Mercedes-Benz Fashion Week Berlin 2017

Designer Marcel Ostertag im Interview: „Gute Mode ist in Deutschland nicht viel wert“

Moritz Lindert
Von Moritz Lindert
02.10.2016 / 16:00 Uhr

Als ich Marcel Ostertag in Hinterhof des Berliner Admiralspalasts kurz vor seiner Modenschau zum Interview treffe, ist es ziemlich heiß und laut. Polizeisirenen heulen, irgendwo brummt eine Bohrmaschine. Dabei liebt der Modedesigner doch eigentlich die Ruhe und Freiheit der Natur und zeigte in Berlin und New York eine Kollektion, die genau das zelebriert. Die Outfitfotografien für „Air“ schoss er mit dem renommierten Modefotografen Kristian Schuller auf dem Bauernhof seiner Mutter in Franken. Die gesamte Crew am Abendbrottisch der Mama. Für das Lookbook kehrt er zurück in diese ländliche Idylle, seine alte Heimat. Doch sein Zuhause ist heute die Welt. Nach Stationen in London und München lebt der Modeschöpfer jetzt in Berlin. Arbeiten tut er neuerdings auch in New York. Zunächst steht aber erst einmal die Mercedes-Benz Fashion Week Berlin auf dem Plan. Warum es ihn beruflich in neue, ferne Märkte treibt und was ihn an der deutschen Modeindustrie stört, erzählt er weltoffen und neugierig im Interview. Marcel Ostertag über das Zuhause sein - nicht nur in modischer Hinsicht.

styleranking: Auf der Berlin Fashion Week warst du für viele immer „der Münchner Designer“. Nun bist du im Februar in die Hauptstadt gezogen. Wie kam es dazu?

Marcel Ostertag: Für mich ist Berlin irgendwie Heimat. Ich arbeite viel hier und habe 2000 auch hier gelebt und studiert. Ich liebe München und werde immer Münchner bleiben, aber nach zehn Jahren in der Stadt brauchte ich einen Tapetenwechsel.

styleranking: Deine Hot Spots in Berlin?

Marcel: Der Sommer in Berlin ist wunderbar. Ich fahre total gern mit meinem Hund in die Natur raus, an den Schlachtensee oder den Dianasee. Vielleicht ein wenig spießig aber auch sehr schön: Die Pfaueninsel. Zum Ausgehen mag ich den Club der Visionäre und davor ein Dinner im Freischwimmer. Leider war ich bisher viel zu wenig hier, ich bin ständig unterwegs.

styleranking: Zum Beispiel auf der New York Fashion Week. Dort hast du Anfang des Jahres zum ersten Mal deine Mode gezeigt. Was war das für
eine Erfahrung?

Marcel: Mein erster Eindruck: Viel zu kalt. Im Februar kann man in New York leider überhaupt nichts draußen unternehmen. Das ist so schade, denn das macht für mich die Stadt aus. Das sich treiben lassen. Aber meine Show lief super. Wir haben wahnsinnig tolles Feedback bekommen. In den USA ist der Claim „Made in Germany“ wirklich noch etwas wert.

styleranking: Wie nehmen die amerikanischen Pressevertreter und Buyer deine Mode wahr?

Marcel: Die Kollektion wurde in den höchsten Tönen gelobt. Womens Wear Daily schrieb, ich hätte frischen Wind in die Stadt gebracht und eine sehr ausgereifte, erwachsene Kollektion gezeigt. Das war wirklich eine tolle Erfahrung. Im September bin ich wieder dort und zeige meine zweite Show.

Redakteur Moritz trifft Marcel Ostertag zum Interview kurz vor seiner Modenschau.

styleranking: Also ist der Big Apple genau deine Stadt?

Marcel: Ich liebe New York. Aber im Herbst will ich auf jeden Fall in Brooklyn wohnen, nicht in Manhattan. Dort gibt es coole Ecken und Locations. Die Gegend ist viel grüner als Manhattan. Ich brauche einfach das Grün zwischen all dem Beton, die kleinen Parks und Oasen.

styleranking: Steht bald vielleicht ein weiterer Umzug an? Von Berlin nach Brooklyn?

Marcel: Ich kann mir durchaus vorstellen, in New York weiterhin meine Mode zu zeigen, aber wohnen? Nein. Dafür bin ich zu alt. Ich wäre früher vielleicht gern für ein paar Jahre nach New York gegangen, aber heute brauche ich ein bisschen mehr Gediegenheit und vor allem Raum. Beides ist in New York sehr teuer. Zuhause bedeutet für mich Platz zum leben und arbeiten. Ich will nicht zurück in einen Schuhkarton ziehen. Das ist meine Freiheit, die ich mir gönne.

styleranking: Freiheit - ein gutes Stichwort um über deine neue Kollektion für Frühjahr/Sommer 2017 zu sprechen.

Marcel: Mit „Air“, für Luft, widme ich mich dem letzten der vier Elemente. Es ist tatsächlich eine sehr befreite und leichte Kollektion geworden. Viel Seide, Chiffon und Crêpe de Chine. Die Looks spielen mit Transparenz und wirken trotzdem angezogen. Wir haben einen Wolkenprint und einen Druck mit zwei galoppierenden Araberpferden entwickelt, die sich über die Seide ziehen. Außerdem bekommt das Polo-Shirt ein neues Gesicht als Abendkleid. Das finde ich besonders spannend.

styleranking: Nun, wo du die vier Elemente bezwungen hast, was können wir als nächstes in deinen Shows erwarten?

Marcel: Der Zyklus der vier Elemente ist jetzt abgeschlossen und die nächste Saison wird wieder ein eigenständiges, weniger enges Thema haben. Es geht jetzt erstmal ein wenig weg von der Natur und in eine neue Richtung. Ich habe bereits etwas im Kopf, aber das spucke ich noch nicht aus.

"...der Einkäufer traut sich nur nicht, mutiger zu ordern."

Marcel Ostertag gehört zu den wenigen Designern, mit denen man locker, auf Augenhöhe und ohne Allüren sprechen kann.   Copyright: styleranking

styleranking: Und wohin geht die Reise für Marcel Ostertag, die Marke?

Marcel: In den letzten Saisons habe ich bemerkt, wie schlecht die deutsche Mode in Deutschland da steht. Gute, deutsche Mode ist nicht viel wert. Es wird überall sehr uniformiert eingekauft, jeder Store hat die selben Brands auf der Stange. Dadurch laufen am Ende alle gleich rum. Wenn ich aber in Zürich oder Hamburg Pop-up-Verkäufe mache, merke ich, dass der Kunde durchaus neue und spannende Sachen haben will. Der Einkäufer traut sich nur nicht, mutiger zu ordern. Kein Wunder, dass der Einzelhandel gerade ums Überleben kämpft, wenn man immer auf Nummer sicher geht.

styleranking: Empfindest du das in New York genauso?

Marcel: In Amerika ist das anders. Dort sind die Buyer viel offener für Neues, der Retail ist mutiger. Davon können wir in Deutschland viel lernen. Darum kann ich mir vorstellen, in der Zukunft auch eigene Stores zu eröffnen. Wir sprechen hier aber nicht von einem Jahr, sondern über langfristige Planungen. Vor allem, weil ich gern unabhängig bleiben möchte. Marcel Ostertag bin ich, ohne Investoren oder externe Konzerne im Hintergrund. Das ist mir sehr wichtig.

styleranking: Vielen Dank für das Gespräch.

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