Kindermode

Kinderkleidungsklischee: In der Rosa-Himmelblau-Falle

11.05.2016 / 10:00 Uhr

Wann immer ich eine Kaufhaus-Abteilung oder ein Geschäft für Kinderbekleidung betrete, tut sich vor mir eine tiefe Kluft auf: Auf der einen Seite ist alles in Blau-, Grün- und Brauntönen gehalten. Auf der anderen dominiert Rosa in allen Schattierungen von Blassrosé bis Kreischpink. Hier T-Rexes, Raumschiffe, Trucks, Astronauten, Rennfahrer-Trikots, dort Sterne, Kätzchen, Herzen, Schleifen, Glitzer. Hier Prinzessin Lillifee, dort Bob, der Baumeister.

Ist es wirklich so schwer, genderneutrale Babykleidung zu finden?   Copyright: FamVeld/Shutterstock

Meine Zwillings-Mädchen sind im Krabbelalter. Was ich für sie möchte, ist fantasievolle, bequeme Mode, in der sie sich gut bewegen können - möglichst ohne Geschlechterklischees. Was ich nicht möchte, ist eine Garderobe, die irgendwo zwischen Paris Hiltons Kleiderschrank und einem Regal voller Merchandise von My Little Pony rangiert. Das dürfte nicht schwer sein, sollte man meinen, wir schreiben das Jahr 2016; Frauen können Bundeskanzler, Raumfahrer und IWF-Chef werden. Tatsächlich aber gerät die Suche nach nicht stereotypisierten Kinderklamotten in aller Regelmäßigkeit zum nervenaufreibenden Marathon: Egal welche Preisklasse - bei den Jungs sind Abenteuer, Technik und Herausforderungen die Themen, bei den Mädchen gibt es nur einen Anspruch: Niedlichsein. Punkt. Besonders schlimm ist es bei der Babymode, bei den Discountern wie in den Edelboutiquen. Die 50er Jahre haben angerufen: Sie wollen ihre Rollenbilder zurück.

Noch vor wenigen Jahrzehnten wäre eine so rigide Typisierung in der Kindermode nicht mehr denkbar gewesen: Wer Vintage-Kinderkleidung kauft oder mal auf den alten Fotos nachschaut, was unsere Generation als Baby getragen hat, merkt schnell: In den 70ern und 80ern waren Strampler grün, gelb, lila, orange, rot, weiß - und in den seltensten Fälllen eindeutig für Jungen oder Mädchen gedacht. Rosé und Himmelblau kamen damals in der Babymode kaum vor. Die Hersteller, die jetzt als Sautreiber des gesellschaftlichen Rollbacks agieren, haben natürlich kommerzielle Interessen: Wer Produkte spezifisch für Jungen und für Mädchen auf den Markt bringt, macht aus einer Zielgruppe zwei. Statt die Klamotten des älteren Bruders aufzutragen, brauchen kleine Mädchen eine eigene, neue Garderobe.

Das Problem ist nur, dass kleine Mädchen damit von Anfang beigebracht kriegen, dass es bei ihnen vor allem aufs brav und dekorativ sein ankommt. Damit sind auch Zukunftsmodelle verknüpft: Mädchen kümmern sich um ihr Aussehen, Jungs interessieren sich für Technik.

Ich will mehr für meine Töchter, ich will, dass sie aus allen Erfahrungen frei wählen und ihre Stärken und Neigungen erkunden können. Gendermarketing in der Kindermode ist jedoch nicht nur ein gesellschaftliches, sondern auch ein ästhetisches Problem: Bei den Mädchen schlägt das rosarote Design oft in Kitsch um. Hier eine Rüsche, da etwas Strass - so manche feingemachte Zweijährige sieht aus Mischung aus Porzellanpuppe und Pralinenschachtel. Ein zeitgemäßer, stilvoller Look geht anders. Bei den Jungs ergeben unschöne Matsch- und Umbratöne in Kombination mit Actionfiguren-Prints oft ein bejammernswert reizloses Bild.

Für kleine Mädchen scheint es nur eine Farbe zu geben: Pink!   Copyright: Ida Karolina Rosanda/Shutterstock

Dass es auch anders geht, zeigen Öko-Labels wie Loud + Proud, Frugi, Selana oder Reiff Reläx, deren Schlüttlis, Latzhosen und Strampler sich für Mädchen wie für Jungen eignen. Zwar haben einige dieser Marken auch Kleider oder Röcke im Angebot, nur kommen diese ohne Geschlechter-Stereotypen aus. Der Nachteil an diesen Labels ist, dass sie sehr teuer sind. Es gibt aber noch einen anderen Weg: Eine Freundin hat mir die ausrangierten Klamotten ihrer Söhne überlassen, von der Schwiegermutter habe ich eine Menge rosaroter Teile in Prinzessinnen-Optik geschenkt bekommen. Kombiniert man das eine mit dem anderen, balancieren sich die Klischees aus – das Ergebnis könnte man fast neutral nennen.

Neulich schaute die Inhaberin des Spätis an der Ecke in meinen Kinderwagen, eine meiner Töchter trug einen roten Dufflecoat, die andere einen tintenblauen Anorak. Die Frau aus dem Späti fragte: „Junge und Mädchen?“ - Nein, zwei Mädchen. Sie sagte vorwurfsvoll: "Die hat aber blaue Sachen an." Ich antwortete ihr: "Meine Mädels dürfen alle Farben tragen."

Alle verwendeten Bilder sind aus der Bilderdatenbank von shutterstock.com.

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