Berlin Fashion Week Winter 2017

Julia Seemann: Ghetto-Kids in der Kunstgalerie

Gabriela Keller
Von Gabriela Keller
19.01.2017 / 17:54 Uhr

Pulloverkleider mit Kapuze, bedruckt mit Prints, die an Gang-Symbole erinnern, Overknee-Stiefel aus Lackleder, wattierte Westen, Hosen mit passenden Oberteilen im Stil verfremdeter Trainingsanzüge, Schlauchkleider mit monochromen Siebdrucken – was die junge Schweizerin Julia Seemann während ihrer Show im Berliner Kronprinzenpalais gezeigt hat, sieht aus, als hätte man die Klamotten der Hartz-4-Kids aus der Shoppingmall mit dem Interieur einer Galerie für moderne Kunst verrührt, verquirlt und das Mischmasch durch ein Kaleidoskop betrachtet – wie man es dreht und wendet, ergibt sich immer ein anderes Bild.

Bereits zum zwölften Mal haben sich das Magazin Elle und Mercedes-Benz zusammengetan, um einem Mode-Newcomer auf der Fashion Week eine Plattform zu geben. Bislang war das Potential dieser Kooperation stets beachtlich: Internationales Flair, künstlerischer Ehrgeiz, herausragendes Talent, die Grandezza, die der Berliner Modewoche sonst fehlt, hier war sie zu finden: Ob Iris van Herpen oder Satu Maraanan – der Autoriese und das Modeblatt haben bereits eine ganze Reihe inzwischen sehr erfolgreicher Modemacher in Berlin auf den Laufsteg gebracht. Auch diesmal haben sie bei ihrer Auswahl das richtige Gespür gehabt: Die Arbeit der Schweizer Designerin Julia Seemann hat zwar nicht ganz die gleiche, überwältigende Ausdruckskraft wie manche ihrer Vorgänger. Aber ihr avantgardistischer Ansatz, gepaart mit poppig bunten Farben und einer bemerkenswert coolen Eleganz, zählt zu den spannendsten Shows, die in diesem Winter auf der Fashion Week zu sehen waren.

Julia Seemann hat bereits für Vivienne Westwood und Meadham Kirchhoff gearbeitet; mit ihrer Mischung aus Streetwear und schlichten, geometrischen Linien hat sie zum Beispiel die Pop-Sängerin Rihanna begeistert. Was sich vor den Augen des Publikums entfaltete, war eine Art Collage aus rohem Ghetto-Glamour, subkulturellen Andeutungen, Hiphop-Lässigkeit und klassischer Formenstrenge – Julia Seemanns übermütige Freude an der Kombination ist in jedem Entwurf spürbar, ihre kreativen Experimente sind nicht nur sorgfältig durchdacht, sondern auch extrem unterhaltsam: Wie sie Bahnen aus schwarzem und violettem Leder zu einem Hosenanzug im Bikerstil zusammennäht, wie sie eine gesteppte olivgrüne Weste mit Lackleder und einem karierten Fransenschal zu einem Patchwork-Überwurf aneinander fügt, wie sie lässige Shiftkleider mit sportlichen Bündchen mit einem Lackledergürtel ungeahnte Sinnlichkeit verleiht – das ist schon sehr beachtlich.

Die junge Nachwuchs-Designerin Julia Seemann überzeugt ihre Zuschauer mit einer Kombination aus Ghetto Streetwear und bemerkenswerter Eleganz.   Copyright: Nass / Brauer Photos fuer Mercedes-Benz

Julia Seemann bringt zusammen, was nicht zusammengehört; ein grün-blau gestreiftes Polohemd wird zu einem Minikleid verlängert, ein karierter Kurzmantel wird durch Volants aus Leder aufgevampt. Widersprüche werden plötzlich harmonisch, Kontraste knallen nicht aufeinander, sondern vervollständigen sich.

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