BERLIN FASHION WEEK SOMMER 2017

Marina Hoermanseder: Schmetterlinge des Bösen

Von Gabriela Keller
01.07.2016 / 17:00 Uhr

Angeschnallt und festgegurtet: Wir begeben uns auf einen Rundgang durch die Anstalt für medizinisch-modische Kuriositäten. Die Anstaltsleiterin Marina Hoermanseder erwartet Sie schon. Sie hält die schillerndsten Pathologien aller Zeiten für Sie bereit. Treten Sie näher, haben Sie keine Angst. So etwas werden Sie nirgendwo anders zu sehen bekommen.

Die junge, in Berlin ansässige Designerin Marina Hoermanseder hat seit ihrem furiosen Mercedes-Benz Fashion Week Berlin-Debut 2014 einen bemerkenswerten Aufstieg hingelegt. Längst macht ihre Mode auch international von sich reden: Rihanna, Rita Ora und Lady Gaga sind Kundinnen. Für den aktuellen Hollywood-Film „The Neon Demon“ hat sie Hauptdarstellerin Elle Fanning ausgestattet. Auch diesmal zählt die Präsentation der gebürtigen Östereicherin zu den absoluten Glanzlichtern der Berliner Modewoche.

Marina Hoermannseders macht Mode, die an orthopädischen Korsetten, Bandagen und Beinstützen erinnert. Mit jeder Kollektion öffnet sie einen Kosmos, in dem die Bereiche Couture, Klinik und Fetisch ineinander übergehen. Diesmal zeigt das österreichische Ausnahmetalent seine Frühjahr-/Sommerkollektion im Garten des Kronprinzenpalais. Ein Laufsteg läuft im Zickzack über den Rasen, das glatte Weiß auf dem satten Grün, ein schlichtes aber einleuchtendes Konzept, das an konzeptuelle Land-Art erinnert.

Der Park ist voll, übervoll gestopft mit Gästen, darunter Christiane Arp, Eva Padberg, Johanna Klum, Mirja DuMont und Franziska Knuppe. Und sie alle wollten nur eines: Sehen, wie Marina Hoermanseders Bizarrerien sich mit sommerlich-zarter Leichtigkeit verbinden. Bereits seit etwa einem Jahr zeichnet sich bei ihr ein Weg ab, den viele junge Talente irgendwann einschlagen: Innovative, künstlerische Silhouetten begeistern zwar die Kritiker, lassen sich aber meist nicht auf der Straße tragen. Früher oder später aber muss sich die Sache auch rechnen, und so bewegt sich der Stil in Richtung Kommerz. Das kann damit enden, dass der Designer seine Handschrift verliert und in Bedeutungslosigkeit versinkt. Muss es aber nicht.

Marina Hoermanseder Frühjahr/Sommer 2017 auf der Mercedes-Benz Fashion Week   Copyright: Der Berliner Mode Salon

Marina Hoermanseder lieferte auf der Fashionweek ein Meisterstück ab, das zeigt, wie gut sich ihre abseitiger Disability-Chic sich mit mädchenhafter Anmut verträgt: Die Designerin hatte zwar noch einige ihrer skulpturalen Lack-Corsagen dabei, und steife Kleider aus glänzendem Latex, die aussahen wie aus Hartplastik gegossen. Viele ihrer Entwürfe sind wie Harnische mit Lederriemen gegürtet und mit Schnallen bestückt, doch die spröde Härte ist abgemildert durch zarte Pastellfarben und luftig-leicht wehende Stoffe.

Natürlich ist Hoermanseders Schlüssel-Element Teil der Kollektion: Der enge Bleistiftrock, der aus Ledergürteln zusammengesetzt ist. Hinzu kommen gradlinige Hemdblusen, Bermudas, Palazzo-Hosen und Glockenröcke. Zauberhafte Wirkung entfalten auch die Farben, leuchtende Töne wie Fuchsia oder Orange, dazu blasses Lavendelblau und helles Lachs-Rosé. Toll auch die Bandbreite der Strukturen, etwa ein kaum vorhandenes, transparentes Material, das über und über mit rot-orangefarbenen Perlen besetzt ist. Oder Leder, das über und über mit großen bunten Kristallen dekoriert ist. Ein weiteres, kluges Detail: Gürtel und Riemen tauchen nicht nur in Leder auf, sondern auch als Verzierungen aus Stoff an Blusenärmeln oder als Ausbrenner zum feinen Spitzenstoff stilisiert.

Marina Hoermanseder Frühjahr/Sommer 2017 auf der Mercedes-Benz Fashion Week   Copyright: Der Berliner Mode Salon

Doch immer wieder bricht das Bizarre durch den schönen Schein: Ein Rock, der oben an der Hüfte weit absteht und so die weibliche Silhouette verzerrt, eine scharf geschnittene Corsage, die über eine brave Hemdbluse gezogen ist. Einige der Arbeiten sind mit kleinen, bunten Schmetterlingen aus Leder besetzt. Doch wer das für eine harmlos-süße Spielerei hält, hat die dunkle Ästhetik von Marina Hoermanseder nicht verstanden, bei der das Schöne immer mit dem Siechtum einhergeht.

Die Designerin hat sich nämlich von sogenannten Schmetterlingskindern inspirieren lassen: Es geht um Kinder, die an einer seltenen, unheilbaren Hautkrankheit leiden, deren Haut Blasen wirft und sich bei Berührung auflöst – ähnlich wie fragile Schmetterlingsflügel, die bei Kontakt zerfallen. Das Harte und das Zarte, das Berührende und das Abstoßende, sind in Marina Hoermanseders grandioser Kollektion immer nur einen Schritt voneinander entfernt.

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