Der Vero Moda Brand Director im Influencer Marketing-Interview

Jesper Reismann: "Mikro-Influencer werden in ihrer Relevanz wachsen"

Franziska Gajek
Von Franziska Gajek
26.02.2020 / 17:47 Uhr

Seit März 2018 führt Jesper Reismann die Marke Vero Moda. Als Teil der Bestseller-Gruppe gehört das Label zu den größten europäischen Bekleidungsunternehmen. Auch wenn die Brand Fast-Fashion-Züge aufweist, widmet sie sich heute verstärkt nachhaltigen Konzepten.

Zum Internationalen Weltfrauentag lädt Vero Moda nach Kopenhagen und läutet mit dem Event die Copenhagen Fashion Week ein. styleranking trifft Jesper Reismann zum Interview und spricht mit ihm über Social-Media-Strategien, die Green-Fashion-Linie AWARE by Vero Moda und die Relevanz von ehrlichen Wertvorstellungen im Marketing.

styleranking-Redakteurin Franziska trifft Jesper Reismann in Kopenhagen zum Interview.   Copyright: styleranking

styleranking: Wieso nimmt Vero Moda den International Women’s Day in den Fokus?

Jesper Reismann: Unsere Marke schafft Produkte für Frauen. Unser Team besteht dominant aus Frauen - bis in die Führungsebene hinein. Auch die Männer im Team glauben daran, dass Empowerment und Gleichberechtigung wesentliche Merkmale unserer modernen Gesellschaft sind. Es gibt natürlich Regionen, in denen wir Nachholbedarf sehen. Wir sind überzeugt, dass die Werte, die der International Women’s Day vermittelt, sich mit unseren Grundwerten decken. Insofern empfinden wir diese Werte als selbstverständlich.

Uns ist wichtig, diesen besonderen Tag zu nutzen, um diese Werte zu transportieren.

Wir handeln aus der Überzeugung, dass wir uns als Fast-Fashion-Marke sehr viel mehr für die Nachhaltigkeit unserer Produkte einsetzen müssen. Seit zwei Jahren arbeitet eine Sustainability Managerin in unserem Team. Unserer Ansicht nach teilt unsere Kundin diese Werte und Vorstellungen. Auf diese Bedürfnisse einzugehen schafft eine Verbindung aufgrund der Ehrlichkeit und Authentizität unserer Marke.

styleranking: Nach welchen Kriterien sucht Vero Moda passende Kampagnen-Gesichter wie Elena Carrière aus?

Jesper Reismann: Elena stellt für uns mehr als nur ein Werbegesicht dar. Wenn unsere Kunden das Werbegesicht sympathisch finden, können wir natürlich leichter eine Verbindung aufnehmen und die Botschaft der Kampagne authentischer transportieren. Elena ist zudem aber auch als Person authentisch und vertritt die Werte unserer Vero Moda-Kampagne. Sie hegt den ehrlichen Wunsch nach Verbesserung und Empowerment, wodurch sie mit ihrer Authentizität den Brandfit in Bezug auf Nachhaltigkeit erfüllt.

Model Elena Carrière während des Vero Moda Events auf der Copenhagen Fashion Week.   Copyright: Vero Moda

styleranking: Liegt der Fokus bei Vero Moda auf langfristigen Kampagnen oder kurzfristigen Kooperationen?

Jesper Reismann: Du wirst sowohl kurzfristige als auch langfristige Kooperationen bei uns sehen. Wir legen Wert darauf, mit authentischen Influencern zusammenzuarbeiten. Ein Ambassador sollte sich mit unseren Idealen, Werten und unserer Mode identifizieren. Mit Influencern, die authentisch und ehrlich auf uns wirken, möchten wir selbstverständlich längere Kooperationen eingehen. Der Ambassador sollte unsere Marke dabei so kommunizieren, wie wir sie selbst sehen.

styleranking: Welchen Stellenwert nimmt die Zusammenarbeit mit Influencern im Marketing von Vero Moda ein?

Jesper Reismann: Influencer Marketing besitzt einen sehr hohen Stellenwert. Social Media ist das Momentum - das ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Es gestaltet sich immer schwieriger, sich auf Instagram Gehör zu verschaffen, da die Hauptkanäle immer teurer werden. Für uns verkörpern Influencer eine wahnsinnig wichtige Rolle. Wir vollziehen im Bezug darauf gerade einen Strategiewechsel und kooperieren vermehrt mit Mikro-Influencern. Sie üben größeren Einfluss aus und weisen ein stärkeres Engagement mit unserer eigentlichen Zielgruppe auf. Dadurch können wir näher an unsere Kundschaft herantreten.

styleranking: Hat der Influencer Marketing-Markt Wachstumspotenzial oder ist der Zenit erreicht?

Jesper Reismann: Ich denke, dass der Markt von Quantität auf Qualität wechseln wird. So gerät der Markt unter Druck und die Spreu wird vom Weizen getrennt. Das hat nicht unbedingt mit der Anzahl der Follower zu tun. Mikro-Influencer werden in ihrer Relevanz wachsen. Es dreht sich immer mehr um Authentizität. Unsere Konsumenten erwarten ein authentisches und ehrliches Auftreten.

Brand Director Jesper Reismann spricht während des Events in Copenhagen.   Copyright: Vero Moda

styleranking: Siehst du in neuen App-Trends wie TikTok, Twitch oder Mixer Potenzial für Vero Moda-Kampagnen?

Jesper Reismann: Für uns ist es noch zu früh, damit anzufangen. TikTok ist ein tolles Medium und es macht Spaß, sich damit zu beschäftigen. Intuitiv kann man mit der App toll Ergebnisse erzielen, aber bezogen auf unsere Zielgruppe ist die App weniger relevant.

Wir glauben an die Wirkungskraft von Instagram und sogar bei Facebook sehen wir noch Potenzial. Auch Pinterest bietet noch viele Optionen. Auf diese drei Formate möchten wir uns längerfristig konzentrieren. Wir suchen lieber in bereits etablierten Medien neue Möglichkeiten.

In diesem Jahr rollen wir eine Social Media-Strategie aus, die eine globale Strategie auf jeden unserer Stores herunterbricht. Jeder Store besitzt dann eine eigene Plattform und baut eine eigene Community um den Store herum auf. Wir verfügen über den internationalen Account und nun auch über lokale Accounts für alle Vero Moda-Läden. Diese lokale Verbindung erweist sich wertvoll.

styleranking: Stichwort Local-Influencer: Werden die für euch eine Rolle spielen?

Jesper Reismann: Ja. Wie lokal sich die Strategie letztlich gestaltet, müssen wir noch herausfinden. Bisher können wir sagen, das dieser Weg hervorragend funktioniert und wir ein höheres Engagement bemerken. Plötzlich besitzen wir eine bessere Reichweite und mehr Relevanz, weil wir aus einer lokaleren Ebene kommen.

styleranking: Dreht sich bei der Social Media-Strategie alles um Sales und Absatzzahlen oder viel mehr um das Transportieren des Marken-Images?

Jesper Reismann: Primär wollen wir das Image von Vero Moda erklären und unser Bild der Marke transportieren. Natürlich geht es aber auch um’s Geschäft. Wir stecken einen Großteil unserer Gelder in Social Media-Marketing in das stationäre Geschäft statt ins Ecommerce-Business. Wir können allerdings oft nur sehr schwer erkennen, wie genau sich unsere Social Media-Investitionen auf unser stationäres Geschäft auswirken. Die inhaltlichen Werte, die eine Marke verkörpert, werden zunehmend wichtiger. Der Kunde erwartet mehr denn je zu wissen, mit wem er interagiert und von wem er Kleidung bezieht.

"Die Kundin interessiert sich verstärkt für die Herkunft der Kleidung, wofür die Marke steht und ob sie deren Werte teilt"

styleranking: Was weiß die Kundin im besten Fall über die Marke Vero Moda?

Jesper Reismann: Uns ist wichtig, mit Blick auf unsere Produkte betrachtet zu werden. Wie sehen unsere Blusen, Hosen, Pullover, Jacken aus? Ist das fashionable oder nicht? Wir möchten unser modisches Schaffen präsentieren. In den Geschäften bemerkt der Kunde oftmals nicht, welche Vielfalt an Mode wir entwickeln. Darüber hinaus achten wir auf die Wertevorstellungen der Marke. Vero Moda verfügt mittlerweile über sehr viele nachhaltigere Produkte. Mit AWARE haben wir sogar eine eigene Sub-Brand ins Leben gerufen, die sich komplett darauf spezialisiert.

styleranking: Welche Themen muss eine Marke im Jahre 2020 aufgreifen, um in die Lebenswelt der Konsumentin zu passen?

Jesper Reismann: Die Kleidung muss relevant sein. Wir stehen für entspannte, feminine Mode. Dieser Spannungsbogen zeichnet Vero Moda aus. Die Begriffe effortless, joyful und feminin transportieren wir jetzt mehr denn je. Sie machen die Seele unserer Mode aus.

Die Kundin interessiert sich verstärkt für die Herkunft der Kleidung, wofür die Marke steht und ob sie deren Werte teilt. Noch nicht alle Kundinnen wollen wissen, ob die Teile nachhaltig produziert wurden und die Produktion unter fairen Arbeitsbedingungen abläuft. Aber das Interesse an diesen Informationen steigt. In der Kommunikation via Social Media bemerken wir das besonders. Es besteht ein großer Wunsch nach Transparenz. Authentizität und ein glaubwürdiges Auftreten bekommen immer mehr Relevanz.

styleranking: Was bedeutet diese Entwicklung für das Thema Fast Fashion? Nachhaltigkeit und regelmäßiger Konsum schließen sich meistens aus.

Jesper Reismann: Diese Frage haben wir uns gestellt und sind zu dem Schluss gekommen, dass sich beides vereinbaren lässt. Wir produzieren keine “Wegwerf-Mode” und grenzen uns damit von einigen anderen Marktteilnehmern ab. Die Frage ist eher, wie trendlastig die Bekleidung ist und ob sie sich auch im kommenden Jahr noch als tragbar erweist. Wir wollen den Kreislauf der Mode nachhaltiger gestalten, sodass der Kunde guten Gewissens konsumieren und sich wiederholt einkleiden kann, ohne seinen Prinzipien zu widersprechen.

Wir bewegen uns auf einer sehr schnellen Reise in Richtung Nachhaltigkeit. Vor knapp zwei Jahren haben wir AWARE by Vero Moda ins Leben gerufen. Wir erkennen bereits einen starken Impact auf die gesamte Kollektion, bei der wir stetig nachhaltiger produzieren und vermehrt recycelte Rohstoffe einsetzen. Derzeit bieten wir für den Großhandel die erste Denim Jeans an, die vollständig aus gebrauchten organic Hotel-Handtüchern hergestellt wird und erneut recyclebar ist. Zudem haben wir die erste Jacke entwickelt, die fast komplett aus recyceltem Material besteht - einschließlich der Accessoires. In Zukunft werden weitere Schritte folgen.

Die Reise könnte auch zum Verleih von Kleidung führen. Es gibt zwei Wege: 1. Verleihen und Einsammeln, Waschen und erneut Verleihen. Das generiert natürlich auch einen ecological footprint. Die 2. Möglichkeit: Recyceln und aus recycelten Waren produzieren. Alle Wege, die wir gehen können, gehen wir. Uns fallen immer neue Ideen ein.

styleranking: Vielen Dank für das Interview.

Follow us