Métiers d'Art

Fashion Feuerwerk: Wenn Chanel zur See fährt

Von styleranking
08.12.2017 / 18:23 Uhr

Von Peter Kempe

Jedes Jahr Anfang Dezember zeigt Chanel als Hommage an die Handwerks-Ateliers eine ganz besondere Kollektion, abseits der großen Fashionweeks. Traditionell ist diese Show einem ganz besonderen Ort gewidmet. In diesem Jahr fällt die Wahl auf Lagerfelds Heimat Hamburg. Eine ungewöhnliche Wahl. Denn meist zeigt das Haus Chanel diese Kollektion an solchen Orten, die mit dem Leben Coco Chanel’s oder ihren Einflüssen verbunden sind. In Salzburg sollen die Uniformen der Pagen Coco Chanel inspiriert haben, Venedig war sie stets verbunden, Rom besuchte sie mit Visconti, Shanghai stand für ihre Vorliebe für Coromandel Paravents. Das Ritz enthielt, nur einen Steinwurf von ihrem Haus in der Rue Cambon entfernt, eine Suite in der sie schlief. Auch ihre Kundinnen wohnten dort, wenn sie zur Anprobe kamen. Jede Kollektion der Métiers d‘Art vereint den Code des Hauses Chanel mit der Kultur des Ortes an dem die Präsentation stattfindet.

Die Paraffections Ateliers von Chanel wie der Sticker Lesage, der Hutmacher Maison Michel, das Blumen- und Federatelier Lemarié oder auch der Plisseur Lognon arbeiten in den Monaten vor den Schauen auf Hochtouren um in besonderer Weise die kostbare Kollektion zu erstellen. Métiers d‘Art Teile gibt es zwar in den Chanel Boutiquen zu kaufen, sie gleichen aber vom Aufwand der auf die Kundinnen zugeschnittenen Haute Couture Kollektion, die in reiner Handarbeit entsteht und nach Maß gefertigt wird. Nicht nur die Kundinnen aus aller Welt, auch das gesamte Chanel-Team und die internationalen Journalisten setzen sich pünktlich im Dezember ins Fluzgzeug, um sich auf Chanel-Reise zu begeben.

Auch die Schauspielerin Kristen Stewart ist bei der Chanel Show dabei.   Copyright: Alexander Kromer / Getty Images

Seit einigen Jahren darf ich an der Berichterstattung teilnehmen und mit großen Augen erleben, was weitab von dem liegt, was man als Modenschau bezeichnen darf. Karl Lagerfeld gelingt es Jahr für Jahr, seine Zuschauer hinter die Kulissen der Inspirationen zu entführen und mit seiner Phantasie eine ganze Stadt zu chanelisieren.

Verkündet wird die Destination in der Regel im Juni. Von diesem Moment an setzt sich eine Maschinerie in Bewegung, die in Organisation und Perfektion ihresgleichen sucht. Denn Location, Hotels, Anprobeorte, Restaurants, Setbauer, Visagisten, Gästelisten und Limousinenservice für hunderte Personen müssen punktgenau organisiert werden.

In diesem Jahr hat Lagerfeld seine Heimatstadt Hamburg ausgewählt. Am 06. Dezember präsentiert er in der von Herzog & de Meuron konzipierten Elbphilarmonie die Métiers d'Art-Show 2018. Warum die Wahl ausgerechnet auf dieses Gebäude fällt? Das Bauwerk ist kühn und gewagt. Trotz Widerständen und Bauschwierigkeiten verhilft es Hamburg nun in aller Welt zu großer Aufmerksamkeit. Noch nie gab es so viele Berichte über Hamburg und die Attraktivität der Stadt ist seit der Eröffnung auch deutlich gewachsen.

Die Idee zu dieser Show schlummerte schon lange in Lagerfeld. Zu Zeiten, in denen kaum ein Hamburger an die Fertigstellung der Elbphilarmonie glaubte, machten wir anlässlich des Geburtstages von Karl Lagerfeld eine Hafenrundfahrt mit dem historischen Dampfer Schaarhoern, Baujahr 1908. Dabei konnte sich Lagerfeld nicht nur an jedes Haus am Elbhang erinnern, sondern konstatierte auch beim passieren der Baustelle der Elbphilarmonie, das wenn sie einmal abgeschlossen würde, der Image-Gewinn der Stadt von unschätzbaren Wert sein werde.

Viele Menschen sehen nicht, wenn sich Schwierigkeiten einstellen, das es die Hürden sin ,die genommen werden müssen, um in der Zukunft zu ernten“ sagt der Designer damals.

Schon die Ankündigung zur Show in Hamburg versetzte dann die ganze Stadt in Aufruhr. Wo würden alle wohnen? Kehrt Lagerfeld an den Ort seiner Kindheit zurück? Ist es seine letzte Show? Aber auch ganz praktische Probleme taten sich auf. Denn Hamburg ist mit internationalen Flügen nicht direkt anzufliegen. Wie also sollten die rund 700 Gäste, teilweise aus Taiwan, Korea oder auch den USA anreisen? Und bei solch einer weiten Anreise musste neben Show und After Show Party außerdem ein mehrtätiges Rahmenprogramm konzipiert werden.

Lily Rose Depp und Kristen Stewart spielten im Hause Chanel beide bereits eine wichtige Rolle.   Copyright: Chanel

Umso näher der Termin der Show rückte, desto öfter hörte man Menschen französisch sprechen in der Stadt. Mitarbeiter von Chanel konnten durch verräterische Accessoires entlarvt werden. Sie beobachtete man in typischen Restaurants oder dabei, skurrile Geschäfte auszukundschaften in denen es Seemanns-Mützen oder etwas für Hamburg Typisches zu kaufen gibt.

Die Elbphilarmonie und das angrenzende Hotel wurden für die Schau und die davor stattfindenden Fittings sowie das gesamte Team geblockt. Für die Kundinnen suchte das Couture-Haus das edle Hotel Vier Jahreszeiten aus, Journalisten und Berichterstatter wurden im Atlantic untergebracht. Neben Soundchecks buchte Chanel unter größter Geheimhaltung außerdem den britischen Dirigenten und Cellist Oliver Coates. Es sollte schließlich – der Location entsprechend – mit Live-Musik gearbeitet werden.

Tausende Arbeitsstunden und viele Nachtschichten vergingen. Hunderte Mitarbeiter, Chauffeure, das Catering für die Aftershowparty und Setbauer mussten gecastet werden. Die Fischauktionshalle verwandelte sich in eine Seemanswelt der dreißiger Jahre mit Shanty Chor und Tattoo Studio.

Die Kollektion umfasst Damen-und Herren-Designs.   Copyright: Chanel

In Paris entwarf Lagerfeld mit bekannt schwungvollen Skizzen seine Linie Paris-Hamburg. Die Ateliers arbeiteten nach der Prét-a-Porter-Kollektion im Oktober ununterbrochen an der Umsetzung der Métiers d'Art-Präsentation. Das sonst so spektakuläre Setting, wie Raketen, Wasserfälle oder ein ganzer Supermarkt, die regelmässig im Grand Palais für Furore sorgen, sollte dieses mal in den Hintergrund treten.

Am 06. Dezember war es dann soweit und gemeinsam mit Prominenten wie Tilda Swinton, Kristen Stewart, Modell Legende Tatjana Patitz, Schauspielerin Anna Mouglaglis oder Lily Rose Depp, Botschafterin des Hauses, betraten wir die festlich illuminierte Elphilarmonie.

Schon den ganzen Tag hatten alle die Stadt erkundet und bei Steinway hinter die Kulissen geschaut oder an Proben von John Neumeiers weltberühmten Ballet in der Staatsoper teilgenommen. Die Radiosender der Stadt überschlugen sich vor Meldungen und die Tageszeitungen hatten nur ein Thema: Lagerfeld und Chanel. Choupette, die Katze von Karl Lagerfeld war eigens mitangereist.

Was Karl Lagerfeld dann zeigte, offenbarte sich als ganz besondere Liebeserklärung an seine Geburtsstadt. Er hätte die Kollektion nicht luxuriöser und liebevoller an das Chanel-Profil anlehnen können, ohne dabei Modernität und Zeitgeist außer Acht zu lassen.

Fü die Kollektion erhält Chefdesigner Lagerfeld große Anerkennung.   Copyright: Chanel

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – drei Zeiteinheiten, die Karl Lagerfeld zu dieser Paris-Hamburg Kollektion inspiriert haben. Um diese drei Achsen fädelt der Designer Bilder des Hamburger Hafens mit gleitenden Silhouetten der Handelsflottenarbeiter, aufgebrochen durch die Moderne von Chanel.

Sofort denke ich an den Hans Albers Film „Große Freiheit Nummer 7“ als Brad Kroenig, Sebastien Jondeau und Baptiste Giabiconi in Seemanskluft der Luxusversion auftreten. Das gleiche Design-Prinzip wendet Lagerfeld auch auf die Damenentwürfe an. Er greift auf ihre Garderobe zurück, macht sich ihre Cabanjacken, ihre typischen Hosen mit Frontlasche, gestreiften Hemden und unvergänglichen Mützen zu eigen. Der Geist von Gabrielle Chanel – die ihrerzeit die Idee der gestreiften Matrosenhemden und Cabanjacken von den Männern kopierte – ist nie weit entfernt. Doch Karl Lagerfeld hat sein Verständnis des Maskulinen und Femininen erweitert, indem er Details multipliziert und die für das Haus typischen Merkmale neu interpretiert. Er kreiert damit eine einzigartige, mutige, souveräne und ultra-feminine Haltung.

Chanel zeigt eine klare und elegante Linie, Looks durchbrochen von Matrosenkragen, mehr oder weniger taillierten Jacken, langen Redingoten, Miniröcken und extraweiten Hosen, entworfen, um die 90-köpfige Besatzung von „Seglern, die nicht ins Wasser gehen“, weiblich zu machen, so Karl Lagerfeld. Die Mütze fest nach unten gezogen, mitunter eingewickelt in einen Tüllschal, die Hände versteckt in fingerlosen Handschuhen, die Beine verhüllt durch lange Stricksocken und Budapester mit Absatz oder Pumps mit Knöchelriemchen an den Füßen.

Die Kollektion von Lagerfeld ist an seine Heimatstadt Hamburg angelehnt.   Copyright: Chanel

Tweed wird begleitet von feinem Wollstoff, Kaschmir und Flanell, Seidencrêpe wechselt sich mit Chiffon und einem leicht funkelnden Jersey ab. Webmuster sind inspiriert von den Backsteinen der umliegenden Hafengebäude und den Stapeln an bunten Containern, die auf Frachtschiffen in den Hafen kommen. Knöpfe spiegeln die Form von Ankerschrauben wider und geflochtene Wollfäden entwickeln sich zu flaumigem Tauwerk. Federn, Stickerei, Strass, Perlmutt und Perlen beschließen den stilvollen Abend in der Elbphilharmonie.

Es gibt Bandoneon-, Akkordeon- und Rettungsring-Taschen. Dicke Rollkragen und die Klapphosen der Blohm- und Voss-Arbeiter als Denim Luxus-Version. Mit Rüschen versehende Pumphosen und Empire Oberteile sind inspiriert von Lagerfelds Ausflügen als Kind in die Kunsthalle zu den Gemälden von Philipp Otto Runge.

Zu Nadel- und Matrosenstreifen gesellt sich eine minimalistische Farbpalette aus Schwarz, Beige, Grau, Marineblau, Ziegelrot sowie gelegentlichem Gold und Rot, die das Paris von Chanel mehr denn je mit den orangefarbenen Tönen der Hamburger Architektur vereint.

Der berühmte Hamburger Kiez, die Reeperbahn und St. Pauli werden in verruchten schwarz-weißen Ensembles und mit dem Smokey-Eyes Make-up, das an die dreißiger Jahre angelehnt ist, zitiert.

Das Finale in der Elbphilharmonie rührt die Zuschauer zu Tränen.   Copyright: Chanel

Nachdem alle Models ganz vom oberen Rang der Elbphilarmonie durch den Saal an den Zuschauern vorbeidefilieren, formieren sie sich zum Schlussbild um das Orchester. Die Männer des engsten Lagerfeld-Zirkels als moderne Seemänner in schweren dunkelblauen Pullovern, weiten Hosen und der Chanel-Version einer Prinz-Heinrich-Mütze nehmen Platz zu Füßen ihrer attraktiven „Seemannsbräute“. La Paloma - das uralte Seemanslied, das in der Kindheit von Lagerfeld aus jedem Radio spielte und für Hamburger eine Art Nationalhymne ist, erklingt dazu. Standing Ovations. Ubd ich gebe zu, nicht nur bei mir fließen ein paar Tränen. Mehr Chanel und Hamburg geht nicht!

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