BERLIN FASHION WEEK SOMMER 2017

Einmal Riviera und zurück: Guido Maria Kretschmer auf modischer Achterbahnfahrt

Moritz Lindert
Von Moritz Lindert
30.06.2016 / 13:00 Uhr

Fotos von Cosima Scholz

Promi-Geschubse im Fashion Zelt und Hochsteckfrisuren in der Front Row – Guido Maria Kretschmer ist der absolute Publikumsliebling der Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin. Dank Shopping Queen wurde er zum Entertainer, modisch muss er allerdings noch ein wenig Überzeugungsarbeit leisten. Auf eine Acherbahnfahrt mit Guido Maria Kretschmer, ein Showbericht im Liveticker.

20:29 Uhr. Das erste Model radelt zu mediterranen Klängen den Laufsteg herunter, ein Meer von Blüten im Fahrradkorb. Guido zeigt Looks, die den Modezahn der Zeit treffen und trotzdem verspielt, weiblich, typisch Guido sind. Mit Polkadots, Blockstreifen und Seersucker-Druck ruft Guido Maria Kretschmer Erinnerungen an die französische Riviera wach. Spaziergänge auf der Croisette in St. Tropez, süße Zweiteiler aus Crop Top und Midi-Rock, Jumpsuits mit knielangem ausgestelltem Bein und Spitzenborte.

20:35 Uhr. Als ich Guido 2014 bei einem Interview zum ersten Mal persönlich treffe, erklärt er mir, dass seine Marke jünger werden soll. Weniger Couture, mehr Ready-to-Wear. Tragbar und modern. Er zeigt weite Silhouetten im Kontrast mit figurbetonten Etuikleidern, Oberteile und passende Shorts im selben Material. Das sind aktuelle Trends, zwar nicht Fashion Forward aber zu hundert Prozent Fashion Now.

20:42 Uhr. Guido zeigt einen seiner besten Looks, Shorts und Mini-Blazer in dreifach gestreiftem Mustermix. Ein Print aus pinken Lilien stört die Idylle, wird an Kleider, Sommermänteln und Tuniken durchexerziert. Das ist ein Problem bei den Kollektionen des Labels. Gute Themen und Looks werden in Hülle und Fülle tot gespielt. Die gekonnten Two Piece Outfits vom Beginn der Show kommen jetzt noch in nudefarbenen Pailletten und Fransen daher. Aber warum? Mit Guidos Worten: „Da ist zu viel los“. Er verliert mich irgendwo zwischen Glitzer und Fringe.

20:46 Uhr. Aus dem Nichts wieder ein Knaller! Ein Babydoll in blassem Rosé mit passender Ballonshorts wird gezeigt. Edelsteine sind auf der Hose zu royalen Mustern arrangiert. Elegant aber nicht zu aufdringlich. Ich bin Team Guido!

20:47 Uhr. Ein Midi-Kleid im selben Stoff, von Edelsteinen völlig erschlagen. Und ich bin wieder raus.

20:50 Uhr. Look Nummer 41. Jenny Elvers rutscht in der Front Row ungeduldig hin und her. Guido ist kein Designer der sich kurz fasst. Noch mehr Glitzer und Fringe passieren den Runway. Spätestens jetzt dämmert auch dem Letzten: Das wird eine längere Sitzung.

20:52 Uhr. Ich glaub ich war kurz weg. Das ist es, was nach der Show viele beschreiben. Schöne Highlights, aber irgendwann verliert man den Faden. Doch ein toller Look holt mich zurück an Bord: Ein weißes, fließendes Sommerkleid, darüber eine Tunika im Tropenprint, die lässig über die gebräunte Schulter rutscht. Bluse über Kleid, eine tolle Silhouette. Ich spüre den nächsten Street Style Trend. Zurück zu Glitzer und Fringe. Im Publikum macht sich Gemurmel breit. Moment mal, haben die beiden neben mir etwa ein Date? Wie romantisch.

20:56 Uhr. Guido ist inzwischen bei seinen Wurzeln angelangt. Dramatische Roben in schwarzer Spitze und Brokat. Glamour kann er, auch wenn die auftoupierten Brigitte-Bardot-Locken der Models nun noch madamiger wirken. Ich muss wieder an unser Gespräch denken. Weniger Couture? Fehlanzeige. Abendkleid um Abendkleid rauscht vorbei. Die modernen Riviera-Looks vom Anfang kommen mir vor wie eine weit entfernte Urlaubs-Erinnerung, ein längst verflogener Sonnenstrahl.

20:59 Uhr. Finale. Guido Maria Kretschmer erobert mit seiner Gang aus Red Carpet Models den Laufsteg und die Menge klatscht im Takt. Und ich bin unschlüssig. Guido Maria Kretschmer ist ein exzellenter Modekenner, der weiß was er tut. Aber in seinen Shows schießt er regelmäßig über das Ziel hinaus. Tolle Looks verlieren an Strahlkraft und gehen in einem Meer an Kollektionssegmenten unter. Und trotzdem, die Masse johlt. Als ich aufstehe, ist mir ein bisschen schwummerig. Fühlt sich an, wie nach der Achterbahn.

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