Designer-Interview

Designerin Jette Joop: „In der Modebranche habe ich Verstörendes erlebt“

Franziska Gajek
Von Franziska Gajek
12.11.2017 / 11:00 Uhr

Jette Joop kann alles. Lässt ihre Karriere zumindest vermuten. Sie arbeitete mit Christ zusammen, entwarf Türgriffe und sogar ein ganzes Haus. Hinzu kommen zahlreiche Mode-Kollektionen und immer wieder neue Kooperationen, etwa mit QVC oder Aldi Süd. Joop ist Designerin durch und durch. Beschränkt sich schon allein aufgrund ihres Studiums im Bereich Industriedesign nicht auf einen Bereich. Ein Workaholic könnte man meinen.

Als wir Jette Joop zum Interview treffen ist von Hektik keine Spur. Entspannt sitzt sie in ihrer neuen Lieblingslederjacke mit integriertem Hoodie auf dem Sofa und freut sich nicht nur einmal über das „Hammer Teil“, dass sie da trägt. Sie spricht langsam, beinahe leise, konzentriert sich auf jede Frage und nimmt sich auch mal einige, lange Sekunden, um nach den richtigen Antworten zu suchen. Diese handeln von einer verstörenden Jugend in der Modebranche, ihrem Angstalter und jenen Fehlern, die sie als wiederholenswert erachtet.

Wir treffen Designerin Jette Joop während der Vogue Fashion's Night Out in Düsseldorf. Dort erzählt sie von ihrer Kooperation mit QVC.   Copyright: styleranking

styleranking: Designkooperationen sind fester Bestandteil Ihrer Arbeit. Schauen Sie sich auch an, was die Kollegen machen?

Jette Joop: Ich bemühe mich, stets ein Early Bird zu sein und etwas zu wagen. Die Aldi-Kooperation ist dafür ein gutes Beispiel. Heute versuchen das auch andere.

styleranking: Aldi Süd zeigt: Mittlerweile designen vielfach Menschen, die mit Design eigentlich nichts zu tun haben. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Jette Joop: Das ist sehr vom Projekt abhängig. Die ökologischen Produkte von Schauspielerin Jessica Alba empfinde ich als tollen Ansatz. Eine Frau wie sie hat die Chance, dieses Thema nach vorne zu bringen. Aber zu sagen, ich bin prominent und habe deshalb die Kompetenz, eine Design-Kollektion zu lancieren, bewerte ich kritisch. Wir Designer haben das Handwerk gelernt und uns unser Leben lang damit beschäftigt. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir es einen Hauch besser wissen, existiert.

styleranking: Gibt es jemanden im Kollegenkreis, der Sie inspiriert?

Jette Joop: Ich mag Thomas Rath sehr gern. Er ist lustig und fröhlich. Er begrüßt einen nett und gibt anderen Menschen ein gutes Gefühl. Da existiert nicht dieser Konkurrenz-Gedanke. Aber ich schätze auch viele Kollegen, die etwa als Möbel-, Lampendesigner oder Architekten arbeiten.

styleranking: Tragen Sie als ausgebildete Designerin ausschließlich ihre eigenen Entwürfe?

Jette Joop: Ich trage grundsätzlich, was mir gefällt. Aber in Sachen Mode habe ich eine andere Herangehensweise. Sie ist wissenschaftlicher. Deswegen springe ich mit meiner Arbeit auch von Genre zu Genre. Ich analysiere Trends und habe permanent eine imaginäre Glaskugel dabei, in die ich reinschaue und überlege, was kommen könnte. Ansonsten lasse ich mich durch meine eigene Kleidung inspirieren. Ein Beispiel sind meine Armbänder aus Fahrradschläuchen. Die trage ich und irgendwann kommt mir eine gute Idee. Ich inspiriere mich selbst.

Jette Joop trägt zum Interview eine Schmuckkombination aus eigenen Designs und recycelten Fahrradschläuchen, die sie in Frankreich erworben hat.   Copyright: styleranking

styleranking: Wenn Sie nichts aus ihrer Kollektion tragen, welches Label lassen Sie an Ihre Haut?

Jette Joop: Ich finde die Sachen von Patrizia Pepe sehr spannend. Genauso wie die von The Kooples. Die haben einen coolen, rockigen Style. Jung, frisch, ein bisschen französisch, ein bisschen rotzig.

styleranking: Wie sieht die ideale Jette Joop Kundin aus?

Jette Joop: Ich stelle mir eine fröhliche, selbstbewusste Frau vor – und das bereits seit 20 Jahren. Ich sehe keinen spezifischen Typ. Die Jette Joop Frau erklärt sich bereit, in Qualität zu investieren. Sie legt Wert auf Design. Die Marke Jette habe ich früh als Friendship-Brand positioniert. Sie verlangt nicht, mager zu sein. Sie gibt nicht vor, diesen einen Lippenstift zu tragen, weil man sonst out ist. Ich finde es lustig, dass genau diese Positionierung jetzt in ist, obwohl meine Idee schon seit 20 Jahren funktioniert.

styleranking: Ein Early Bird.

Jette Joop: Ja, aber für diese Firmenpolitik musste ich viel Kritik einstecken. Langweilig, nicht antagonistisch, nicht arrogant genug, lautete die Anklage. Dieses Konzept habe ich allerdings nie verstanden. Das hat sicher viel damit zu tun, dass ich in der Modebranche aufgewachsen bin. Dort habe ich einiges erlebt, was für eine junge Frau nachhaltig verstörend war. Das Ergebnis: Ich wollte mich davon distanzieren. Schaut man sich nur mal die Models an. Das sind Kunstfiguren, die im Grunde ungesund sein müssen. Das hat mich schon mein ganzes Leben lang aufgeregt.

styleranking: Kommen wir zu Ihrer Kooperation mit QVC. Die Tele-Shopping Moderatoren preisen die Designs mit sehr viel Elan an. Mit welchen Worten würden Sie ihre eigenen Produkte im TV verkaufen?

Jette Joop: Der Elan ist notwendig und die Begeisterung auch. Meine Worte wären: Willkommen zur neuen Jette Kollektion, wir haben hier eine Lederjacke mit einem Hammer-Hoodie, die aus jeder Oma eine Geheimagentin macht.

styleranking: Ist Shopping am TV überhaupt noch cool?

Jette Joop: Es wird extrem cool. Die Zuwachsraten zeigen es. Dahinter steckt eine einfache Logik: Wir sehen uns Terroranschlägen ausgesetzt, haben immer schwierigere Flugverbindungen, siehe Air Berlin. Reisen ist mühsam. Und in große Einkaufszentren will auch niemand mehr. Was passiert? Die Menschen vertrauen dem Laden um die Ecke. Sie bestellen im Internet und im Fernsehen.

styleranking: Wird TV-Shopping im Zeitalter von Netflix auch für junge Leute relevant?

Jette Joop: Definitiv. Die Kundin bei QVC verjüngt sich schrittweise.

Jette Joop arbeitet seit 20 Jahren erfolgreich als Designerin. Dabei konzentriert sie sich nicht nur auf Mode.   Copyright: Ralf Juergens/Getty Images

styleranking: Wenn Sie mal nicht auf Home-Shopping-Kanälen unterwegs sind, was schauen Sie sich im TV an?

Jette Joop: Ich schaue sehr viele Krimis - Tatort zum Beispiel und natürlich Nachrichten. Filme gucke ich eher nicht. Da favorisiere ich YouTube. Ich bin viel unterwegs, lerne zahlreiche, neue Leute kennen. Vieles in meinem Leben erweist sich als ungewöhnlich. Da freue ich mich über alles, was ein bisschen normal und kuschelig ist.

styleranking: Nächstes Thema. Es steht ein bedeutendes Ereignis für Sie an. Sie werden nächstes Jahr 50.

Jette Joop: Echt? Das halte ich für ein Gerücht.

styleranking: Ist 50 ein Angstalter für Sie?

Jette Joop: Nein. Es würde mir Angst machen, wenn ich dementsprechend aussehen würde. Ich wirke zum Glück aufgrund vieler Faktoren nicht altersgerecht.

styleranking: Ist die 50 kein Wendepunkt in Ihrem Leben?

Jette Joop: Doch, das schon. Das reale Alter bringt mich dazu zurückzublicken. Was ist in den letzten 20 Jahren passiert, mit wem habe ich zusammengearbeitet und wem sollte ich danken? Zu diesem Zwecke werde ich eine Party veranstalten und mich einfach mal bedanken. Ansonsten bin ich im Sternzeichen Wassermann. Die sind bekanntermaßen immer für eine Überraschung gut.

styleranking: Wenn Sie auf die letzten Jahre zurückschauen, bei welchem Moment platzt ihnen heute noch vor Stolz die Brust?

Jette Joop: Wenn ich an die Preisverleihungen zurück denke. Einen Award verliehen zu bekommen, fühlt sich toll an. Ich empfinde aber auch immer dann Stolz, wenn Frauen mich ansprechen und erzählen, dass sie Schmuck von mir tragen. Ich meine: Fünf oder zehn Jahre lang erfolgreich sein, okay, aber immer wieder diese Emotionalisierung hinzubekommen, darauf bin ich stolz.

styleranking: Auch unsere Fehler formen uns. Gibt es einen Fehler, den Sie noch mal wiederholen würden?

Jette Joop: Das ist schwer zu sagen. Da waren so viele. Die reihen sich als bunte Kette aneinander. Die Summe aller Fehler hat mich hierhergeführt. Am Ende waren einige inspirierend, andere total unnötig.

styleranking: Welcher Fehler hat Sie inspiriert?

Jette Joop: Es erwies sich damals als Fehler, eine Herrenkollektion umsetzen zu wollen. Die Ware war toll. Die Partner auch. Aber mit dem Logo haben wir einen Fehler gemacht. Das war für uns alle nicht schön. Dennoch hat es mir sehr viel Respekt vor dem eingeflößt, was besteht und was ich schon erreicht habe.

styleranking: Vielen Dank für das Interview.

Designerin Jette Joop wird am 17. Februar 1968 in Braunschweig als Henriette Elisabeth Joop geboren, Tochter von Journalistin Karin Joop-Metz und Modedesigner Wolfgang Joop. Den Großteil ihrer Kindheit verbringt die heutige Designerin in Hamburg. Ihr Abitur schließt sie in Oxford, England ab. 1989 beginnt sie zunächst ein Studium in der Schweiz, bevor sie am Pasadena Art Center College of Design in Kalifornien ihren Bachelor of Science in Industriedesign absolviert. Von Beginn bis Mitte der 1990er Jahre arbeitet die heute zweifache Mutter für Designer Barry-Kieselstein und Ralph Lauren in New York. Anschließend kehrt Jette Joop nach Hamburg zurück und macht sich im September 1997 mit ihrer Firma Jette Joop Europe selbstständig. Zusammen mit der heutigen JETTE GmbH kooperiert Joop mit Unternehmen wie Christ, Douglas, WMF oder Aldi Süd. Parallel entwirft sie über die Jahre hinweg verschiedene Uniformen für Unternehmen wie Air Berlin, Aida Cruises oder die Gebäudereinigung GRG Service Group. Seit 2003 engagiert sich Joop außerdem als Kinderbotschafterin des Deutschen Roten Kreuzes. Für ihr erstes Parfüm Jette erhält sie 2006 den Duftstars Award.

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