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Michael Michalsky: "Der Erfolg gibt mir recht"

29.06.2016 / 15:05 Uhr

Tausendsassa. Laut Definition eine Person, die sich durch viele Begabungen auszeichnet. Alleskönner. Multitalent. Michael Michalsky. Der bekannte Modeschöpfer aus Berlin designt, was ihm in die Finger kommt. Mode, Interior, Waschmittelverpackung. Die Liste von Michalskys Designkarriere ist lang und voll: Levi Strauss, Adidas und Zusammenarbeit mit Yohji Yamamoto, Stella McCartney, Missy Elliott, ein Engagement als Creative Director bei MCM, Designerarbeiten für das Tchibo Modelabel Mitch & Co., Ariel und Sony. Kurze Verschnaufpause. Besonders präsent ist Michalsky in diesem Jahr durch sein Engagement als Juror in Heidi Klums Modelschmiede Germany's Next Topmodel. Nach dem Sieg seiner Kandidatin Kim Hnizdo steht nun die neueste Michalsky-Kooperation an. In Zusammenarbeit Cava- und Weinspezialist verpasst der "neue deutsche Modepapst", wie die deutsche Vogue den 49-jährigen nennt, ein frisches Design. Der Schaumwein Carta Nevada feiert sein 75. Jubiläum und Michael Michalsky designt zum Jubiläum die Getränkeflasche neu. Pünktlich zur Release der Flasche und zur Berlin Fashion Week mit der zehnten MICHALSKY StyleNite treffen wir den Designer zum Interview.

Styleranking-Chefredakteur Daniel und Designer Michael Michalsky.

styleranking: In letzter Zeit scheint es eher ruhig um Michalsky geworden zu sein.

Michael Michalsky: Es ist eher viel umtriebiger um Michael Michalsky geworden. Am 1. Juli veranstalte ich auch wieder eine große Jubiläums-StyleNite: Zehn Jahre Michalsky. Wir feiern im House of Weekend eine große After-Show-Party. Hier fand meine allererste Aftershow-Party statt.

styleranking: Welche Projekte stehen denn an und was erwartet uns auf der StyleNite?

Michalsky: Auf eine tolle Atelier Michalsky-Kollektion, Show und After-Show-Party. Zudem laufen bei Michalsky unheimlich viele Interiorprojekte. Mein Ziel ist es, dass Michalsky zum Lifestyle wird. Inzwischen führen wir Sofas, Teppiche, Tapeten und Tablewear. 2015 launchten wir auch ein Parfüm. In diesem Herbst veröffentlichen wir einen Nachfolger.

StyleNite 2016, Kooperationen und GNTM

styleranking: Zum 75. Geburtstag des Freixenet Schaumweins Carta Nevada designen Sie die Flaschen neu. Wie transformieren Sie dieses Jubiläum in ihr Design?

Michalsky: Für mich ganz wichtig: Etwas zu kreieren, das sowohl zur Marke Freixenet als auch zum Label Michalsky passt. Es soll typische Elemente der Marke Michalsky besitzen. Bei meinem Besuch im Headquarter von Freixenet lernte ich viel über die Geschichte des Unternehmens. So kam mir relativ früh auch gleich eine Idee. Füllt man den Carta Nevada in ein Glas, erkennt man die Qualität des Getränks an der sogenannten Perlage. So nennt man die Art und Weise, wie die Bläschen im Glas nach oben steigen. Das erinnerte mich an Materialen, die ich auch benutze. Michalskys All-over-Nieten-Signature sieht dem relativ ähnlich. Das war der Startpunkt, dann folgten Etikett und Alu sowie der Flaschenhals. Eine gewisse Haptik war mir ganz wichtig.

styleranking: Auf der Flasche sieht man den geschwungen Schriftzug Freixenet in Kontrast zu ihrer klaren Typografie. Wie schwierig war diese Zusammenführung?

Michalsky: Das Freixenetlogo prangt auch auf den üblichen Flaschen relativ dominant. Jetzt sitzt es relativ klein im rechten Winkel auf der Flasche. Vom Aufbau ist das Design nun sehr grafisch, architektonisch und geometrisch arrangiert. Mir war es sehr wichtig, dass die Folie am Flaschenhals auch grafische Linien erhält, sodass eine Haptik entsteht.

Silber und Roségold. Die neuen Etiketten zum 75. Geburtstag des Freixenet Schaumweins Carta Nevada by Michalsky.

styleranking: Wie lange dauerte der gesamte Entwicklungsprozess?

Michalsky: Ein drei viertel Jahr. Man probiert viel mit Materialien. An der fertigen Flasche sieht man die dreidimensionalen Linien. Diese Riffelung ist für so eine Verpackungsmaschine von Flaschen eine immense Umstellung in der Herstellung. Das sieht nun alles selbstverständlich aus, aber da muss man viel mit Designs und Möglichkeiten rumspielen.

styleranking: Ihre GNTM-Staffel ist vorbei, ihre Kandidatin die glückliche Gewinnerin. Viele können diesen Sieg nicht nachvollziehen. Warum Kim?

Michalsky: Weil sie, wie kein anderes Model in der Show, die moderne Frau verkörpert. Kim ist supersmart und fleißig. Sie studiert Jura und sieht supertoll aus, trägt jetzt diesen einprägsamen Look. Sie liebt den Spaß an Mode, verfügt aber auch über Substanz. Alles Attribute, die für eine moderne Frau stehen. Ihre Wandlung tat ihr unheimlich gut. Ich mag generell androgyne Menschen, sowohl Männer als auch Frauen. Zudem veranstalte ich stets sehr ungewöhnliche Castings, dafür kennt man mich. Eveline Hall lief zuerst in meiner Show, als sie mit 64 durchstartete. Genauso wie Mario Galla, der mit einem verkürzten Bein geboren wurde. Oder Andrea Pejic, als sie noch Andrej hieß. Ich sehe Schönheit vielleicht anders, als meine Kollegen. Für mich liegt sie im Individuum. Manche Designer nutzen einen Look und schließlich sehen alle Models so aus. Das würde ich nicht machen. Aber Kim empfinde ich als Model sehr erfrischend und modern. Wir werden noch sehr viel von ihr hören.

Im Interview erzählt Michael Michalsky unter anderem über seine Zeit bei Germany's next Topmodel.

styleranking: Wie beurteilen Sie Ihren Job als Juror bei GNTM im Nachhinein? Sind sie zufrieden mit sich und ihrer Leistung? Würden sie wieder mitmachen?

Michalsky: Mir hat es sehr viel Spaß bereitet und es war eine ganz tolle Erfahrung. Staffel Elf war auch eine extrem erfolgreiche und die beste Season seit über fünf Jahren. Mit sehr hohen Einschaltquoten. Den Zuschauern bereitete diese Staffel auch viel Freude, weil wir drei uns als Mentoren und Jury gut verstanden. Ein weiteres Engagement ist jetzt noch nichts entschieden.

styleranking: Aber es steht zur Debatte?

Michalsky:
Schauen wir mal.

Was denkt Michalsky über Heidi Klum?

styleranking: Sie arbeiteten für Germany’s Next Topmodel mit Heidi Klum zusammen. Egal was sie macht, unser Exportschlager wird in Deutschland ständig kritisiert. Gerechtfertigt?

Michalsky: Heidi Klum zählt sicher zu den wenigen Weltstars, die aus Deutschland kommen. Sie ist schon seit vielen Jahren, sogar Jahrzehnten eine weltweite Marke. Eine extrem große Leistung. Ich halte sie für eine fantastische, unheimlich inspirierende und gebildete Frau. Heidi kann unheimlich motivierend, sehr entertainend und lustig sein. Sie verfügt über ein hervorragendes Modegespür und ich bin froh, dass uns inzwischen eine sehr gute Freundschaft verbindet. Es fasziniert mich, wie jemand so lange in vielen Ländern der Erde Erfolge feiern kann. In Amerika präsentiert Heidi noch zwei andere Shows: America got Talent und jetzt kommt Project Runway. Außerdem arbeitet sich auch noch sehr erfolgreich als Model. Das funktioniert natürlich nur, wenn man auch Substanz hat, wenn man wirklich gut und fleißig arbeitet. Und das finde ich toll an ihr. Bei Heidi Klum handelt es sich um eine bewundernswerte, selbstbewusste Frau.

Elegante Atmosphäre beim Freixenet-Event.

styleranking: Man schreibt Ihnen zu, dass sie MCM aus der Modeversenkung holten. Der MCM Rucksack war bzw. ist eines der meist gehypten Instagrammotive.

Michalsky: Also ich vor elf Jahren bei MCM anfing, fragten mich viele Leute: Warum machst du das? Ich verlor aber nie meinen Glauben an diese Arbeit, weil ich deutsche, traditionelle Unternehmen liebe. Aus demselben Grund arbeitete ich auch bei Adidas. MCM kannte man in den 80er Jahren als einzige deutsche und weltweit sehr erfolgreiche Luxusmarke. Für mich galt dieses Label als verstaubter Rohdiamant. MCM mauserte sich zu einem großen Luxusunternehmen, mit zahlreichen Flagship Stores. Wir kreierten im Luxusbereich ein Produkt, wie es jede Luxusmarke mittlerweile handhabt. Wir waren die Allerersten, die einen Rucksack im Luxussegment launchten. Auch hier fragten sich viele, wie eine Luxusmarke so etwas nur machen kann. Aber solche Dinge bereiten mir eben Spaß und ich überrasche gerne.

styleranking: Erfüllt es Sie mit Stolz, wenn sie durch Instagram scrollen und Ihnen Ihr Produkt ständig ins Auge springt? Oder sehen Sie es als reine Arbeit?

Michalsky: Natürlich freu ich mich. Vor allem, wenn ich weltweit unterwegs bin und auf der Straße coole Leute sehe, die MCM Produkte wie den Rucksack tragen. Vor zehn Jahren hätte ich nicht gedacht, dass es Mal so sein würde. Aber für mich gilt die Arbeit nicht als beendet. Ich beabsichtige, dass diese Marke weiter wächst, da noch reichlich Potenzial in ihr steckt. Der Erfolg gibt mir recht, dass ich denke: Siehst du! Als du dich vor elf Jahren für diese Zusammenarbeit entschieden hast, lagst du mit deinem Gespür doch nicht so falsch.

Michael Michalsky designt für Freixenet in seinem Berliner Atelier.

styleranking: Ihr Designerkollege Philipp Plein sagte neulich in einem Interview zu uns: "Die BFW wird von den deutschen gehypet und besitzt international keine Bedeutung." Was denken Sie darüber, als Designer, der in Berlin zeigt?

Michalsky: Dass ich in Berlin zeige, ist ein ganz klares Statement. Ich könnte meine Mode ja auch woanders präsentieren, habe mich aber bewusst für die Hauptstadt entschieden. Ich halte die Stadt für sehr interessant, besonders für junge Menschen. Mode geht immer Hand in Hand mit Jugendkultur und Musik. Nicht umsonst kommen jedes Wochenende Zehntausende junge Leute aus der ganzen Welt nach Berlin. Hier zeige ich wirklich bewusst, weil diese Stadt anders ist, als die traditionellen Modestädte.

"Dass ich in Berlin zeige, ist ein ganz klares Statement."

styleranking: Dennoch heißt es immer wieder, dass Berlin im internationalen Vergleich sehr viel weniger Beachtung findet…

Michalsky: Es kommt immer darauf an, um was für ein Produkt es sich handelt. Zur Berlin Fashion Week finden nicht nur Shows von Berliner Designern, sondern parallel dazu auch sehr wichtige Leitmessen statt. Die Premium ist eine sensationell gute Messe, wo viele junge Designer und junge Labels ausstellen. Die Art und Weise, wie wir uns heute kleiden, ist natürlich eine andere als vor zehn oder 20 Jahren. Man kombiniert Jeans mit einem Designerstück und Second Hand. Kontraste wie Sportswear, aber mit Tailoring oder Couture kombiniert, bildet keine andere Stadt so gut ab wie Berlin. Die deutsche Hauptstadt zeigt, wie Mode heute wirklich ist.

styleranking: Welche Designer und Labels verfolgen Sie?

Michalsky: Ich interessiere mich für Designer, die viele Leute vielleicht als nicht so faszinierend empfinden. Ich liebe Azzedine Alaïa. Ein sensationell toller Designer, der großartige Sachen entwirft. Ich liebe natürlich auch COMME des GARÇONS. Sacai, auch eine hervorragende Marke. Zudem bin ich immer noch ein ganz großer Fan von Yohji Yamamoto. Und dann liebe ich natürlich noch, was Karl Lagerfeld für Chanel kreiert.

Black and White-Brüder nicht nur im Geiste: Chefredakteur Daniel Verovic und Designer Michael Michalsky.

styleranking: Wie sieht es aus mit Nachwuchsdesigner?

Michalsky: Mir gefallen auch viele junge Designer. Ich beobachte gerne, wie sich das von einer Saison zur nächsten entwickelt. Mit einer Kollektion aufzuschlagen und die Leute zu begeistern sehe ich als eine Leistung. Weil ich selbst weiß, wie schwierig es als selbstständiger Designer ist. Deshalb ziehe ich auch vor jedem, der eine eigene Kollektion macht, den Hut. Egal ob mir das jetzt persönlich gefällt oder nicht – das ist ja letztendlich sowieso nur Geschmackssache und immer subjektiv. Man kann hier keinen objektiven Bewertungsmaßstab anlegen. Letztendlich liegt es immer im Auge des Betrachters.

Früher: Reisen und modische Inspiration holen. Heute: Blogs besuchen.

styleranking: Wenn es wirklich im Auge des Betrachters liegt, warum unterscheidet man dann zwischen gutem Design und schlechtem Design?

Michalsky: Wer entscheidet das denn? Es urteilt eine Person und sagt: Das gefällt mir, das gefällt mir nicht. Die andere Person meint: Mir gefällt das aber. Letztendlich gibt es kein objektives Bewertungsmaß. Manche Sachen passen vielleicht besonders gut in die Zeit, in der wir leben. Es gibt auch kein richtig oder falsch mehr, weil im Augenblick so viele Trends zur gleichen Zeit passieren. Als ich 1992 meine Designerkarriere begann, unterschied man pro Saison vielleicht drei oder vier Trends. Diese musste man entdecken. Anschließend versuchten die Labels sie zu integrieren. Heute finden parallel Hunderte von Trends statt. Leute betrachten sie, wandeln ab und sagen: Das finde ich cool. Aber wenn ich jetzt noch das addiere, um mich persönlich auszudrücken oder zu vermitteln, was ich denke, glaube oder fühle, dann hilft mir das. Durch die heutigen Zugriffsmöglichkeiten verbreiten sich diese Dinge auch schneller.

styleranking: Wodurch kam diese Veränderung? Spielen Blogs eine Rolle?

Michalsky: Früher ging man zum Trendscouting nach London oder New York. Studierte die Looks der Leute, ging in bestimmte Läden gegangen, fotografierte und beobachtete. Interessiere ich mich heute für Mode, besuche ich einen Blog. Dort sehe ich, was jetzt in diesem Augenblick irgendwer in Tokyo, Seoul, in New York oder L.A. trägt. Möchte ich auch so aussehen, kann ich im Internet surfen und mir genau diese Kleidungsstücke besorgen. Das war früher auch anders. Oft fand man manche Klamotten nur in bestimmten Städten. Ist ein Freund oder Verwandter nach London gereist, fragte man: „Wenn du nach London fährst, kann ich dir Geld mitgeben und besorgst mir das und das?“ Das hat sich mittlerweile alles geändert.

Inspration fand der Designer durch seinen Besuch bei Freixenet in Spanien.

styleranking: Leidet unter dieser Wandlung die Individualität des Einzelnen?

Michalsky: Dabei handelt es sich um eine grundsätzliche, sehr philosophische Frage. Ich stelle sie mir auch oft. Sehr viele Menschen entscheiden sich bewusst dafür, anders zu sein. Es fing damit an, dass Leute ihre Körper durch Tattoos, Piercings oder Brandings veränderten. Anfangs noch eine Subkultur, eine Undergroundgeschichte. Inzwischen so weit verbreitet, dass sich das Extreme zur Normalität wandelte. Mittlerweile gilt man als viel ausgeflippter und ausgefallener, wenn man zum Schneider geht und sich einen handgemachten Anzug anfertigen lässt.

"In Deutschland sieht man Mode noch ein bisschen als Spielerei an."

styleranking: Woran fehlt es Deutschland in puncto Mode?

Michalsky: Generell fehlt eine Integration von Mode im deutschen Kulturverständnis. In Italien oder Frankreich zeigen sich die Menschen unheimlich stolz auf ihre Modeindustrie. Als die Fußballweltmeisterschaft in Frankreich stattfand, präsentierte man dort in der Halbzeit des Endspiels eine Retrospektive von Yves Saint Laurent. Auf so eine Idee würde man in Deutschland nie kommen. Die Italiener, egal welchen Alters oder Geschlechts stehen mit Stolz zu ihrer Modeindustrie. Den Armanis, Versaces und wie sie alle heißen. In Deutschland sieht man das alles noch ein bisschen als Spielerei an. Deshalb trauen sich auch viele Designer nicht, ein eigenes Label zu starten.

Früher: Reisen und Inspiration holen. Heute: Blogs besuchen.

Ab Ende Juni in einer Limited Edition im Handel erhältlich.

styleranking: Sollten die Deutschen Mode als Kulturgut verstehen und schätzen?

Michalsky: Ich meine ja, denn es handelt sich um eine wichtige Industrie. Deutsches Design trägt eine Handschrift. Nicht umsonst sind deutsche Autos sehr erfolgreich oder bezieht Apple sich oft auf das Design von Dieter Rams. Nicht umsonst gibt es viele Architekturstilrichtungen oder Designansätze, die auf dem Bauhausstil beruhen - Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland entstanden. Mode wird hier oftmals noch etwas stiefmütterlich behandelt. Man muss bedenken, um was für eine große Industrie es sich handelt. Wie viele internationale Marken aus Deutschland kommen. Es gibt deutsches Design!

styleranking: Vielen Dank für das Gespräch.

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