Kollektionspräsentation

Jette Joop für Aldi Süd: Was #Aldijettes Billig-Designermode über Deutschland aussagt

Von Daniel Verovic
07.04.2016 / 17:11 Uhr

Sobald ich mir meiner Berufung zum Modejournalisten bewusst wurde, sagte ich zu mir: Irgendwann, ja, da interviewst du große Designer und Persönlichkeiten der Modebranche. Besuchst die Fashion Weeks dieser Welt. Irgendwann hast du es geschafft. Dann findest du dich zwischen River Cola, Pfirsich Eistee und Tandil Waschmittel bei einer Aldi Süd Modenschau in der Frontrow wieder! Pass auf, was du dir wünschst, es könnte in Erfüllung gehen. So wie der Traum vieler Aldikundinnen, die einmal gerne Designermode tragen möchten. Es sich aber nicht leisten können. Mit seiner hauseigenen Modemarke Blue Motion und einer eigens von Jette Joop designten Fashionkollektion erfüllt der Discounter seinen Kundinnen nun diesen Traum. Und meinen auch: Denn ich sitze in der ersten Reihe eines Laufstegs mitten in einer Aldi Süd-Filiale. Auf der Düsseldorfer Luxusshoppingmeile Königsallee. Wo vermutlich nichts günstiger als ist, als die Klopapierrollen in eben dieser Filiale. Hier präsentieren die beiden Kollaboranten unter großem medialem Interesse von RTL, 1Live und Spiegel ihre neue Billig-Designermode.

100 frenetisch klatschende und jubelnde Aldianhänger, die teilweise aussehen wie die schrullige Professorin Trelawney aus Harry Potter machen einen auf bezahlte TV-Total-Anklatscher. Jubeln, sobald sie die günstigen Preise hören. Wenig wirklicher, unterkühlter Modeschauenflair. Kurze Besinnung, wo wir uns gerade befinden. Aber eine Runwayshow benötigt nicht immer ein unterkühltes Fashion Week Zelt oder die heißeste Location eines abgeranzten Hipster-Berlins. Designer-Duo Perret Schaad bewies dies jüngst auf der Berliner Modewoche im Januar. Die beiden Modeschöpfer präsentierten ihre neueste Kollektion in einem Hellweg Baumarkt. „Verrückte Idee, total cool und mal was anderes“, hieß es da. Jette Joop zeigt ihre Kollektion auf dem Laufsteg in einem Aldimarkt? „Wie peinlich“, so die Unkenrufe. Die ersten Models stürmen mit Demo-Pappschildern auf den Laufsteg. Auf ihnen pranken Schriftzüge wie "Love" oder "Happiness". Vorurteile beiseite, ich bin mal eben die Schweiz der Modewelt.

Schnapper ab 7,99 Euro

Bei #Aldijettes Modekollektion geht’s auf Nummer sicher: Pastelltöne in Grau, Blau, Rosa sowie florale und leicht abstrakte Prints. Die groben und fragwürdigen Synthetiksandalen mit Snakeprint oder die schönschlichten Sneaker könnte man genauso bei H&M finden. Die Preise starten bei 7,99 Euro und enden bei höchstens 19,99 Euro. 27 Teile umfasst die Kollektion. A-linienförmige, schwarze Kleider, luftige Jumpsuits und subtil sexy geschnittene Blusen bilden die Highlights. Schon alleine dank der qualitativ hochwertigen Materialien und Verarbeitung. Präsentiert werden die Teile von ehemaligen Germany's Next Topmodel-Überbleibseln. Eines aus der aktuellen Staffel sitzt neben mir in der Frontrow, arbeitet sogar selbst als Aldi-Azubi. Nach der Show schwärmt Jennifer Daschner von der "tollen Show" und "wie stolz sie sei, für so ein Unternehmen wie Aldi zu arbeiten". Der Spiegel hingegen ätzt: „Alles ganz nett, aber wenig aufregend - und schon gar keine Must-haves“. Korrekt. Aber wie viele Must-haves befinden sich in einer durchschnittlichen H&M x Designer-XY-Kollektion? Wer erwartet bei dieser Kollaboration durch die Innenstadt flanierende, Must-have-jagende Fashionsistas mit Alditüten? Nur jemand, der zu viel an einer prall gefüllten Primarktüte geschnüffelt hat. Schon komisch. Für H&M- oder stadtbildverschmutzende und omnipräsente Primarktragetaschen mit der gleichen Art von Billigmode schämt sich keiner.

Die Idee zur Laufstegshow von Choreografin Elvyra Geyer wirkt von Chanels Spring/Summer 2015 Défilé abgekupfert.

Von einer Demokratisierung der Mode spricht Jette Joop im Handelsblatt. Dem Peoplemagazin Gala gibt die Tochter von Ex-GNTM-Juror Wolfgang Joop das Statement ab: "Jeder hat das Recht auf gutes Design. Ich finde auch nicht, dass die finanzielle Möglichkeit einen Menschen zu einem besseren Menschen macht." Gut, das klingt ein wenig nach Miss Universe-Wahl. Stimmt aber. Mode ist für alle da. Schließlich kann sich ihr keiner entziehen. Alles ist Mode. Arbeitskleidung, Alltagskleidung, Trauer- oder Hochzeitskleidung, Reizwäsche genauso wie das Nötigste bedeckende Stofffetzen der Urwaldeinwohner. Jeder kommt mit Mode in Berührung. Hat jeder ein Recht auf gute Mode? Ja! Aber hat deswegen jeder Ahnung von guter Mode? Nein!

Die wahren Riesen der Textilbranche

Wer erinnert sich daran, als man noch mit politisch unkorrekten Aldiwitzen auf dem Schulhof glänzte? „Wie heißt Gute Zeiten, Schlechte Zeiten auf Türkisch? – Aldi auf, Aldi zu!“ Oder: „Ein Bayer hat sich verirrt und fragt einen Türken, der des Weges kommt: ‘Entschuldigung, wo geht’s denn doa noach Aldi?‘ Der Türke verbessert: ‚Zu Aldi.‘ Darauf der Bayer: ‚Ach, Aldi hot scho zua?‘“ Woher diese Witze rühren? Discounterkette Aldi, egal ob Süd und Nord oder Ost und West, leidet am in Deutschland heftig grassierenden Helene Fischer-Syndrom: Fast jeder hört die Musik, tanzt und feiert (meist heimlich) dazu, kann die Texte im Schlaf mitsingen, beschert Millionenumsätze sowie ausverkaufte Stadien und keiner will’s gewesen sein. Auf Aldi heruntergebrochen bedeutet das: Millionen Menschen kaufen dort ein, schätzen das großartige Angebot, bilden lange Schlange vor den Geschäften sowie an den Kassen, aber kaufen dort nicht ein. Erst Recht keine Kleidung. Mysteriös, dass Aldi es dennoch in die Top 10 der erfolgreichsten Textilhändler in Deutschland schafft. Und sich somit nicht hinter Konkurrenten wie Billigkleidungsanbieter Zara und H&M zu verstecken braucht. Und hinter Primark schon gar nicht.

Ein Frage-Antwort-Spiel zum Schluss: Wird sich Aldis Wunsch nach einer jüngeren, modeaffineren Zielgruppe durch die Kooperation mit Tausendsassa Jette Joop erfüllen? Nein. Die Kollektion wirkt zu erwachsen, wenig trendbewusst und besitzt trotz wunderschöner Einzelteile zu wenig Highlights. Hat sich die Zusammenarbeit finanziell gelohnt? Mit Sicherheit. Wird für die Kollektionsteile extra jemand zu Aldi hechten, der dort ohnehin nie Kleidung kauft? Eher weniger. Aber die typische Mittvierziger-Aldikundin wird sich in ihrem Schrebergarten pudelwohl in den Pullis und Hosen fühlen. Ist das was Schlimmes? Mitnichten! Sind wir ein hypokritisches, dauermeckerndes, missgünstiges Volk? Aber hundert Pro.

Die Kollektion ist ab Montag, dem 11. April 2016 in Aldi Süd Filialen erhältlich.

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