer Brachmann normalerweise mit verblüffender Leichtigkeit gelingt, scheint ihr in dieser Saison zur Last gefallen zu sein. Mir, als Verfechterin minimalistischer Fashionstatements, blutet das Herz. Doch in der neuen Winterkollektion 2016 von Brachmann überzeugen leider nur wenige Keylooks, die Masse wirkt eher ennuyant als atemberaubend schlicht.

Brachmann beherrscht die Kunst perfekt, klassische Kleidungsstücke, minimalistisch neu zu interpretieren.   Copyright: John Phillips/Getty Images

Doch das Positive zuerst: Mit eleganten Taillenhosen für den Mann trifft Brachmann genau den Nerv der Zeit. Nicht als Einzige deklariert sie hoch geschnittene Bundfaltenhosen als neue Stylingpflicht für den Herrn, der weiß, wie der Hase hüpft. Absolut überzeugen die minimalistischen Sakkos der Kollektion, die Brachmann geschickt ohne Knöpfe oder anderen Schnickschnack designt. Auf diese Weise kann man sich gar nicht entscheiden, ob bei diesem Look das Retroflair der 40er oder die futuristische Simplizität einem den Atem rauben.

Auch mit einer provokanteren Alternative zur klassischen Bundfaltenhose trifft die Designerin voll ins Schwarze. Bereits 2014 kramte Wolfgang Joop für seinen Besuch bei „Wetten, dass…“ das bollerige Retrostück aus den hintersten Ecken seines Kleiderschranks. Damals noch belächelt, zählen die am Oberschenkel faltigen Oversized-Bundfaltenhosen zu den coolsten Keypieces für die nächste Wintersaison. Fantastisch schlicht kombiniert Brachmann für einen ihrer schönsten Runwaylooks ein bauchnabellanges Hemd mit ungewöhnlichen Abnäher-Applikationen in bläulichem Anthrazitgrau zur neuen Trendhose in tiefem Dunkelblau.

Einer der schönsten Looks der Show im 40er Jahre Stil.   Copyright: John Phillips/Getty Images

Natürlich darf man auch die ungewöhnlichen Details der typischen Brachmann’schen Hemden nicht außer Acht lassen. Die Designerin beweist, dass sie das Handwerk schlichter Applikationen mit einzigartigem Effekt perfekt beherrscht.

Nichtsdestotrotz besteht die Kollektion von Brachmann in dieser Saison aus überwiegend eher unspektakulären Designs, sodass auch die knopflosen Sakkos und taillierten Bundfaltenhosen den wenig innovativen Tenor der Kollektion nicht auswiegen können. Und weil ein Unglück nur selten alleine kommt, zieren die unangenehmen Patzer bei den Musikübergängen und der Wartezeit mit leerem Catwalk vor dem Finale nur die Spitze einer nicht rundum gelungenen Runwayshow. Weil Jennifer Brachmann mit ihrer minimalistischen Retromode mein Herz dennoch höherschlagen lässt, brenne ich schon jetzt darauf, ihre nächste Kollektion im Sommer in alter Designfrische wiederzusehen.

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