MBFWB Winter 2015

Kontraste-König Kilian Kerners kleiner Kollektions-Koller

Daniel Verovic
Von Daniel Verovic
21.01.2015 / 13:01 Uhr

Wunderkind, Autodidakt, Naturtalent, Genie, Erfolgs-Designer. Kilian Kerner besitzt viele Titel. Ab sofort wird diese Riege der wertschätzenden Prädikate um ein neues erweitert: Kontraste-König. In seiner neusten Modekollektion mixt der Berliner stark konstruierte Folklore-Patchwork-Dessins mit künstlerischen Pop-Art-Prints. So entsteht eine Mischung der Unmöglichkeiten, vollpackt mit spannenden Gegensätzen und Kombinationen haarscharf an der Grenze zur Absurdität. Getreu dem Kollektionstitel „Wein in meine Hände – A touch of Irish skin“. Klingt verwirrend? Der Name ist leider Programm.

65 Outfits: Lagenlooks mit bis zu vier oder fünf asymmetrisch verlaufenden Schnitten, auffällige und subtile Fransenapplikationen,Folklore-Ponchos mit noch mehr Fransen, edle, aufwendig gebrochene an Ethno-Teppiche erinnernde Webmuster, sportive Stretch-Abschlusskanten und filigran abgesteppte Baumwollstoffe. Kurze Verschnaufpause – und weiter geht es: Grafisch geschnittene Faltlegung, wild gemusterte Stoffe, Kleider mit unterschiedlichen, laut schreienden Stoffen und Tropical-Mustern, eingesetzte Lederbahnen, Längsstreifendessins,hochwertige und wunderschöne Rollkragenpullover, ärmellose Kleider und Oberteile. Die Liste ließe sich schier endlos fortsetzen. Das jetzt schon abzusehende Resultat ist eine Runwayshow, die ihr Pulver bereits zu Beginn verschießt und einen roten Faden vermissen lässt.

Einer der wenigen femininen Looks.   Copyright: Kilian Kerner

Kilian Kerner kann es! Nicht umsonst präsentiert der Modedesigner bereits seine 20. Kollektion im Rahmen der Mercedes Benz Fashion Week. Nicht von ungefähr rührt der Erfolg seiner Mode in 14 Ländern und nicht ohne Grund halten die zahlreichen Mode-Kritiker so viel von dem ehemaligen Schauspielanwärter, der sich zum Designer berufen fühlte und ohne klassische Ausbildung ein kleines, stetig expandierendes Modeimperium schuf. Von seiner neuen Kollektion für die Herbst/Winter-Saison 2015/16 fühlt man sich allerdings schnell erschlagen. Viel zu viele Zutaten und Mixturen, welche den Betrachter am Ende mit einem Schwindelgefühl und bitterem Nachgeschmack zurücklassen. Gerade weil man weiß, dass er es besser kann.

Herrliche Faltenwürfe sind eines der Highlights der neuen Kollektion.   Copyright: Kilian Kerner

Zu allem offensichtlichen Überfluss an allem kommt noch hinzu, dass der mutige Mann mit dem emotionalen Mode-Herz das schier Unmögliche versucht: Männer in Röcke zu stecken. An diesem Versuch sind bereits ganz andere Designer kläglich gescheitert. Die großen Lichtblicke bleiben die einzelnen, nicht zu sehr gewollten Mustermixe, die grandiose und endlos erscheinende Layering-Vielfalt, die spannenden, grafischen Dessins sowie die subtil versteckten weiblichen Elemente in Schnittform und Faltenlegung. Das herrlich schöne Haarstyling mit lockeren Flechtzöpfen mit Waldspaziergang-Attitude. Und ganz zu schweigen von den hochwertigen und detailreich verarbeiteten Stoffen, die ganze Geschichten zu erzählen vermögen.

Das schöne Styling der Models soll an einen Waldspaziergang erinnern.   Copyright: Kilian Kerner

Vielleicht ist es der Erfolgsdruck, der Kilian Kerner zusetzt und ihn zwingt, mit jeder neuen Kollektion noch eine Schippe draufzulegen. Noch mehr Kombinationen auszuprobieren, noch abgedrehtere Wagnisse einzugehen, sich selbst und das ursprüngliche Ziel aus den eigenen, schneidernden Händen entgleiten zu lassen. Er will einfach viel zu viel auf einmal und legt sich somit selbst etlich unnötige Steine in den Weg. Vielleicht lässt sich der Designer-Liebling in seiner Arbeit aber auch zu sehr von seinen eigenen Gefühlen leiten, die in diesem Fall letztendlich, trotz etlicher Lichtblicke, in einem kleinen Koller enden.

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