Interview

Mode auf den zweiten Blick: Designerin Isabell de Hillerin im Interview

29.09.2016 / 12:00 Uhr

Berlin hat seine Designer. Die Lauten, die Angestrengten, die um jeden Preis auffallen müssen. Und Isabell de Hillerin. Die gebürtige Münchnerin ist Teil einer Riege von deutschen Modedesignern, die ihr großes Talent mit ebenso großem Understatement offenbaren. Präzise, schnitttechnisch exzellent und mit einem Hang zur monochromatischen, fast melancholischen Ästhetik – so trifft Isabell de Hillerin momentan den Geist der Zeit. Das hat Berlin längst erkannt. De Hillerin war mehrfach Teil des renommierten Vogue Salon, zeigte ihre Mode im Berlin Showroom in Paris.

Jetzt konzentriert sie sich wieder mehr auf den heimischen Markt und liefert eine erstklassige Kollektion nach der anderen in der Hauptstadt ab. Fernab von kurzlebigen Trends und ohne lauten Knalleffekt schafft es die Designerin trotzdem, die deutsche Szene in ihren Bann zu ziehen. Mode, die zunächst irritiert und auf den zweiten Blick fasziniert. Im Interview erhaschen wir eben jenen zweiten Blick hinter die Marke Isabell de Hillerin. Und erzählt von ihrer typischen Kundin, ihren rumänischen Wurzeln – und warum sie nicht gern Minimalistin genannt wird.

Berlins modische Zukunft: Isabell de Hillerin erobert mit Talent und Understatement die deutsche Mode.   Copyright: Alexander Koerner / Getty Images

styleranking: Auf den Laufstegen in Berlin giltst du bereits als Institution. An wem siehst du deine Designs im Alltag?

Isabell de Hillerin: Meine Mode passt zu einer selbstbewussten Frau. Sie weiß, was sie trägt und welche Aussage sie mit ihrer Kleidung trifft. Eine Frau, die Mode ganz bewusst wählt. Vom Alter gibt es da keine Grenzen. Bei meinen Mänteln habe ich tatsächlich die unterschiedlichsten Kundinnen. Von 20 bis 60, wirklich jeden Alters.

styleranking: Wo findest du Inspiration, um für diese Breite an Trägerinnen zu entwerfen?

Isabell: Ich werde eigentlich überall und ständig inspiriert und jede Kollektion beginnt erst dann, wenn ich anfange, alle Eindrücke und alles was hängen bleibt zu filtern. Während dieses Prozesses ergibt sich erst das Thema der Kollektion. Zum Beispiel bin ich für Herbst/Winter 2016 stark von der Ästhetik des Film noir und der Arbeit von Regisseur David Lynch beeinflusst worden. Daraus entstand dann eine ganz eigene Stimmung für meine Mode.

styleranking: Deine Mode wirkt vor allem auch aufwendig konstruiert, sie spielt mit unserer Wahrnehmung. Sie ist anspruchsvoll für den Betrachter.

Isabell: Das ist ein total spannender Gedanke für mich - der Fehler im Bild. Es muss irgendeine Störung in der Gestaltung geben, bevor man wirklich darauf schaut und sich näher mit einem Objekt befasst. Das trifft auch auf Mode zu. Proportionen, die zunächst nicht ganz stimmig scheinen, Schnittverläufe, die man auf den ersten Blick nicht nachvollziehen kann, Drapierungen, die gar keine sind. Das erregt Aufmerksamkeit. Genau das will ich erreichen.

styleranking: Das verlangt einen sehr komplexen Entwurf. Hast du ein Konzept, mit dem du jedes Kleidungsstück angehst?

Isabell: Ich zeichne und konstruiere ausschließlich auf Papier. Manche Designer drapieren an der Puppe, aber ich nicht. Ich mag es mit Schnitten zu arbeiten, sie zu verändern und ein wenig zu experimentieren. Schnitttechnik ist nun mal eine Arbeit auf Papier. Deshalb geht bei mir jeder Entwurf von einer sehr präzisen Skizze aus.

styleranking: Würdest du dich selbst als Minimalistin bezeichnen?

Isabell: (überlegt) Nein, ich denke nicht. Dazu liebe ich es zu sehr, schnitttechnische Details einzubringen. Echter Minimalismus ist für mich viel reduzierter – das bin ich nicht. Ich suche den Kompromiss, minimalistische Designs, die sich mit raffinierten Schnitten verbinden. Diese Mischung mag ich.

Nach der Präsentation ihrer Herbst-Kollektion: Isabell de Hillerin auf dem Laufsteg in Berlin.   Copyright: Andreas Rentz / Getty Images

styleranking: Seit deinen frühesten Kollektionen ziehen sich immer wieder feine Stickereien und Webdetails durch deine Entwürfe. Ist das die Finesse, von der du sprichst?

Isabell: Richtig, diese Applikationen sind für mich sozusagen die DNA der Marke. Ich arbeite dafür schon seit Langem mit Frauen aus Moldawien und Rumänien zusammen. Wir verwenden unterschiedliche, traditionelle Webmuster und Stickereitechniken. Ich greife sie auf und designe sie neu. Dabei sollen die Applikationen nicht nur folkloristisch aussehen, sondern modern und zeitgetreu. Mir ist es ein wahnsinnig großes Anliegen, dieses Handwerk irgendwie zu bewahren. Auch wenn das bei mir in einem unterschiedlichen Kontext geschieht, weil ich diese Traditionen in meiner Mode ganz anders interpretiere als die Rumäninnen und Moldawierinnen vor Ort. Aber genau darum geht es mir. Ich will zeigen, wie zeitgenössisch textiles Handwerk sein kann.

styleranking: Und wie gefällt das den Frauen aus Rumänien und Moldawien?

Isabell: Zunächst sind sie immer sehr skeptisch, wenn ich eine neue Idee vorschlage. „Diese Stickerei können wir auf der Seide nicht machen“, sagen sie dann vielleicht. Aber am Ende, wenn es fertig ist und sich alle darauf einlassen, sind sie ganz überrascht. Es ist ein total schönes, familiäres Umfeld, weil wir in dem Prozess alle voneinander lernen und uns auch bei verrückten Ideen vertrauen. (lacht) Sie haben mich auch schon hier in Berlin besucht und waren ganz begeistert.

styleranking: Vielen Dank für das Gespräch.

Follow us