Stilkritik

Riccardo Tiscis Statement-Piercings für Givenchy: Der richtige Riecher?

Moritz Lindert
Von Moritz Lindert
09.03.2015 / 17:45 Uhr

Man sollte einen Trend niemals völlig ablehnen. Während es vor einigen Saison noch die absolute Horrorvorstellung war, sich wie die Eltern in den Siebzigern zu kleiden, können wir uns aktuell nicht sattsehen an Schlaghosen, Blumenprint und Boho-Attitüde. Und wer hätte gedacht, dass wir den letzten Sommer fast durchgängig in den früher so geächteten Birkenstock-Latschen verbringen würden. Mittlerweile ist alles möglich - es braucht nur ein wenig Zeit. Wenn Riccardo Tisci aber auf der Paris Fashion Week seine Givenchy Models mit exotischen Nasenringen, orientalischen Earcuffs und Schmucksteinen behängt, scheiden sich die Modegeister. Ist das zu viel des Guten? Oder sind Statement-Piercings die neue Statement-Kette?

Riccardo Tisci ist immer für eine Überraschung gut. Beim französischen Traditionshaus Givenchy erweckt der italienische Modedesigner bereits seit 2005 ferne Traumwelten aus Samt und Seide, aber auch düstere Albtraumfantasien in Nieten und Leder zum Leben. Und auch wenn seine Entwürfe immer von einer ungreifbaren und oft sehr abstrakten Form von Schönheit zeugen, leichte Modekost sind sie nie. Seine Modenschau für die kommenden Herbst/Winter-Saison macht dabei keine Ausnahme. Schwarze Midi-Kleider in viktorianischer Spitze, aufwendig bestickte Abendroben und Kostüme in rotem Strass und Fell krönt der Modeschöpfer mit einem kleinen Gesamtkunstwerk. Übergroße Septum-Piercings vereinen sich mit opulenten Ohrgehängen und Ohrklemmen, die Wangen werden symmetrisch mit Schmucksteinen beklebt und die Haare in feine Verzierungen gelegt - das Gesicht selbst wird zum Ornament.

Inspiriert von mexikanischen Cholas: Der markante Look bei Givenchy.   Copyright: Pascal Le Segretain / Getty Images

Dabei ist der Septum-Ring, ein Piercing durch die Nasenscheidewand, keine neue Erfindung. Was in orientalischen und afrikanischen Urkulturen als ein Ideal von Schönheit galt und seinen Weg in unsere Jugendgenres der Neunziger fand, treibt Tisci auf die Spitze, um der sensationshungrigen Front Row einen Show-Stopper zu bieten. Piercings schocken keinen mehr, aber wenn man sie so dekadent aufträgt wie Givenchys Chefdesigner, entsteht ein irrtierender Look. Topmodels wie Natasha Poly verschwinden fast gänzlich hinter dem überbordenden Geschmeide. Die sonst so interessanten Gesichtszüge der schönen Russin sind zugepierct. Wie einst die Straßengangs der mexikanischen Cholas schreiten die Frauen hier über den Laufsteg, und in ihren Gesichtern steht in Gold und Edelsteinen geschrieben: Komm mir nicht in die Quere!

Auffällige Nasenpiercings setzen bei Acne Studios Herbst/Winter 2015 Akzente.   Copyright: Catwalkpictures

Zumindest forciert Riccardo Tisci den Trend nicht allein. Auch bei Acne tragen die Models in dieser Saison klobige Nasenpiercings in Gold und Rot, die einen harten Akzent in das Gesicht der Laufsteg-Göttinnen setzen. Bei Rodarte wurden schon im Frühjahr und Sommer die kompletten Augenbrauen der Models mit Ringen verziert. Vielleicht ist das der Anfang einer neuen Schmuck-Mode. Die Statement-Kette hat ihre Halbwertszeit überschritten und die Kaufhäuser quillen über mit glitzernden Billigcolliers für jede Farb- und Lebenslage. Die individuelle Frau braucht stattdessen eine Piercing-Nadel, eine Packung Schmerztabletten und starke Nerven.

Ein von @ladygaga gepostetes Foto am

Natürlich fordert Riccardo Tisci nun nicht ein, dass die gesamte Meute der Streetstyle-Fashionistas nach der Show kollektiv das Piercing-Studio stürmt. Denn nicht überall, wo Ready to Wear draufsteht, sind auch tragbare Looks drin. Auch Topmodel Natasha Poly legt nach der Show die Piercings ab. Zwar schwören Stars wie Lady Gaga und Rihanna auf die ornamentalen Septumringe und sind immer wieder auf der Bühne damit zu sehen. Doch mehr als ein Show-Piece wird das Piercing damit nicht. Riccardo Tiscis opulente Nasenverzierungen sind viel eher Teil einer riesigen Inszenierung, die bewusst über das Ziel hinaus schießt. Der Designer übertreibt, inszeniert und rüttelt wach. Ja, wir haben verstanden. Keine Statement-Kette mehr, aber ein Statement-Piercing muss es deshalb noch lange nicht sein.

Trend geglückt: Schauspielerin Jessica Biel betont ihren schlichten Beauty-Look mit einem silbernen Septum-Ring.   Copyright: Dimitrios Kambouris / Getty Images

Am Ende ist der beste Weg, wie so oft, die goldene Mitte. Schauspielerin Jessica Biel zeigte schon 2012 auf dem Met Ball, wie das aussehen kann. Damals griff die 33-Jährige zur schwarzen Spitzenrobe von Giambattista Valli und veredelte ihren Look mit einem kleinen, schlichten Septumring in Silber. Ein bisschen Glamour, ein bisschen Punk, die richtige Mischung machts. Schließlich soll man ja keinen Trend völlig ablehnen.

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