Shitstorm gegen Modedesigner

Dolce&Gabbana vs. Elton John: Wenn Mode zum Schlachtfeld wird

Moritz Lindert
Von Moritz Lindert
17.03.2015 / 15:00 Uhr

Mamma mia! Gerade noch feierten Domenico Dolce und Stefano Gabbana in ihren Kollektionen für Herbst/Winter 2015 ein modisches Familienfest, nun hängt der Haussegen gewaltig schief. Im Internet stellen sich die italienischen Designer derzeit einem 35.000 Tweets starken Shitstorm. Losgetreten von Brit-Pop-Musiklegende Elton John. Dolce&Gabbana stilisieren die typische, italiensche und traditionelle Familie. John und zahlreiche Unterstützer kritisieren die beiden Modeschöpfer dafür. Beim Streit um das ethische Für und Wider künstlicher Befruchtung verhärten sich die Fronten. Instagram und Twitter werden zum Kriegsschauplatz, Hashtags zur Allzweckwaffe - wenn familiäre Werte viral gehen und Mode zum Politikum wird.

Alles für "La Famiglia" - bei den Mailänder Schauen feiern Domenico Dolce und Stefano Gabbana ihr Idealbild der italienischen Familie.   Copyright: Vittorio Zunino Celotto / Getty Images

Auslöser für das mediale Wortgefecht zwischen dem erfolgreichen Mode-Duo und Grammy-Gewinner Elton John: Ein Interview im italienischen Panorama Magazine. Stefano Gabbana und Domenico Dolce sprechen hier über ihre ideale Vorstellung einer traditionellen Familie. Harsche Kritik verteilen die beiden Designer, die selbst jahrelang ein Paar waren, an das IVF Verfahren. Die In-vitro-Fertilisation, eine Methode der künstlichen Befruchtung. Von "künstlichen Kindern" aus der "gemieteten Gebärmutter" sprechen Gabbana und Dolce und lösen mit jenen kontroversen Äußerungen eine Welle der Kritik aus. Besonders Sänger und Star-Komponist Elton John fühlt sich durch die Aussagen der Designer angegriffen. Gemeinsam mit Ehemann David Furnish hat er zwei Kinder. Sie wurden von einer Leihmutter zur Welt gebracht. Auf Instagram richtet John deshalb seinen Unmut direkt an Stefano Gabbana und Domenico Dolce. "Wie könnt ihr es wagen, meine wunderschönen Kinder synthetisch zu nennen? Eure Vorstellungen sind der Zeit hinterher, genau wie eure Mode", kommentiert er unter einem Bild der Modeschöpfer und ruft seine Fangemeinde mit dem Hashtag #BoycottDolceGabbana zum Boykott gegen das italienische Luxuslabel und ihr konservatives Familienbild auf.

Dass Dolce und Gabbana Anhänger einer verträumt-heilen Welt mit Vater, Mutter und Kind sind, beweisen ihre aktuellsten Kollektionen. Diese präsentieren sie auf der Mailänder Modewoche. Ihre Wintermode bildet eine Hommage an die italienische Mamma. Mit gestickten Kinderzeichnungen und Liebesbriefen auf Shiftkleidern und einem großen Finale, für das sich von der Großmutter bis zum Baby alle für ein Familienpoträt auf dem Laufsteg versammeln. D&G feiert "La Famiglia" wie wir sie aus Werbekampagnen von Barilla bis Miracoli kennen und spiegelt damit das wider, was sich die Modeschöpfer in zahlreichen Interviews herbeisehnen. Bereits 2006 erklärte Stefano Gabbana, dass er sich zwar selbst Kinder wünsche, aber strikt gegen ein homosexuelles Elternpaar sei: "Ein Kind braucht eine Mutter und einen Vater" befindet er und inszeniert 2015 eben diese Familie auf dem Mailänder Laufsteg. Wenn er oder Dolce sich nun zum Streit mit Elton John in den sozialen Medien äußern, sprechen sie von Mammas, Amore und Famiglia - Worte, die direkt von den süßen Spitzenschriftzügen der Laufstegkollektion gerissen und in wutentbrannte Twitter-Nachrichten gebannt werden. Mode wird so zum Kanonenfutter für einen Krieg der Worte.

Vater, Mutter, Kind - Auf dem Laufsteg bei D&G Herbst/Winter 2015 werden konservative Familienbilder zum Leben erweckt.   Copyright: Catwalkpictures

Elton Johns #BoycottDolceGabbana-Feldzug erfreut sich derweil immer größeren Zuspruchs im Netz. Namenhafte Prominente stellen sich bei Twitter hinter den Ausnahme-Pianisten und Familienvater. Pop-Star Ricky Martin befiehlt Dolce und Gabbana, endlich aufzuwachen und im Jahr 2015 anzukommen. Skandal-Nudel Courtney Love habe nach eigener Aussage bereits ihre D&G Klamotten im Vorgarten verbrannt. Stefano Gabbanas Antwort in diesem Shitstorm lässt nicht lange auf sich warten. In einem Post beruft sich der Italiener auf sein Recht auf Meinungsfreiheit, wirft dem britischen Musiker Intoleranz vor und fordert wiederum den #BoycottEltonJohn. Online-Magazine wiegen die Retweets gegeneinander auf, Stars und Medien ergreifen Partei. Ein Hin und Her aus Hashtags und Hasstweets spinnt sich wirr durcheinander, bei dem immer mehr Beteiligte das eigentliche Problem zunehmend aus den Augen verlieren.

"Wir wollten mit unseren Aussagen niemanden verletzen" - Dolce und Gabbana sehen sich nach ihrem Interview im Panorama Magazine einem weltweiten Shitstorm konfrontiert.   Copyright: Pietro D'Aprano / Getty Images

Mode ist schon immer ein Ausdruck von Weltbildern, politischen Richtungen und Gesellschaftskritik gewesen. Schwierig wird es, seit sich diese Diskurse so öffentlicht und ungehemmt wie noch nie im World Wide Web austragen lassen. In Zeiten von Twitter und Instagram darf jeder seine Meinung zu Themen wie künstlicher Befruchtung und traditioneller Familienplanung kund tun. Plötzlich kann aber auch jeder mit seinen Worten andere angreifen oder sich selbst angegriffen fühlen. Auf die Tonart kommt es an. Nun stehen sich erwachsene Männer in einem digitalen Zweikampf gegenüber, mit nichts in der Hand als ihrer Überzeugung und einem Social Media Account. Im Netz wird gestritten, wie um die Schaufel im Sandkasten. Mit elterlicher, erwachsener Besonnenheit hat das wenig zu tun.

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