Greenpeace-Studie

Kirsten Brodde: "Unternehmen trainieren Jugendliche zum Billig-Mode-Konsum!"

Marie Mertens
Von Marie Mertens
01.04.2015 / 13:00 Uhr

Mode ist günstig, immer verfügbar und zum Wegwerfprodukt geworden. Während Kleidung in den letzten Jahrhunderten zum Statussymbol avancierte, verkommt sie derzeit zu einem Produkt der eigene, willkürlichen Laune. Was gefällt, wird dank Billigpreisen gleich mehrfach gekauft. Was nicht mehr gefällt, kann dank Billigpreisen weggeworfen werden. Dass Kleidung nicht von Maschinen, sondern von Menschen unter teilweise katastrophalen Bedingungen gefertigt wird, wissen nur die wenigsten - oder wollen es gar nicht erst wissen.

Wie Greenpeace in einer repräsentativen Umfrage herausfand, achten Jugendliche beim Kleiderkauf vor allem auf Design, Marken und Preis - und der kann nicht niedrig genug sein. Die Herstellungsbedingungen spielen hingegen kaum eine Rolle, obwohl ihnen die Ausbeutung der Textilarbeiter und der hohe Chemikalieneinsatz in der Textilindustrie laut der Studie bewusst ist.

Billig, billiger, Primark.   Copyright: Christopher Furlong/Getty Images

"Mode ist zum Wegwerfprodukt geworden - wie eine Plastiktüte ", sagt Kirsten Brodde, Textil-Expertin von Greenpeace. "Die Jugendlichen finden es toll, wenn ein Kleidungsstück nicht mehr als eine Tasse Kaffee oder ein Stück Kuchen kostet." Schuld sei das veränderte Konsumverhalten der letzten Jahre. Die Jugend sei von den Modemarken bewusst darauf trainiert worden, billig und viel zu konsumieren. Das belegt auch die Studie: Mehr als 80 Prozent der Jugendlichen kaufen laut Greenpeace ihre Kleidung bei Fast Fashion-Ketten wie H&M oder C&A.

Jeder Fünfte wirft Altkleider einfach weg

Je mehr Kleidung die Jugendlichen kaufen, desto mehr Altkleider häufen sich an. Ein Party-Top zum Beispiel wird laut Brodde im Durchschnitt nur 1,7-mal getragen und dann entsorgt. Mehr als 70 Prozent bringen die ausrangierte Mode dann zur Altkleidersammlung. Jeder Fünfte wirft sie einfach weg. Immerhin die Hälfte der Befragten spendet sie sozialen Einrichtungen oder gibt sie privat weiter. Nur etwa ein Drittel verkauft ausrangierte Stücke übers Internet auf eBay oder Kleiderkreisel.

Von Marketingaktionen wie dem Recycling-Programm von H&M hält Brodde nicht viel. Wenn man Altkleider zu dem schwedischen Filialisten bringt, bekommt man als Gegenleistung einen 15-%-Gutschein ausgehändigt, den man beim nächsten Kauf einlösen kann. "H&M heizt mit dieser Aktion seinen Konsum nur noch mehr an", kritisiert die Expertin. "Die Jugendlichen freuen sich natürlich, wenn sie eine Belohnung für ihre Altkleider bekommen. Die muss aber nicht immer materiell sein. Viele sind bereits zufrieden, wenn sie mit ihrer Spende etwas Gutes tun und ihre Altkleider charitativen Zwecken zugutekommt."

"Fashion Kills": Klare Worte von Demonstranten vor einer H&M Filiale im Jahr 2012.   Copyright: Adam Berry/Getty Images

Green Fashion ist nicht hip genug

Eine Alternative zur schnellen Mode ist laut Brodde Green Fashion - sie genießt unter den Jugendlichen allerdings kein besonders hohes Ansehen. Viele junge Menschen hegen laut der Umfrage Vorurteile gegenüber nachhaltiger Kleidung. Sie sei weder cool genug, noch gebe es genug Auswahl. Auch Secondhandkleidung schneidet nicht gut ab. Fast 70 Prozent der Jugendlichen mögen Secondhandware nicht, weil sie "nicht sauber" sei. "Das sind alte Zöpfe, die abgeschnitten gehören. Das Angebot an gut gemachter Ökomode wächst rasant. Und wer ein Teil weniger kauft, kann sich die hochwertigere Alternative auch leisten", sagt Bodde. So könne man heutzutage eine Öko-Jeans von einem Vergleichsmodell von H&M optisch nicht mehr unterscheiden. Allerdings gesteht die Expertin auch ein, dass im Bereich Green Fashion einiges getan werden muss, um das eigene Image zu verbessern.

Dieser Anblick gehört in vielen Ländern, in denen Textilen gefertigt werden, leider zum Alltag.   Copyright: Greenpeace

Nicht nur der steigende Konsum und die daraus entstehenden Mengen an Altkleidern bereiten der Umwelt Probleme, sondern auch die Produktion. Alleine in China sind laut Greenpeace etwa zwei Drittel der Gewässer mit gefährlichen Chemikalien kontaminiert, vor allem aus der Textilindustrie. Diese Schadstoffe befinden sich auch in den Kleidungsstücken und landen auf unserer Haut. Die Umweltorganisation testete erst im Herbst 2014 Kinderkleidung und -schuhe diverser Discounter auf gefährliche Chemikalien - mit erschreckendem Ergebnis. Greenpeace attestierte den Unternehmen damals umweltschädlichen Rohstoffeinsatz sowie Nachholbedarf bei der Wiederverwertbarkeit der Textilien und bei Sozialstandards.

Abwässer einer Textilfabrik.   Copyright: Greenpeace

Aldi schließt sich Detox Kampagne von Greenpeace an

Der Druck auf Discounter und Modemarken ist derzeit so groß wie nie. Immer mehr Konsumenten hinterfragen die Art und Weise, wie Kleidung produziert wird, und verlangen Transparenz. Mit der Detox Kampagne fordert Greenpeace Modeunternehmen weltweit auf, schadstofffrei zu produzieren. Mehr als 26 bekannte Modemarken, darunter Adidas, H&M und Zara haben sich bereits abgeschlossen. Sie versprechen bis 2020 ausschließlich ungefährliche Substanzen zu verarbeiten. Neuestes Mitglied ist Discounter Aldi, der bis Ende Juni 2016 gefährliche Schadstoffe wie Alkylphenolethoxylate (APEO) aus seinen Textilien verbannen möchte. Die Abbauprodukte von APEOs sind nicht nur hochgiftig für Wasserorganismen, sondern schädigen auch das Immunsystem und die Fortpflanzung. Das Unternehmen plant sogar ein Programm für "nachhaltigen Konsum".

Je billiger die Mode, desto besser - das denken zumindest viele Jugendliche.   Copyright: Christopher Furlong/Getty Images

Greenpeace setzt sich deshalb verstärkt für einen anderen Kleidungskonsum an, der auch die Produktionsbedingungen verändern kann. Gebraucht statt neu kaufen, reparieren statt wegwerfen und zertifizierte Mode statt billiger Massenware: Die Expertin rät vor jedem neuen Kauf den Schrankinhalt zu überprüfen, ob man das neue Kleidungsstück wirklich braucht und ob es nicht eine ökologische Alternative gibt.

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