Interview

Jette Joop: "Eine Modenschau im Aldi Supermarkt? Finde ich total lustig!"

Von Daniel Verovic
10.04.2016 / 19:16 Uhr

Jette Joop ist immer irgendwie da gewesen. Man kennt die Designerin in erster Linie aufgrund ihres berühmten Familiennamens. Ihr Vater Wolfgang Joop galt jahrelang als einer der größten und wichtigsten Modeschöpfer Deutschlands. Er baute die international erfolgreiche, bekannte deutsche Modemarke JOOP! auf. Die heutige Generation kennt ihn hauptsächlich als spitznamenverteilenden Juror in Heidi Klums Modelmanufaktur Germany's Next Topmodel. Tochter und Vater galten jahrelang als zerstritten, sollen sich aber mittlerweile wieder versöhnt haben. Gossip beiseite, lassen wir Fakten sprechen: Obwohl Jette Joop bereits 1996 ihre Firma Jette Joop, die heute schlicht Jette GmbH heißt, begegnen wir "Wolles" Tochter immer wieder vor allem als Designtausendsassa. Eine kleine Auswahl ihrer Kooperationen: Für Juwelier Christ kreiert sie jugendlich angehauchten Schmuck, edles Besteck für WMF, Unternehmenskleidung für die Telekom, Notizbücher für Schreibwarenhersteller Sigel, Glastüren und Türgriffe für Beschlagproduzent Griffwerk. Die ursprüngliche Industriedesignerin designt, was ihr in die Quere kommt. Ist quasi das weibliche Designerpendant zu Guido Maria Kretschmer, nur ohne dessen heftigen, deutschlandflächendeckenden Beliebtheitsfaktor.

Sehr schade. Denn als ich Jette Joop zum Interview in einer Aldi Süd Supermarktfiliale auf der Düsseldorfer Königsallee treffe, begegnet mir eine ganz andere Frau, als uns Deutschlands Presse weiß machen will. Im Discounter präsentiert sie ihre heftig umstrittene Modekollektion für Aldis Kleidungslabel Blue Motion in einer Modenschau. Sie erspäht die Lederhose meiner Kollegin, scheut sie sich null, direkt zuzupacken und das Material zu untersuchen. Während unseres Gesprächs zwischen Dosenbier, Tiefkühltheke und direkt neben Babywindeln bufft sie mich herzlich lachend in die Seite und scherzt herum. Kaum vorstellbar, dass die Designerin im Zuge ihrer Blue Motion designed by Jette Joop-Kollektion für Aldi Süd so ernst eine "Demokratisierung der Mode" fordert.

Interview im Supermarkt: Chefredakteur Daniel interviewt Designerin Jette Joop zwischen Tiefkühltheke und Brotschrank.

styleranking: Warum braucht Mode eine Demokratisierung?

Jette Joop: Das ist einer der schlauesten Fragen, die mir bisher gestellt wurde! Ich glaube, dass Menschen etwas Schönes anziehen sollten. Und ich freue mich, wenn es besser ist, als das, was sie sich bisher leisten konnten. In dem Sinne haben H&M und Zara eine Art Demokratisierung geschafft. Unser Einkaufsverhalten verändert sich momentan sehr stark. Ich gehe fest davon aus, dass eine Frau superglücklich ist, wenn sie zu Aldi geht, Lebensmittel einkauft und sich daneben noch ein paar tolle Outfits leisten kann. Aldi gehört mittlerweile zu den zehn größten Textilanbietern in Deutschland. Das bedeutet, wir haben hier Traffic, der einfach da ist. Ich gehe an die ganzen Dinge ein bisschen anders heran, bin eigentlich Autodesigner. Betrachte das Ganze mehr aus dem Blickwinkel eines Trendforschers und eines Designwissenschaftlers: „Wenn der Traffic bei Aldi so hoch ist, dann gibt es so und so viele Millionen Menschen, dich sich dort einkleiden.“ Daraus resultiert für mich die Frage: „Warum kann das nicht chic sein?“

styleranking: Mit anderen Worten: Es war vorher nicht chic?

Jette Joop: Nicht so chic wie jetzt. Das kann ich mit Sicherheit sagen.

styleranking: Wie kam die Zusammenarbeit mit Aldi zustande? Hegten Sie zunächst Bedenken?

Jette: Gemeinsam mit der Miles Fashiongroup designten wir bereits Telekom-Uniformen. Ich gehe ja sehr viel Corporate Fashion ein. So lernte ich Miles als hochzuverlässigen Partner kennen, der auch Teil eines größten Handelskonzern der Welt ist. Die daraus resultierenden Möglichkeiten begeisterten mich sehr. Miles arbeitet im Textilsegment bereits lange für Aldi. So kam der Kontakt zustande. Ich fand gleich, dass Aldi mit dem im Einklang steht, wofür ich seit Beginn meiner Karriere ungebrochen stehe: Nämlich dass ich Design einfach für die Frauen und für den Konsumenten mache. Wichtig ist zu verstehen, dass wir hier die Marke Blue Motion haben, die von mir jetzt einmalig designt wurde. Parallel verkaufen wir auch die Marke Jette auf dem Teleshoppingsender QVC.

styleranking: Was laut Ihrem Designerkollegen Thomas Rath die Zukunft des Shoppings sein soll.

Jette Joop: Wir überschritten die Erwartungen - und zwar deutlich! Daraus folgt für mich, dass meine Prognose richtig ist. Dass es belohnt wird, wenn der Kunde ein echtes Produktversprechen erhält. Er nicht für dumm verkauft wird. Sondern auch das bekommt, was ihm versprochen wird - das Erfolgsgeheimnis meiner Arbeit. Mich wies eben jemand darauf hin, dass ich ja bedauerlicherweise bereits mein 20-jähriges Berufsjubiläum feier. (lacht)

styleranking: Dann haben Sie aber früh angefangen!

Jette Joop: Danke, danke! (lacht verlegen) Die meisten Kooperationen, die wir eingegangen sind, waren auch finanziell für alle Beteiligten immer erfolgreich.

styleranking: Sie sagen, dass ihre Aldimode günstig und zu erschwinglichen Preisen erhältlich ist, aber trotzdem von hoher Qualität sei. Wie lässt sich das vereinbaren?

Jette Joop: Das lässt sich genauso vereinbaren: Wenn du jetzt zum Beispiel eine gute Hausfrau wärst...

styleranking: Oh, das bin ich!

Jette Joop: (lacht laut) ...dann weißt du: Wenn du 100 Hühner einkaufst, du mit dem Hühnerlieferanten höchstwahrscheinlich einen besseren Deal eingehst, als wenn es nur zehn wären. Dann kommt noch hinzu, dass der Record of Conduct bei allen Produktkategorien ohnehin bereits sehr streng ist. Das ist mir auch sehr wichtig, denn man muss immer unterscheiden zwischen „billig“ ist „billig“ und „günstig“ ist „günstig“. Billig kann auch bedeuten, ich verzichte auf alle Regularien, nur um etwas so preiswert wie möglich anzubieten. Günstig wiederum ist etwas, das nach Möglichkeit das beste Produkt in jeglicher Hinsicht ist, das es für diesen Preis sein kann.

styleranking: Aldi zählt in Deutschland in puncto Umsatzzahlen zu den Top 10 der Textilanbieter. Spielt also mit Konkurrenten wie H&M und Primark in einer Liga. Kann die Zusammenarbeit von Aldi und Jette Joop auch mit den großen Designkooperationen à la H&M und Karl Lagerfeld mithalten?

Jette Joop: Das werden wir sehen. Am Ende entscheiden das die Konsumentin sowie die verkauften Stückzahlen. Mit etwas Glück sind wir vielleicht doch ganz schnell ausverkauft.

Spaß hatten Jette Joop und Chefredakteur Daniel auf jeden Fall.

styleranking: Wir befinden uns jetzt gerade in einer Aldifiliale. Das passende Ambiente für eine Modenschau?

Jette Joop: Ich finde es total lustig! Auf der vergangenen Fashion Week meinte ein hipper Jungdesigner: „Es wäre total witzig, im Supermarkt eine Modenschau zu machen.“ Wir befinden uns in einem Supermarkt, wir verkaufen im Supermarkt und wir veranstalten hier auch eine Modenschau. Eine Einhaltung unseres Echtheitsprinzips.

styleranking: Ihre Zusammenarbeit wurde im Vorfeld von der Presse auch mit Häme aufgenommen. Finden Sie das gerechtfertigt oder stehen Sie da schlichtweg drüber?

Jette Joop: Vor über zehn Jahren begann ich meine Zusammenarbeit mit der Juwelierkette Christ. Da kannte man Christ noch als einen anderen Konzern als heute. Diese Zusammenarbeit wurde dann im Markt intern und bei anderen Blättern durchaus nicht nur positiv beurteilt. Heute wird das ganz anders betrachtet. Der „Early Bird“, der den Wurm als Erster fängt, wird natürlich auch am meisten kritisiert. Wenn ich mich in meiner Karriere immer darum geschert hätte, was die Leute sagen, wäre ich heute nicht hier.

styleranking: Viele Unternehmen wie Tom Tailor, Gerry Weber oder Esprit müssen den Gürtel enger schnallen. Die Umsätze steigen nicht oder stagnieren. Warum ist der Kampf um modeaffine Kundschaft bei uns so schwierig?

Jette Joop: Ich vergleiche das gerne mit der Thematik des fehlenden Schnees: Wir wissen seit langer Zeit, dass es Global Warming gibt. Wir wissen auch, dass es dazu kommen wird. Trotzdem sind alle überrascht, wenn der Schnee wegbleibt. So ähnlich ist es auch in der Textil- oder Lifestylebranche. Durch das Internet ergibt sich einfach ein hochinformierter Kunde, der sagt: „Warum soll ich mich hier veralbern lassen, wenn ich woanders ein noch bequemeres Produkt zum ähnlichen Preis kriege?“ Trotzdem ist im Einzelhandel auch derjenige der Gewinner, der ein tolles Verkaufspersonal besitzt. Ein einzigartiges Erlebnis sowie eine kompetente Beratung bietet. Die Dinge hebeln sich nicht gegenseitig aus. Es geht darum, dass Anbieter ihr gegebenes Versprechen auch einhalten.

styleranking: Eine These: Ich finde Aldi super und gehe dort seit etlichen Jahren Lebensmittel einkaufen. Daher behaupte ich, dass es sich bei dem durchschnittlichen Aldi-Kunden nicht um einen Menschen mit modischer Kompetenz handelt. Sehen Sie in ihrer Kollektion auch eine Art Erziehungsauftrag?

Jette Joop: Klar. Ich möchte ihnen nicht etwas beibringen, sondern ermöglichen, dass sie gute Mode einfach und bequem bekommen. Die Kollektion beinhaltet meine geliebte „Neverpeinlichhose", wie ich sie nenne. Eine Hose, die nicht einschneidet und ein bisschen schlanker macht.

stylranking: Die brauche ich ganz dringend!

Jette Joop: (lacht) Nein! Du als Einziger hier nicht! In der Kollektion sind Textilien dabei, die auch in einer etwas größeren Größe noch funktionieren. Mich beschäftigte immer die Frage, warum in einem gewissen Preisniveau automatisch hässliche Prints zu finden sind. Wer sagt denn, dass ab einem bestimmten Preis alles automatisch hässlich aussehen muss?

styleranking: Aldi wurde in der Vergangenheit oft aufgrund giftiger Inhaltsstoffe in seiner Kleidung kritisiert. Laut Greenpeace verfolgt der Discounter nun das Ziel, alle in den Kleidungsstücken enthaltenen Giftstoffe auszumerzen. Wie wichtig empfanden Sie es im Vorfeld, dass eine grüne Produktion stattfindet?

Kirsten Geß, Leiterin Kommunikation von Aldi Süd ergreift das Wort: Aldi ist dem Detox-Commitment von Greenpeace beigetreten. Die Qualitätsstandards, die wir in unserer Mode haben, sind die gleichen einer Jette Joop-Kollektion. Die Blue Motion-Mode unterscheidet sich eher in den Details des Designs. Aber nicht in den grundsätzlichen Kriterien, was Schadstoffe oder Passform angeht. Die Qualitätsstandards sind die gleichen und alle Ökotest-verifiziert.

styleranking: Einzelteile der Kollektion überraschen positiv durch schlichtes Design und Niveau. Was erwartet uns in der #Aldijette-Kollektion?

Jette Joop: Ich versuchte, in wenigen Teilen viele Kombinationsmöglichkeiten zu schaffen. Sodass sich eine Frau für unterschiedliche Gelegenheiten mit entsprechenden Accessoires perfekt einkleiden kann. Die Sachen wirken eher schlicht, ein bisschen nordisch von der Aussage. Meine Vorstellung: Eine schicke Frau trägt eine der Blusen, Hosen oder einen Jumpsuit, geht auf ein Date und der Typ sagt: „Mensch, du siehst ja hot aus! Du hast bestimmt viel Geld für die Garderobe ausgegeben!“ Sie entgegnet: „Nee, das habe ich bei Aldi gekauft!“ Das fände ich so unfassbar selbstbewusst.

Beim Interview begegnet Chefredakteur Daniel einer entspannten und witzigen Designerin ohne Berührungsängste.

styleranking: Worauf freuen Sie sich besonders?

Jette Joop: Die Taschen empfinde ich als ziemlich cool. Die sind natürlich nicht aus Leder, sondern Kunstleder. Besonders das Modell mit Metalloptik finde ich sehr lässig.

styleranking: Geht eine gut betuchte Designerin wie Jette Joop auch selbst bei Aldi einkaufen?

Jette Joop: Ja! Ich besuchte genau diese Filiale auf der Düsseldorfer Königsallee vor einiger Zeit, als ich in Düsseldorf war. Und hab mir Gummibärchen, Clementinen und auch einen Schal von Blue Motion gekauft. Weil ich selbst erleben wollte, wie das so ist. Es überraschte mich, wie viel ich für einen kleinen Preis kaufen konnte.

styleranking: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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