Designer Interview

Guido Maria Kretschmer: „Unsere Gesellschaft hat sich runtergehungert”

Franziska Gajek
Von Franziska Gajek
05.11.2018 / 15:44 Uhr

Ashley Graham, Angelina Kirsch, Sarina Nowak - Models identifiziern sich heute nicht mehr über eine Kleidergröße 32. Formate wie Curvy Supermodel etablieren sich im deutschen TV, The Curvy Magazine ziert jedes Zeitschriftenregal. Curvy ist in aller Munde.

Auch Designer Guido Maria Kretschmer weiß schon lange um die Bedeutung des Plus-Size-Marktes. Er scheint der Richtige, um dieses emotional aufgeladene Thema flächendeckend zu etablieren. Schließlich fliegen Guido die Herzen zu - wohl auch weil er mit unendlich viel Toleranz gesegnet ist. Gemeinsam mit Otto launcht Guido dieses Jahr eine Plus-Size-Kollektion, die auf die Bedürfnisse kurviger Körper eingeht, statt einfach mehr Stoff zu verwenden. Was das bedeutet und welche gesellschaftliche Relevanz die Kollektion Size Revolution mit sich bringt, verrät uns Guido Maria Kretschmer im Interview.

"Wir sehen aus wie ein altes Ehepaar", sagt Guido als er das Bild von sich und Crew Member Franzi sieht.   Copyright: styleranking

styleranking: Ihre Kollektion trägt den Titel Size Revolution. Was bedeutet der Begriff Revolution?

Guido Maria Kretschmer: Revolution bedeutet, dass Mode nicht nur verhüllen muss, sondern auch sexy sein darf und Kurven zeigen soll. Größere Größen dürfen ihren Po und ihre Taille zeigen. Ewig zu sehen, wie diese Zelte gebaut werden, war ich leid. Die Gesellschaft muss erkennen, dass eine Frau in einer großen Größe toll aussieht - auch wenn sie dickere Beinchen oder mehr Hüfte hat. Plus klingt häufig nach einer Entschuldigung. Ich höre Sätze, die beginnen mit: „Obwohl es Plus Size ist...” Damit soll Schluss sein.

„Die Menschen drehen gerade irgendwie durch"

styleranking: Hat der Plus-Size-Markt eine Revolution nötig?

Guido Maria Kretschmer: Nicht nur der Plus-Markt, sondern die Gesellschaft braucht eine Revolution. Wir müssen uns von dem Ideal lösen, dass nur schmale und schlanke Menschen erfolgreich und diszipliniert leben. Die Menschen drehen gerade irgendwie durch. Wir müssen endlich verstehen, wie wichtig Anstand und Freundlichkeit sind. Dann zählt nicht, ob ich in einer 34 unterwegs bin oder in einer 48 das Ding mache.

Guido spricht voller Passion über seine Arbeit. Dabei präsentiert er sich genauso humorvoll, wie wir ihn aus dem TV kennen.   Copyright: styleranking

styleranking: Welche gesellschaftlichen Entwicklungen machen genau diesen Zeitpunkt zum richtigen für eine Plus-Size-Kollektion?

Guido Maria Kretschmer: Mein Ansatz heißt: Mode ist Ausdruck von Zeitgeist. Es scheint salonfähig geworden zu sein, unfreundlich und sehr brutal zu handeln. Zu meiner Hochzeit in Sylt kamen vier Frauen, um als Zaungäste zuzusehen. Ein guter Freund von mir ist zufällig mit diesen vier Frauen im Zug zurück gefahren. Er schrieb mir: „Lieber Guido, ich sitze hier gegenüber von vier Frauen und irgendein Mann kam gerade und meinte, die vier fetten Weiber säßen auf seinem Platz.” Da habe ich sofort eine Videobotschaft für die vier aufgenommen. Was ich damit sagen möchte: Die Menschen urteilen sehr schnell und entwickeln eine große Wut. Meist leiden darunter die Schwachen einer Gesellschaft. Rundere Menschen gehören dazu, da sie vermeintlich ihr Leben nicht im Griff haben. Das sehe ich anders. Deshalb ist jetzt der richtige Moment für diese Kollektion.

„Nicht alle Proportionen sind so gleichmäßig verteilt, wie bei Ashley Graham"

styleranking: Unterscheidet sich die Designarbeit bei Curvy-Mode?

Guido Maria Kretschmer: Die technischen Voraussetzungen unterscheiden sich. Ich gradiere anders, baue andere Proportionen und nicht jedes Teil ist machbar. Die Verarbeitung und die Auswahl der Stoffe weichen auch ab. Nicht jeder Stoff funktioniert in allen Konfektionsgrößen. Außerdem erachte ich es als unerlässlich, in verschiedenen Größen Probemuster zu fertigen. Nicht alle Proportionen sind so gleichmäßig verteilt, wie bei Ashley Graham. Es geht darum, Schnitte zu entwerfen, die nicht zum zuppeln verleiten. Wir wollen optimieren und nicht kaschieren.

Seit 2012 moderiert Guido Maria Kretschmer das TV-Format Shopping Queen. Die Fans lieben ihn.   Copyright: Joern Pollex / Getty Images

styleranking: Das Wort Curvy umfasst eine weite Größen-Range. Passt der Begriff auf eine Frau mit Kleidergröße 44 genauso, wie auf eine Frau mit 58?

Guido Maria Kretschmer: Frauen müssen merken, dass der Begriff Frau vollkommen ausreicht. Frau sein ist toll! Wenn’s gut läuft, ist doch alles da was man braucht: Zwei Brüste, zwei Beine, ein Po. Da spielt die Kleidergröße keine Rolle. Egal von welcher Größe Frau träumt: Ich möchte den Ist-Zustand optimieren. Wenn sie jetzt eine 48 trägt, soll sie jetzt toll darin aussehen. Ich denke mir auch: Guido, Konfektionsgröße 52 wäre perfekt. Das kennt doch jeder. Aber als Frau sollte man sich vielmehr in einem Style zuhause fühlen, als in einer Kleidergröße. Ich erfülle mir einen großen Wunsch, wenn ich die Arme aufmache und sage: „Herzlich willkommen, ihr seid meine Mädchen, egal in welcher Größe.”

„Ich kenne viele runde Frauen, die tanzen Zumba, dass die Heide wackelt"

styleranking: Der Markt für Plus-Size müsste, wenn man sich die Kleidergröße der deutschen Durchschnittsfrau anschaut, riesig sein. Warum ist das Thema medial kaum präsent?

Guido Maria Kretschmer: Menschen glauben, wenn sie schlank aussehen, seien sie ein wichtiges Element in der Gesellschaft. Dann schonen sie ihre Krankenkasse. Die positiv besetzten Begriffe aktiv, gesund und schlank gehören zusammen. Dabei kenne ich viele runde Frauen, die tanzen Zumba, dass die Heide wackelt. Doch unsere Gesellschaft hat sich runtergehungert. Das sehe ich bei vielen wohlhabenden Kundinnen. Manchmal denke ich, vermögende Menschen können es sich leisten zu hungern. Mein Vater hat immer gesagt: „Guido, manche sind gemacht für die Mast und manche für die Zucht.” Ich fände es ja auch toll, total schmal und trainiert zu sein. Aber ich schaffe es nicht. Kürzlich las ich in einer Zeitung, dass man sich von molligen Freunden trennen soll, weil die einen zum Essen verführen. Soweit kommt’s noch! Dann sitze ich mit den dünnen Frettchen zusammen und die knabbern meine Karotten weg. Ich bin froh wenn meine Freundin Annette kommt und sagt: „Guido, ich hab Hefekuchen dabei.” Die Gesellschaft muss einfach lernen, dass wir alle unterschiedlich sind. Meine Oma hat gesagt: „Das einzige was im Leben wirklich gerecht verteilt ist, ist Dummheit.”

styleranking: Vielen Dank für das Interview.

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