Interview

Jennifer Brachmann: "Erst, wenn man sein eigenes Label startet, lernt man am meisten!"

08.08.2015 / 17:00 Uhr

In der großen Welt der Fashiondesigner verstehen ausgerechnet die männlichen Designer es, die schönen Seiten der Frauen zu betonen und den Damen die femininsten Kreationen auf den Leib zu schneidern. Aber wenn es um Männermode geht, erwarten wir unbewusst, dass nur ein Mann weiß, wie man einen anderen Mann richtig und maskulin einkleidet. Die Berliner Modedesignerin Jennifer Brachmann durchbricht dieses Klischee mit ihrem Label Brachmann und architektonischen, maskulinen und doch fragilen Schnitten und Kreationen. Nach ihrer Spring/Summer 2016-Show treffe ich die entspannt-ruhige Designerin zum Interview.

Chefredakteur Daniel traf Designern Jennifer Brachmann auf der Fashion Week zum Interview.   Copyright: Lisa Johanna Thiele/styleranking

styleranking: Eben du auf der Mercedes-Benz Fashion Week deine neue Kollektion für Frühjahr/Sommer 2016 präsentiert. Wie geht es dir direkt nach der Show?

Jennifer Brachmann: Ich bin noch ein wenig aufgekratzt, weil Backstage immer ein aufgeregtes Treiben herrscht. Von der eigentlichen Show bekomme ich hinter der Bühne nichts mit, weil ich dafür sorgen muss, dass alles reibungslos funktioniert.

styleranking: Wie ist der Moment für dich als Designerin, wenn du nach der Show auf die Bühne kommst?

Jennifer: Diesen Moment erlebe ich völlig unbewusst. Ich registriere zwar, dass applaudiert wird und freue mich über die Anerkennung, aber bewusst nehme ich den Moment nicht wahr. Ich frage mich immer noch, ob alles gut gelaufen ist und wie die Show vor den Kulissen gelaufen sein mag.

styleranking: Gab es Pannen?

Jennifer: Nur eine kleine Panne im Finale: Ein Look, den ich sehr gerne dabei gehabt hätte, konnte nicht gezeigt werden, weil die Schuhe leider nicht rechtzeitig von einem anderen Outfit zurückgekommen waren. Der Zuschauer bekommt von solchen Pannen natürlich nichts mit.

styleranking: Zu deiner neuen Kollektion wurdest du durch den deutschen Maler Martin Eder inspiriert. Wie haben dich seine Kunstwerke beeinflusst?


Jennifer:
Wir entdeckten seine Bilder in einer Galerie und erlebten sofort einen überraschenden Moment. Eder arbeitet mit handwerklich klassischen Mitteln und schafft dennoch eine Formsprache, die sehr modern wirkt. Das war für mich ein inspirierender Augenblick, weil das der Grundsatz meines Labels ist. Ich beginne auch mit klassischen Kleidungsstücken, aus denen ich eine moderne Kollektion entwickele.

styleranking: Welche Stoffe verwendest du?

Jennifer: Vor allem ein spezielles Leinen mit Glanzeffekten, das eine Schweizer Firma entwickelt hat. Das Material fand bereits in meiner vorherigen Sommerkollektion Verwendung und so konnte ich die Vorzüge des glänzenden Stoffes entdecken. Es handelt sich zwar um Leinen, es sieht allerdings nicht so sackartig, grob und naturnah aus. Mein Material wirkt dank des Glanzes sehr besonders und edel. Deswegen entschied ich mich dafür, das Leinen in dieser Kollektion stärker hervorzuheben und mit auffälligen Farben zu arbeiten.

Leinen muss nicht zwangsläufig grob sein. Brachmann veredelte den Naturstoff mit einer glänzenden Schicht, das es edler wirken lässt.   Copyright: Lisa Johanna Thiele für styleranking

styleranking: Deine neue Linie besticht mit Teilen aus der klassischen Abendmode, die man auch im Alltag tragen kann. Besonders aufgefallen ist mir ein langes Hemd, das mich vom Schnitt her sehr an einen Frack erinnert.

Jennifer: Klassiker bilden immer die Basis meiner Mode. Bei diesen speziellen Hemden diente tatsächlich der Frack als Ausgangskleidungsstück. Ich wollte sehen, was passiert, wenn ich diese Jackeform mit einem klassischen Hemd mische. Daraus hat sich dann das Signature Piece der neuen Kollektion entwickelt.

styleranking: Nach der Show ist bekanntlich vor der Show. Bist du gedanklich schon bei der nächsten Kollektion?

Jennifer: Auf jeden Fall. Der Designprozess läuft unabhängig von den Saisons immer weiter. Bei der Entwicklung der aktuellen Modelle waren einige bereits so herbstlich, dass wir sie in die kommende Kollektion aufnehmen werden. Sie sind dann der Ansatz für die neue Herbst/Wintermode.

styleranking: Zahlreiche Designer gründen direkt nach dem Studium ihr eigenes Label, andere starten ihre Karrieren bei großen Modehäusern. Welchen Weg empfiehlst du jungen Designern?

Jennifer: Es hört sich natürlich immer gut an, wenn man Erfahrungen bei großen Namen sammelt, doch der Markt ist extrem überlaufen. Nur wenige Designer ergattern international begehrte Stellen. Erst, wenn man sein eigenes Label startet, lernt man meiner Meinung nach am meisten.

Keypiece der Kollektion ist ein Oberteil, das bekannte Elemente aus Frack und Hemd vereint.   Copyright: Lisa Johanna Thiele für styleranking

styleranking: Viele Designer lassen sich von Malern oder Künstlern beeinflussen. Kannst du unseren Lesern erklären, wie du diese Inspiration in deinen Kollektionen genau umsetzt?

Jennifer: Der Entstehungsprozess ist bei mir eher ein abstrakter Moment. Es ist nicht so, dass ich ein bestimmtes Bild als Vorlage habe und es eins zu eins in meine Kleidung übertrage. Vielmehr entstehen ähnliche Ansätze, die meine Arbeit beeinflussen. Zu meiner vorangegangenen Kollektion inspirierten mich die Meisterhäuser in Dessau, bei denen nur unter einem bestimmten Licht eine Modernisierung sichtbar wird. In meiner Mode habe ich dann mit dem Fadenlauf gespielt und so geändert, dass ein ähnlicher Effekt entsteht. Die Inspiration liefert den Input. Die Kollektion selbst ist meist ein Selbstläufer.

styleranking: Du hast dich mit deinem Label ausschließlich auf Männermode spezialisiert. Wie schwierig ist dieses Metier?

Jennifer: Männermode unterscheidet sich stark von Frauenmode. Unsere Menswear gestaltet sich handwerklich schwierig, weil die Passform haargenau stimmen muss. Damit ein Sakko gut aussieht, muss es natürlich auch optimal am Körper sitzen. Am wichtigsten ist jedoch, dass sich Männer in ihrem Outfit authentisch fühlen und das auch ausstrahlen. Man kann als Designer zwar Dinge ausprobieren, sollte das klassische Männerbild aber nie aus den Augen verlieren.

styleranking: Das Männerbild in der Gesellschaft ändert sich derzeit sehr stark und immer mehr Männer möchten sich modischer kleiden. Wie beurteilst du diese Entwicklung?

Jennifer: In Zukunft möchten sowohl Männer als auch Frauen ihre Kleidungsstücke für unterschiedliche Anlässe kaufen können. Vor einigen Jahren dominierten die Klassiker und die Mode der Männer war sehr uniform. Männer, die weite, lange Stücke tragen wollten, fanden nichts. Männer möchten zwar gut gekleidet sein, erwarten dennoch eine subtile Veränderung. Menswear sollte deshalb modern sein und einen überraschenden Moment haben, sich dennoch nicht zu weit von den klassischen Designs entfernen.

styleranking: Vielen Dank für das Gespräch.

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