Paris Fashion Week 2015

Lila, der letzte Versuch: John Gallianos solide Art déco-Kollektion

09.03.2015 / 10:30 Uhr

Wir Deutschen lieben es ja bekanntlich zu meckern und zu schimpfen. Etwa über die Berlin Fashion Week: Witzveranstaltung, keine internationale Relevanz und dem Untergang geweiht. Mosern die deutschen Modeanhänger. Mit großen Augen wird, auch typisch deutsch, in Nachbars Garten geschaut. Dieser Nachbar heißt in diesem Fall Paris Fashion Week. Hier endet der große Modewanderzirkus in dieser Woche. Frankreich gilt als Heimat der Haute Couture, feiner Schneiderkunst und Modemekka. Dementsprechend groß gestalten sich die Erwartungen an die hiesige Modewoche. Um uns einen eigenen Eindruck zu verschaffen, besuchen wir die Show des Labels John Galliano. Der namensgebende Designer John Galliano hat sein Label in 2011 verlassen und ist dank zahlreicher Skandale mittlerweile endgültig zum „Enfant terrible" der Modewelt mutiert. Im Museum „Palais de Tokyo" in Paris präsentiert das Label, Teil des Modemagnets LVMH, seine Kollektion für die kommende Herbst/Winter-Saison.

Brüllende Fotografen befehlen die letzten Störenfriede hinunter vom Catwalk, als ginge es hier um Leben und Tod. Ein lauter Knall! Alle Gäste erschrecken sich, als die Musik laut losdröhnt. Der überraschende Startschuss ist Creative Director Bill Gaytten geglückt, noch bevor die pünktlichen Gäste nach fast 30-minütiger Wartezeit beinahe eingeschlafen sind. Aber nicht nur der Designer lässt sich ausgiebig Zeit, sondern auch die französischen Gäste trudeln erst lange nach dem eigentlichen Showbeginn ein. In Deutschland sitzen die prominenten Gäste und Journalisten bereits wenige Minuten vor dem angekündigten Zeitpunkt artig und geduldig auf ihren Plätzen. Etwa die angeblich typisch deutsche Tugend?

Sandtöne, tiefes Schwarz und ein Mix aus feinen Mustern und groben Stoffen bestimmen die Kollektion.   Copyright: Catwalkpictures

Seine Ready to wear-Kollektion begann für Bill Gaytten mit einer intensiven Entdeckungsreise durch die endlose Welt der Art déco Motive und Materialien. Herausgekommen sind exklusive Prints auf hochwertigen Materialien. Sie sollten laut dem Designer dennoch eine moderne Message beinhalten. Auffällig Fischdessins muten neckisch und zugleich verträumt an, wirken auf wallenden Abendroben und One-shoulder-Kleidern allerdings eher deplatziert. Einzeln als XL-Statement auf Longsleeves gedruckt machen sie sich hingegen viel besser. Überhaupt wird in der neuen Herbst/Winter 2015/16-Linie vor allem auf Prints und auffällige Muster gesetzt: Geometrische, dimensionale Flächenprints treffen auf künstlerische und dann wiederum abstrakte Dessins.

Bill Gaytten setzt für Galliano Farbakzente: Mohnfarbener Maxi-Mantel über Minidress mit XL-Print.   Copyright: Catwalkpictures

In Paris wird gemunkelt, um nicht zu sagen gelästert, dass LVMH das Label Galliano angeblich nur weiter finanziert, da man Bill Gaytten sehr möge und schätze. Seine neue Kollektion lässt sich mit dem Stempel „solide" ad acta legen. Lila gilt nicht ohnehin als „letzter Versuch". Auch die Kombination mit Mohnrot und knielangen, lackierten Gummistiefel-Boots überzeugt nicht. Schade, schade.

Modisch mutig oder letzter Versuch? Auch kombiniert mit roten Lackstiefeln bleibt Lila bei John Galliano eine schwierige Farbe.   Copyright: Catwalkpictures

Als die Show vorbei ist, springen die französischen Fashionpeople auf und verlassen das Gebäude schneller als die Models den Catwalk. Beim Heraustreten aus dem „Palais de Tokyo" in die warme Frühlingssonne wird einem der Blick von hellem Licht geblendet. Es blendet allerdings nicht die Sonne, sondern ein Blitzlichtgewitter: Eine riesige Modemenschenmasse steht hinter der Absperrung am Eingang. Die Handys und Spiegelreflexkameras scharf gestellt und in Position gebracht, knipsen sie jeden Besucher, der das Museum verlässt. Streetstylefotografen, Fashion-Blogger und Schaulustige.

Mit großen Augen und scharfen Zungen lieben wir deutschen Modeliebhaber es, auf das bunte, große und schöner erscheinende Treiben im Garten unseres Nachbarn zu schauen. „Das Gras des Nachbarn ist grüner, dafür wächst das Unkraut im eigenen besser", sagt der Deutsche.

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