MBFW Winter 2016

Marina Hoermanseder: Modische Brillianz für Alle

27.01.2016 / 11:49 Uhr

Es ist ein spannender Moment in der Karriere eines Modedesigners, wenn aus kreativer Textilkunst und Designkonzept langsam eine Marke wird. Wenn die eigene Mode nicht mehr nur innovativ und revolutionär sondern auch verkäuflich und tragbar sein soll. Es ist der Augenblick der Wahrheit, der Alles-oder-nichts-Moment - und Marina Hoermanseder hat ihn erfolgreich gemeistert. Zwei Jahre ist es her, dass sie mit ihrer extravaganten Esmod-Abschlusskollektion auf der Mercedes-Benz Fashion Week für Furore sorgte. Jetzt präsentiert sie eine Kollektion, die zunehmend erwachsener, kommerzieller und tragbarer geworden ist - und dennoch nichts von Marina Hoermanseders Brillianz verliert.

Als wichtigste Inspiration ihrer neuen Runwayshow gibt Marina Hoermanseder Amerikanerin Amelia Earhart an, die erste Frau, die in den Dreißigern als erste weibliche Pilotin den Atlantik überflog. Eine starke, selbstbewusste Frau, eine Pionierin, ebenso wie die Frauen, die Marina Hoermanseder mit all ihren bisherigen Kollektionen beschrieb. Das bleibt auch im Herbst 2016 keine Ausnahme, obgleich die Kollektion ungleich weicher, fließender ausfällt. Keypieces wie die hochgeschlossenen Lederharnische, Brustpanzer und gegürteten Tonnenröcke, zeigt die Designerin weiterhin. Doch in dieser Saison fungieren sie in erster Linie als Show-Outfits, die den Geist der Marke verständlich machen. Währenddessen bestimmt eine breite Variation an Ready-to-Wear das Défilé und zeigt so, wie sich das Konzept orthopädischer Lederstützen in Alltagsmode übersetzen lässt. Hoermanseder spielt weiterhin mit dem Kontrast aus harten und weichen Materialien, kombiniert schwere Pilotenjacken aus Leder zu sanft fallenden Seidenblusen und knielangen Röcken, besetzt Kleider und Oberteile mit opulenten Schmuckblüten.

Ihren Signature-Look, den statischen Tonnenrock, setzt Hoermanseder in der nächsten Saison in einer reduzierten Variation mit geflochtenem Leder um.   Copyright: Andreas Rentz/Getty Images

In allen Silhouetten schwingt ein leichtes Fourties-Feeling mit, schlichte Hemdblusenkleider werden mit Patronenknöpfen aufgewertet und Jacken und Mäntel zeigen Anleihen an alte Fliegeruniformen. Dabei bleibt Marina Hoermanseder aber gewohnt feminin. Zarte Cakepop-Farben von Mint über Rosé bis Mocca bestimmen die Show und die für die Modeschöpferin so typischen Raffungen und Quiltungen sind allgegenwärtig. Röcke und Hosen mit hohem, gerafften Bund, betonte Schultern und Glockenröcke prägen den Look.

Fourties-Silhouetten und militärisch inspirierte Outerwear auf dem Laufsteg von Marina Hoermanseder.   Copyright: Andreas Rentz/Getty Images

Besonderer Eyecatcher sind auch in dieser Saison wieder die Accessoires der Kollektion. Ton-in-Ton-Lederkoffer, Rucksäcke mit zweifarbigen Schnallen und eine coole Minihandtasche für den Gürtel beweisen wieder einmal, dass Marina Hoermanseder mit Leder arbeitet wie kein anderer Berliner Designer. Der schwierige Werkstoff ist ihr Markenzeichen und in Form dieser vielfältigen Taschenkollektion ein besonders verkäufliches noch dazu. Hoermanseder hat den Spagat geschafft, ihre Marke zugänglicher und tragbarer gemacht, ohne die eigenen Designkonzepte zu überwerfen. Vielleicht ist das auch ihrem Mentoring durch den neu gegründeten German Fashion Council geschuldet, vor allem aber ihrem ausßerordentlichen Verständnis von Mode und den Begehrlichkeiten, die diese wecken kann.

Eyecatcher: Stylishe Gürteltasche aus Leder bei Marina Hoermanseder.   Copyright: Andreas Rentz/Getty Images

Das größte Kompliment an Marina Hoermanseders Arbeit ist aber wohl, dass ihre Show zum inoffiziellen Highlight der Fashion Week avanciert. Über zehn Säle und zwei Stockwerke gleichzeitig erstreckt sich das Défilé, gefüllte Sitzreihen bis in den letzten Winkel. Jeder will ein Stückchen Marina sehen. Mit ihrer Kreativität füllt die junge Designerin buchstäblich das gesamte Kronprinzenpalais. Zuletzt kam das 2006 vor, als hier eine dramaturgische Ausstellung über Alma Mahler-Werfel, eine bekannte Figur der internationalen Kunstszene der Jahrhundertwende, zu Gast war. Simultan in allen Sälen wurden damals Szenen der berühmten Muse gezeigt, eine weitere starke und unabhängige Frau. Ihr Werk lockte und begeisterte die Massen im Kronprinzenpalais. Ist es nicht wunderbar, dass Marina Hoermanseder zehn Jahre später dasselbe gelingt?

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