Designer Interview

Michael Michalsky: “Soziale Netzwerke und Technologie empfinde ich als positive Entwicklung.”

Franziska Gajek
Von Franziska Gajek
24.07.2019 / 17:09 Uhr

Das Atelier von Michael Michalsky liegt in einem romantischen Hinterhof irgendwo in Kreuzberg. Drei Tage vor seiner Fashion Show treffen wir Michael dort zum Interview - irgendwie schon Tradition. Genau wie seine StyleNite. Seit 10 Jahren beendet Michalsky mit seiner eigenen Veranstaltung die Berlin Fashion Week. Dieses Jahr verzichtet er darauf. Den Grund erläutert er in einem offenen Brief an die Branche. Darin spricht er von vergessener Freundschaft und dem Ruf nach Gemeinsamkeit. Wir wollen wissen: Ist die Modebranche weniger weltoffen, als wir immer dachten? Und welche Verantwortung fällt den sozialen Netzwerken beim Stichwort Gemeinschaft zu?

Redakteurin Franzi trifft Michael Michalsky vor seiner Show auf der Fashion Week Berlin.   Copyright: styleranking

styleranking: Sie haben Ihren offenen Brief mit den Worten „Wir leben in rückwärtsgewandten Zeiten“ eröffnet. Worauf spielen Sie an?

Michael Michalsky: In den vergangenen Jahren hat sich viel in den Bereichen Gleichstellung und internationaler Beziehungen getan. Momentan wundere ich mich allerdings, warum wir uns wieder in eine gegensätzliche Richtung entwickeln. In meinem Brief spiele ich auf das transatlantische Verhältnis zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten an. Die USA galten immer als wichtiger Partner von Deutschland, ohne die US-Amerikaner gäbe es möglicherweise keine Demokratie in unserem Land. Dann denke ich an den Brexit, beschäftige mich mit Katalonien, die die Unabhängigkeit anstreben. Laute Stimmen in unserer Gesellschaft möchten die Errungenschaften der vergangenen Jahre zurückdrehen. Wir kommen aus einer Zeit, die sich sehr auf das Individuum fokussiert. Jetzt müssen wir anfangen im Team zu arbeiten, um das Erreichte zu erhalten.

styleranking: Die Modebranchen gilt als tolerant und weltoffen. Ist das eine Fehleinschätzung?

Michael Michalsky: Diese Welt bietet Menschen ein Zuhause, die in normalen gesellschaftlichen Berufsfeldern keinen Platz gefunden hätten. Die Modebranche empfinde ich als sehr tolerant. Ich richte mich mit meinen Worten nicht an jene, die schneidern oder Mode herstellen, sondern auch an Journalisten. Das Ende des Berliner Salons hat mich aufgeschreckt. Die Kritik an Berlin als Modestadt wurde wieder laut. Ich bin der Meinung, dass sich Berlin hervorragend als Standort für die Fashion Week eignet. Dieses Jahr möchte ich zeigen, dass ich Teil davon bin. Deswegen zeige ich im Rahmen des offiziellen Kalenders.

Im Rahmen der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin zeigt Michael Michalsky die neuesten Entwürfe seiner Atelier Michalsky Couture-Kollektion.   Copyright: MICHALSKY

"Mir fällt das Alleinsein schwer"

styleranking: In Ihrem Brief geht es um Gemeinschaft. Wo findet Gemeinschaft in Ihrem Leben statt?

Michael Michalsky: Ich definiere mich selbst als Teamplayer. Ich sitze nicht im stillen Kämmerlein, zeichne und reiche meine Entwürfe weiter. Mir liegt etwas an guter Gesellschaft. Das gilt auch für mein Privatleben. Ich fahre immer mit Freunden in den Urlaub. Nach einem 16 Stunden Tag, an dem ich permanent rede, Leute begeistern möchte und Präsentationen vorbereite, genieße ich natürlich auch Zeit für mich allein. Grundsätzlich fällt mir das Alleinsein aber schwer. Ich ertrage es maximal sechs Stunden krank zu sein, dann drehe ich durch.

styleranking: Warum ist es für uns so schwer geworden, Gemeinschaft zu leben?

Michael Michalsky
: Viele Menschen haben verlernt, was Gemeinschaft bedeutet. Schauen wir uns nur die Entwicklung im Sport an. Früher haben wir Teamsportarten ausgeübt, weil der Verein die beste Option war, regelmäßig Sport zu treiben. Heute gehen alle ins Gym, um fit zu werden. Dort legt niemand Wert auf Austausch. Jahrelang ging es darum, sich zu individualisieren. Das finde ich nach wie vor gut. Aber in einigen Bereichen erreichen wir gemeinsam mehr. Das vergessen einige Menschen. Deswegen beschäftige ich mich damit. Mode muss der Seismograph für Stimmungen und Schwankungen in der Gesellschaft sein. Mode reflektiert uns.

styleranking: Die Kollektion trägt den Titel „Brothers & Sisters“. Warum haben Sie das Bild der Geschwister gewählt?

Michael Michalsky
: Ich habe mich von der Soul- und House Musik inspirieren lassen. Assid House und House prägen mich. Als ich 1990 in New York lebte, begann diese Bewegung gerade. Viele Texte entspringen dem Gospel: „Brothers/Sisters, one day we will be free“ heißt es dort.

Die Kollektion steht unter dem Motto "Brothers & Sisters" und integriert Einflüsse der 80er Jahre in Couture des goldenen Zeitalters.   Copyright: 2019 Getty Images

styleranking: Gibt es andere Designer, zu denen Sie eine brüderliche Beziehung pflegen?

Michael Michalsky: Ich verfolge als Designer natürlich, was meine Brothers & Sisters so treiben. Lustigerweise besteht mein Freundeskreis ausschließlich aus Menschen, die nichts mit der Modebranche zu tun haben. Ich verbringe so viel Zeit in dieser Welt, dass ich am Ende des Tages über andere Themen sprechen möchte.

styleranking: Fühlt sich Ihr Freundeskreis nach Familie an?

Michael Michalsky: Die Beziehung zu meinen Freunden entspricht einem familienähnlichen Konstrukt. Familie definiere ich nicht über Blutsverwandtschaft. Viele meiner Freunde begleiten mich schon lange auf meinem Weg und wissen, was ich erlebt habe. Das bedeutet mir viel.

styleranking: Wie übertragen Sie die Idee von Brothers & Sisters auf die Kollektion?

Michael Michalsky
: Ich bin ein großer Verfechter von Diversity und drücke das vor allem durch mein Casting aus. Schon immer zeige ich Männer und Frauen zusammen. Dafür habe ich bei meiner ersten Show viel Kritik einstecken müssen. Inzwischen arbeiten die meisten so. Ich benutze für Männer und Frauen weitgehend die gleichen Materialien. Den Gender Gedanken fand ich in der Konzeption meiner Kollektionen schon immer interessant. Diesmal arbeite ich mit einem Baukastensystem. Damit trete ich dem Bedürfnis entgegen, immer alles haben zu müssen. Das System funktioniert bei beiden Geschlechtern. Bei den Frauen bildet ein Body in drei verschiedenen Body Silhouetten die Basis. Darauf folgen Rock, Hose oder Shorts. Alle Items lassen sich untereinander stimmig kombinieren.

styleranking: Ihr Brief findet mahnende Worte. Sehen Sie Ihre Kollektion auch als Mahnmal oder als Schritt in eine bessere Zukunft?

Michael Michalsky: Ich denke nach vorn. Deshalb sehe ich die Kollektion als Schritt in eine bessere Zukunft. Ich hole mir Anregungen aus der Vergangenheit, setze sie aber so ein, dass sie für die Zukunft relevant bleiben. Ich kann den Satz „Früher war alles besser“ nicht leiden. Schauen wir uns die Stoffe an. Ich verwende Couture Stoffe mit einem futuristischen Twist. Ich benutze Seiden-Organza, das hauchdünn mit Silikon beschichtet ist. Dadurch entstehen Glanz und Grip. Ich verwende zudem meist handgemachte Spitze aus Frankreich. Dieses Mal besteht die Spitze aus Silikon und wirkt fast wie Glas. Außerdem benutze ich eine Paillette, die wie Porzellan wirkt. All diese Stoffe empfinde ich als Luxury Stoffe 21. Jahrhundert Plus.

"Die Zukunft fasziniert mich und ich möchte mit meiner Arbeit einen Denkanstoß geben"

styleranking: Wie bewerten Sie die sozialen Medien im Bezug auf Gemeinschaft? Fördern oder verhindern Instagram und Co. das gemeinsame Leben?

Michael Michalsky: Soziale Netzwerke, Technologie und Fortschritt in der Kommunikation empfinde ich als positive Entwicklung. Einige Menschen setzen diese Errungenschaften für die gute Sache ein, ich denke da an Petitionen oder Spendenaktionen. Leider kenne ich zahlreiche negative Beispiele. Das liegt nicht an der Sache selbst, sondern an der Art und Weise, wie wir sie nutzen. Die Zukunft fasziniert mich und ich möchte mit meiner Arbeit einen Denkanstoß geben. Ich beschäftige mich mit Politik, Geschichte und Kunst als Spiegel unserer Gesellschaft. Diese Einflüsse nehme ich als Designer auf.

styleranking: Was wünschen Sie sich für die Modebranche im Kleinen und für unsere Gesellschaft im Großen?

Michael Michalsky: Die Modebranche soll ein Platz für Menschen bleiben, die ihre Träume verwirklichen wollen. Ich bewundere jeden, der sein eigenes Label verantwortet, weil ich weiß, wie viel harte Arbeit das bedeutet. Für diese Menschen wünsche ich mir mehr Support von der Presse, den Einkäufern und der Industrie. Außerdem wünsche ich mir, dass die Menschen Freiheit als hohes Gut schätzen und sich dafür einsetzen. Alles, was rückwärtsgewandt ist, ergibt keinen Sinn.

styleranking: Vielen Dank für das Interview.

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