Designerkolletkion

Schrecklich-schöner Modezirkus: So (un)tragbar ist die Kenzo x H&M Kollektion wirklich

03.11.2016 / 14:40 Uhr

Eigentlich schreibe ich Kritiker, die die Tragbarkeit von Haute Couture und provokanten Highstreet-Looks anprangern, als engstirnige Mode-Banausen ab. Schließlich geben Runwaylooks keine Kleiderregeln für den Alltag vor. Viel eher inspirieren sie die schnelllebigen Modegemüter zu mutigen und innovativen Looks. Wer kein Topmodel, It-Girl oder Mitglied im verrückten Modezirkus ist, schnappt sich sein persönliches Inspo-Highlight vom Catwalk und wandelt es alltagstauglich ab. Der neuen Designerkollektion Kenzo x H&M gelingt es heute jedoch, meine polarisierende Ansicht in gewisser Hinsicht zu ändern.

Frei nach dem Motto „Wer suchet, der findet“ muss ich mir die Kollektion von Kenzo x H&M nach dem ersten Schock erst einmal etwas schön suchen. Zwischen chaotischen und kunterbunten Animalprints entdecke ich schließlich einige Highstreet-Stücke, die ich mir tatsächlich im Alltag eines Modemutigen vorstellen kann. Ein blumenbestickter, wendbarer Kimono in Schwarz, ein dunkelblauer Turtleneck aus Lammwolle mit bunten Patches oder schlichte, schwarze Lederchelseaboots mit knallorangefarbener Statementgummisohle: Einige Stücke aus der Damenkollektion vereinen klassische Schnitte mit frechen Statement-Details. In der Herrenkollektion überzeugt mich die wattierte Lederjacke mit Tigerstickerei und Kenzologo auf Anhieb. Ebenso wie einige Herrenpendants zu den Chelseaboots und Pullovern aus der Damenkollektion. Aber was ist mit all den schaurig-schönen Kollektionsstücken, die ich mir auch mit viel Phantasie an keinem Modekenner im Alltag vorstellen kann?

Normalerweise bietet sich bei einer neuen H&M x Designer-Kollektion ein gewohntes Bild: Bereits ab 6 Uhr morgens bilden sich ellenlange Schlangen modehungriger Designerschnäppchenjäger, gefolgt von eine Stürmung der Filialen vergelichbar mit einem Justin Bieber-Konzert und Serverüberlastungen im Internet. Man erinnere sich nur einmal an die tumultartigen Zustände zum Start der Kollektionen von Karl Lagerfeld, Balmain oder Isabel Marant. Der Kenzo x H&M-Verkaufsstart am 3. November lässt solche Szenarien vermissen. Der Hype im Web bleibt bis auf wenige ausverkaufte Stücke ebenfalls aus. Scheinbar bin ich nicht die Einzige, die von der H&M-Designer-Liebelei unberührt bleibt.

Mir persönlich ist es kein Bedürfnis, dass jeder Nase mein Outfit gefällt. Wichtig ist für mich, mit jedem Fashionstatement und provokanten Modewagnis meinen Stil zu wahren und meinen Look selbstbewusst vertreten zu können. Wer aber nicht Bonnie Strange oder Riccardo Simonetti heißt, dem kaufe ich einen kunterbunten Nineties-Look in der Regel einfach nicht ab. Und genau das ist der Punkt: Über Geschmack lässt sich nicht streiten, über Authentizität und Glaubhaftigkeit aber schon. Ich behaupte, dass nur ein winzig kleiner Bruchteil der Bevölkerung die krassen Designs der Kenzo x H&M Kollektion selbstverständlich tragen kann. Wer aber eine Fake-Fur-Jacke mit Tiger-Print in Neongrün trägt, ohne dass dieses provokante Statement authentisch und nicht wie eine Verkleidung wirkt, der büßt Stilempfinden ein.

Mein Rat an jeden, der eines der trotzdem teils begehrten Stücke abstauben möchte: Wähle dein Kollektionsstück mit Bedacht! Hinterfrage deine Authentizität, wenn du das Statementpiece in der Öffentlichkeit trägst. Falls du das Modell nicht mit dem notwendigen Selbstbewusstsein tragen kannst, lass die Finger davon. Denn nur mit Gelassenheit und Modehumor machst du dich in einem gewagten Look nicht lächerlich. Nichtsdestotrotz darf man nicht vergessen, dass die Mode keine Diktatur, sondern ein facettenreicher Zirkus ist. Lass also die Freude, den Spaß und das Vergnügen nicht zu kurz kommen und tob dich in der Kenzo x H&M Kollektion aus – wenn du dich traust! In den Bildergalerien findest du die zwanzig schönsten und fragwürdigsten Teile der Kollektion sowie die Promilooks vom Kollektionslaunch in Berlin.

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