BERLIN FASHION WEEK SOMMER 2017

Michael Sontag: In der Ruhe liegt die Kraft

Von Gabriela Keller
01.07.2016 / 15:46 Uhr

Michael Sontag hat nicht nur die Models mit seinen schimmernden Stoffbahnen eingewickelt, sondern auch sein Publikum: Die komplex drapierten, skulpturalen Seidenkleider, die der spröde Kritiker-Liebling auf der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin zeigt, entfalten eine Sogwirkung, die den Blick nicht wieder loslässt. Wie die Models zwischen den Sitzreihen im Palais am Festungsgraben stolzieren, wie die Form der Arbeiten sich mit jeder Bewegung zerstreut und zu immer neuen Faltenläufen verdichtet, wie das Licht der Kristallkronleuchter auf den Materialien spielt, all das hinterlässt einen starken Eindruck.

Der Berliner Designer zählt längst zum Tafelsilber der Berliner Fashion Week. Mit seinen subtilen Bewegungsstudien erreicht der 36 Jahre alte Modemacher ein Niveau, das man in Berlin nicht allzu oft antrifft. Seine aktuelle, 15. Kollektion hat er schlicht „Assembly No. 15“ genannt. Die Säle des Palais am Festungsrahmen boten einen sehr effektvollen Rahmen für Michael Sontags puristische, konzentrierte Entwürfe: Ringsum Blattgold, Stuck und Fresken, dazu die gradlinigen Schnitte – es war, als würde moderne minimalistische Kunst in einem barocken Rahmen präsentiert.

Farblich hält sich Michael Sontag wie immer zurück: Die Kollektion war beherrscht von einer großen Ruhe, von Weiß, Schwarz, Sand, einem zarten Roséton; hinzu kamen leuchtendes Rostrot und paar satte Blau- und Grün-Schattierungen, Petrol, Flaschengrün und Tintenblau. Die Kleider, die Michael Sontag präsentiert hat, überzeugen wie immer auf ganzer Linie: Die Stoffbahnen liegen kreuz und quer, Säume und Ärmel sind asymmetrisch geschnitten, bei einigen Schnitten fließt der Stoff wie eine sämige Flüssigkeit über die Körper der Models.

Metallic-Optiken treffen auf groben Strick, Petrol mischt sich mit Türkis.   Copyright: Adam Berry/Getty Images

Diesmal hat Michael Sonntag aber auch ein paar neue Ideen hinzugefügt, Shirts und Kleider aus einem grobmaschigen Material, das an glitzernde Fischernetze erinnerte, getragen über knappen Bustiers und Träger-Oberteilen, manchmal noch behangen mit langen schwarzen Bändern. Diese Teile ließen einen etwas ratlos zurück; sie wirkten zum Teil etwas linkisch und fügten sich nicht wirklich in das Bild von Sontags elegischem Purismus. Hinzu kamen ein paar Bleistiftröcke mit silbern glitzernden Einsätzen und enge Hosen, bei denen Stoffe in unterschiedlichen Farben aneinander genäht waren. All das war, ganz anders die Roben und Tuniken, nichts Besonderes.

Das gleiche gilt auch für die Männermode, die Michael Sonntag zeigte, auch dies eine Neuerung; sonst hat sich der Designer bisher reine Damenkollektionen vorgelegt. Jetzt zeigte er gerade geschnittene Hosen, formstrenge Sakkos und funktionale Kurzmäntel vor. Alles ganz okay. Aber die großen, poetischen Momente, die erreicht er nur mit der komplexen Stoff-Architektur, mit der sein Name untrennbar verbunden ist.

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