BERLIN FASHION WEEK WINTER 2017

Marina Hoermanseder schenkt Berlin den Fetisch-Fashion-Orgasmus

Daniel Verovic
Von Daniel Verovic
20.01.2017 / 17:06 Uhr

Mode ist Liebe. Liebe ist Mode. Und Liebe ist Sex. Überträgt man die Berlin Fashion Week auf das Sinnbild eines Liebesaktes, wären die ersten drei Tage der Berliner Modewoche ein lustvolles Vorspiel der Sinne gewesen. Großartige Designerschauen, aufregende Events, reizüberflutende Messen, schillernde Partys und visionäre Kollektionen begeistern die hungrige Modemeute. Lassen sie in einen getriebenen, filmartigen und sich selbst vergessenden Rausch voller Anspannung der Sinne verfallen. Nur um sich am vierten Tag in einer ekstatischen, glühenden und fulminanten Fashionklimax zu entladen: Marina Hoermanseders Défilé für ihre Herbst / Winter-Kollektion 2017/18.

Orchestrale Streicher und wummernde Pauken erfüllen die Hallen des imposanten Kaiserlichen Telegraphenamts. Bereits der erste Look aus Marina Hoermanseders Kollektion läutet ihre neue, weiterentwickelte Designära ein. Ein bodenlanges, schmal geschnittenes Kleid mit aufwendigen, schwarz-rot-irisierenden Samt-Rankenapplikationen auf transparenter Gaze eröffnet die Show. Die Models tragen streng geflochtene, verwobene Cornrows und dunklen Lippenstift. Ein stampfender Dancebeat mit eindringlichem Operettengesang setzt ein und löst die epischen Klassikklänge ab. Es folgen für die Designerin typische und dennoch neu interpretierte Kreationen. Alles ohne den geringsten Hauch Ennuyants. Fluoreszierende Perlen und Swarovski-Kristalle appliziert auf menschlichen Stütz-und Bewegungsapparaten in Lackoptik. Lange, glänzende Pinkmäntel als Anspielung auf die jüngste Hello Kitty-Kooperation der Designerin.

Die Designerin nimmt farbliche Anspielungen auf ihre Hello Kitty-Kooperation in ihre neue Kollektion auf.   Copyright: Stefan Kraul

Überhaupt bilden spiegelnde, reflektierende Oberflächen und Materialien ein stringentes Schlüsselelement. Lack, Leder, Samt, Gaze, Baumwolle und Plastik. Dabei dürfen Gürtelschnallen ebensowenig fehlen wie Bondageriemen und Schnürungen. Das wird jedem Anwesenden spätestens beim Auftritt des tippelnden Models im steifen, verruchten und aufregenden Liederriemenrock klar. Selten sah man Frauenmode so weiblich stark und streng aber gleichzeitig fragil und feminin. Die Hoermanseder traut sich was. Ein Glück! Denn so bietet der derzeitige Stern am Berliner Modehimmel uns das, was wir seit Jahren dringend brauchen: Mut zu einem gekonnt frechen Spagat zwischen Kunst, Kommerz und ungewohnter Tragbarkeit.

Marina Hoermanseder lediglich auf ihre von Fetisch inspirierten Designs zu reduzieren, wäre ein fataler Fehler. Wunderschön anzusehen sind sie allemal.   Copyright: Stefan Kraul

Unterschiedliche Stilepochen im selbstverständlichen Mix

Das Beste - in diesem Fall das Défilé von Marina Hoermanseder - kommt sprichwörtlich zum Schluss. Wie passend, dass diese Redewendung erstmals parallel zu Großbritanniens Viktorianischem Zeitalter in Deutschen Sprichwörterlexika aufgetaucht sein soll. Schließlich bezieht sich die Modedesignerin in ihrer neuen Kollektion auf eben diese Epoche. Dabei mischt sie das Viktorianische mit Elementen der 1920er und 19060er Jahre, wie Krägen, körperfernen Mänteln und Miniröcken. Die Wahlberlinerin kombiniert die unterschiedlichen Stilepochen mit- und untereinander, würfelt sie aufs Heftigste durch. Nur um als Ergebnis eine modisch moderne und gleichzeitig visionäre Rückblende zu erschaffen. Unser Verlangen nach elektrisierenden Modemomenten stillt die neue Kollektion mit reichlich Raffungen, Rüschen und Schleifen. Sie kollidieren mit pompösem Volumen an den Hüften, strengen, einengenden Elementen am Rumpf und ergeben dabei dennoch ein klares Ganzes. Bester Beweis: Eine mit Schnallen besetzte Lederhose. Allein dieses Trendteil besitzt das Potenzial zum Fashion-Piece der nächsten Wintersaison einer jeden Fashionista. Selbst für Frauen, die nicht den Modemut einer Hoermanseder in sich tragen.

Mittwoch. Einen Tag vor ihrem großen Défilé: Ich stehe mit der österreichischen Designerin vor ihren neuesten Kreationen. Diese präsentiert sie in fast schon alter Tradition auf dem VOGUE Modesalon. Hier beobachte ich ein Jahr zuvor, im Sommer 2016, ein beeindruckendes Schauspiel: Meine geschätzte Kollegin und deutsche Modeinstitution, VOGUE-Chefredakteurin Christiane Arp, hebt eine von Marinas Mannequins hoch, platziert sie an einer anderen Stelle. Zupft und drapiert an den Kreationen der Modedesignerin. Dabei ziert ihr Gesicht ein stolzes Lächeln. Marina Hoermanseder steht neben ihr und sieht schweigend zu. Auch auf ihrem Gesicht bahnt sich ein Stolz erfülltes Lächeln an. Nun stehe ich mit Marina Hoermanseder vor ihren neuesten Designs. Während ich gebannt auf die irisierenden Perlen ihres orthopädischen Korsagenkleids starre, frage ich: „Entwickelst du deine Kollektion von einer zur nächsten weiter oder beginnst du bei null?“ Marina Hoermanseder antwortet mit der für sie charakteristischen, selbstverständlichen Überzeugung: „Ich gehe mit meiner Kollektion immer einen Schritt weiter. Das muss ich. An dem Tag, an dem ich einen Schritt zurücktrete, muss ich aufhören.“ Donnerstag. Während die Models über den antiken Boden des Laufstegs stolzieren, wünschen sich wohl alle Anwesenden, dass dieser besagte Tag niemals kommen mag.

Trotz ihres Erfolges zeigt sich Marina Hoermanseder am Ende ihrer Show emotional und dankbar.   Copyright: Andreas Rentz / Getty Images

"Der kleine Tod" mit Marina Hoermanseder

Modejournalisten, Designer, Fashionblogger, PR-Agenten oder Dozenten - während der ersten Tage der Berlin Fashion Week spreche ich mit vielen Menschen. Mindestens jeder Zweite beantwortet die Frage, welche Show an am meisten reizt, mit Marina Hoermanseder. Die Messlatte an Erwartungen liegt nach der vergangenen, gefeierten Kollektionspräsentation im Sommer 2016 hoch. Der Druck abzuliefern steigt immens. Hoermanseder ist sich dessen bewusst. Und steht darüber. Denn diese Frau weiß, was sie kann. Was sie will. Wie sie ihr Ziel erreicht. Und, dass sie die internationale Modeszene im Sturm erobert hat. Der Erfolg gibt ihr Recht. In ihren Kreationen und Inszenierungen schwebt stets dieser Hauch österreichischer Fremdheit und Morbidität mit, der auch Künstlern wie Falco ihre Faszination verleiht. Düster, anziehend und sexuell. So schenkt Marina Hoermanseder der Berliner Modewoche mit ihrer neuen Herbst/Winter-Kollektion einen femme-fatalen Fashion-Orgasmus. Ein neuronales Feuerwerk dank Fetisch-, Grunge- und Viktorianischen Elementen. Die ersten Minuten nach der Show fühlen sich an wie im Rausch. Im Französischen bezeichnet man einen Orgasmus auch als „le petite mort“, zu Deutsch „der kleine Tod“. Sterben war noch nie so schön, wie mit Marina Hoermanseder.

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