Mailand Fashion Week Fall/Winter 2018/2019

Gucci lässt Köpfe rollen

Franziska Gajek
Von Franziska Gajek
21.02.2018 / 17:51 Uhr

Monotones Piepsen erfüllt den sterilen Raum. In kurzen Abständen ertönt der Takt eines schlagenden Herzens, untermalt von den schweren Geräuschen eines Beatmungsgerätes. Über dieses Lied von Leben und Tod legen sich melancholische Violinentöne und Chorgesang. Sie bilden das Klanggerüst für eine der ganz großen Schauen des Fashion-Kosmos.

Alessandro Michele gelingt es einmal wieder, große Fragezeichen auf den Gesichter seines Publikums zu hinterlassen. Entsprechend verhalten fällt auch der Applaus unmittelbar nach der Gucci Show aus. Die Begeisterung für die Herbst/Winter 18/19 Kollektion folgt wohl im Nachgang. Vorausgesetzt jemand überwindet die Inszenierung mit abgetrennten Köpfen und Babydrachen und dringt bis zur Mode vor.

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Mode unter OP-Leuchten

Mäntel, Kleider und Hosen von Gucci finden sich für gewöhnlich nicht in öffentlichen Wartezimmern auf beigen Schalensitzen wieder. Aber Gewöhnlichkeit zählte noch nie zu den Stärken des Alessandro Michele. Also verfrachtet er sein aufgehübschtes Auditorium kurzerhand auf eben solche beigen Stühle und eröffnet ihnen den Blick auf grün abgedeckte OP-Liegen und Operationsleuchten mit ausladenden Gelenkarmen. Die Kulisse könnte eindeutiger nicht von beklemmenden Gefühlen, sterilen OP-Sälen und der Angst vor Schmerz und Tod erzählen.

Die Looks, die der Kulisse dann leben einhauchen, zeigen sich in üblicher Gucci-Manier. Überladen, farbintensiv, opulent bedruckt und mutig kombiniert. Sowohl Herren- als auch Damen-Looks deren Gender-Zugehörigkeit längst aufgehoben scheint, präsentiert Gucci vor Gästen wie Veronika Heilbrunner, Anna Wintour, Tina Leung und dem Blogger Bryanboy.

Dr. Frankenstein und die Suche nach der passenden Identität

Während die Kulisse als Reminiszenz an die Schnitte und Konstruktionen, sowie das Selbstverständnis der Arbeit von Alessandro Michele zu verstehen ist, präsentiert sich die Kollektion als Potpourris kultureller Eigenheiten und deren Verschwinden. Unter dem Titel "Cyborg" visualisiert Michele die Auflösung kultureller Indenitäten und deren Kategorien.

Michele schickt ein chinesisch anmutendes, schwarzes Gewand mit Hut in Pagodenform über den Laufsteg, lässt das New York Gang Symbol auf Basecaps oder Cardigans wieder aufleben oder entführt mit opulent gewickelten Turban und einem mit Strass verzierten Niqab in die arabische Welt. All diese Bilder verzerrt er, um zu beschreiben, wie difus wir heute unser aller Identität definieren. „Wir sind der Dr. Frankenstein unserers Lebens." sagt der Designer zu Vogue.com.

Der Babydrache von Oxfordshire

Alessandro Michele erzählt von den Kulturen und Geschichten dieser Zeit. So nimmt er auch die Legende des Pickled Dragon in seine Kollektion auf. Sie erzählt die Geschichte von David Hart, der 2003 angeblich einen Drachen findet, der Ende des 19. Jahrhunderts in einem Glasbehälter konserviert wurde. Der Look zu dieser Saga: Ein schwarzer Zweiteiler aus Samt, bedruckt mit funkelnden Steinen. Dazu ein kleiner schlafender Drache in den Armen des Models.

Die Legende des „Baby Dragon in the Jar" erzählt von dem angeblichen Fund eines echten Babydrachen in Oxfordshire, England.   Copyright: Catwalk Pictures

Grusel-Looks zu Statement-Schmuck

Neben schlafenden Drachen tragen die Models auch abgetrennte Köpfe als Accessoire über den Laufsteg, die dem Antlitz des jeweiligen Models bis ins kleinste Detail ähneln. In Zusammenspiel mit der Kulisse provoziert Michele Gänsehautmomente - das aber ohne die Mode aus dem Fokus zu rücken. Der vermeintliche Grusel-Look wird aufgebrochen von einem karierten Herrenmantel mit überlangen Ärmeln zu einem hellblau gestreiften Hemd, Chinos in Eierschale und einer opulenten Halskette.

Solche überlangen Ärmel finden sich in extremer Form auch an einer gerüschten Bluse, die unter einem Zweiteiler in grellem Hellgrün hervor schaut. Stickereien an Hose und Sakko vollenden den voluminös geschnittenen Anzug, den Michele zu flachen Schnürern stylt.

Alessandro Michele schickt verstörende Bilder über den Laufsteg, die am Ende unsere Selbstwahrnehmung und die Suche nach Identitäten reflekieren.

Die Kollektion von Gucci für den Fall/Winter 2018/2019 provoziert. Sie provoziert mit der Kulisse und dem Geräuschpegel, der die Show umgibt. Sie löst Gender-Klischees auf, überfordert das Auge mit Mustern und Drucken und mündet schließlich im abstoßenden Anblick körperloser Köpfe, die einem Accessoire gleich die Looks auf bizarre Art komplettieren.

Neben der Frage nach der kreativen Grundlage, dem Wunsch danach, die Idee des Designers vollends zu ergründen, bleibt vor allem eines zu klären: Braucht Gucci eine solch provokative Inszenierung, um sich der Aufmerksamkeit internationaler Modekritiker Gewiss zu sein? Oder bekommt Gucci diese Aufmerksamkeit, genau weil das Label Grenzüberschreitungen so virtuos beherrscht?

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