Experteninterview

So intensiv beeinflussen sich Mode- und Automobildesign

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Julia Schichler
Von Julia Schichler
12.06.2017 / 10:18 Uhr

Materialien auswählen und sie in eine aussagekräftige Form bringen, gekonnte Farbakzente setzen, Stoffe drapieren und für das richtige Gesamtbild sorgen: Was Modedesigner für Kleidung machen, setzt Serife Celebi für Autos um. Die Colour & Material Designerin bei Ford entwirft für Interieur und Exterieur die Farben und Materialien für die Ford Fahrzeugmodelle, die global in den Verkauf gehen. Was wir uns dabei fragen: Wie schafft man es, mit jahrelangem Vorlauf zum Launch eines Produkts die Kundenerwartung auf den Punkt zu treffen? Und wie gestaltet sich der Designprozess? In unserem Gespräch erzählt die Designerin von ihrem Beruf, der auch ihre Passion ist.

Serife Celebi blickt auf 17 Jahre Erfahrung als Designerin bei Ford zurück.   Copyright: Ford

styleranking: Wo findest du Inspiration für deine Arbeit?

Serife: Als Designerin finde ich Inspiration überall: in der Natur, in der Wüste mit ihren Farben und Strukturen, in einer schönen Location, einem hübschen Restaurant oder Hotel. Ich höre nie auf, mich inspirieren zu lassen. In Musikvideos fallen mir oft tolle Farben auf. Auch Lieder und Gedichte inspirieren mich. Ich kann es gar nicht ausschalten, überall gibt es etwas zu sehen. Ich verfolge täglich Instagram, Influencer und Blogger inspirieren mich sehr. Ich interessiere mich außerdem für Mode. Zum Beispiel ist Sport- und Funktionskleidung eine wichtige Inspirationsquelle für unsere Arbeit. Bei all der Inspiration ist es entscheidend, dass wir immer unsere Ford Brand Identity im Hinterkopf haben.

styleranking: Wie ist deine Passion für Farben und Materialien entstanden?

Serife: Ich habe in Hannover Produktdesign mit Schwerpunkt Textil studiert. Dort habe ich alles über Stofftechniken und textile Technologien gelernt. Ich kann stricken, sticken und Stoffe bedrucken. Die Feinfühligkeit für Textilien habe ich aber bereits in die Wiege gelegt bekommen. Ich stamme aus einer türkischen Familie, in der Textil immer sehr präsent war. Meine Mutter brachte uns Textiltechniken bei, so habe ich früh eine Liebe dafür entwickelt, mit Textilien umzugehen und mit Farben zu spielen. Was ich damals gelernt habe, kann ich jetzt seit 17 Jahren wunderbar bei Ford anwenden.

styleranking: Erzählen Sie uns etwas zu Ihrem Werdegang? Wie sind Sie zu Ford gekommen?

Serife: Ich liebe Mode und habe immer gedacht, ich lande im Fashiondesign. Schon als Kind habe ich mich sehr für Mode interessiert. Da lag es nah, dass ich nach dem Studium vielleicht Dessous designe oder Modestoffe entwerfe. Eine Professorin hat mich auf die Stellenausschreibung bei Ford aufmerksam gemacht. Obwohl ich über Automobildesign nie konkret nachgedacht hatte, bin ich zum Interview gegangen. Ich muss gestehen, dass ich am Anfang von Automobilen nicht viel wusste und mir alles aneignen musste. Ich habe aber sehr schnell eine Leidenschaft für den Job entwickelt, weil mein Arbeitsbereich sehr breit gefächert ist und ich den Austausch mit den unterschiedlichen Teams genieße. Wir arbeiten eng mit Interior und Exterior Design zusammen, die für das Design der Formen zuständig sind. Wir ziehen diese Formen dann sozusagen an. So es entsteht eine gewisse Dynamik und Energie – und nach 17 Jahren bin ich damit immer noch glücklich.

Der Zukunft auf der Spur: Schon Jahre im Voraus müssen die Designer wissen, welche Trends sich im Automobildesign durchsetzen und sie auch aktiv beeinflussen.   Copyright: Ford

styleranking: Welche Tätigkeiten gehören zu deinem Aufgabenbereich im Colour & Material Design? Was macht dir am meisten Spaß?

Serife: Als Designer sind wir für alle Farben und Materialien zuständig, innen wie außen. Das umfasst die Oberflächenbelegung aller Teile, die am Auto vorhanden sind: Im Innenbereich suchen wir beispielsweise den Teppichboden aus, belegen die Sitze mit Leder oder anderen Materialien, wählen die Art und Farbe der Nähte. Am Ende kümmern wir uns um das harmonische Zusammenspiel. Alle Farben müssen harmonieren. Schwarz ist nicht gleich schwarz. Es kann in Richtung Blau, Grün oder Gelb gehen. Der Kunde sieht das Gesamtbild von Interieur und Exterieur und muss sich wohlfühlen. Wenn mir das Auto später im Alltag begegnet, sage ich: „Hey, daran hab ich mitgearbeitet!“ In solchen Momenten bin ich immer sehr stolz auf das Team.

styleranking: Bis dahin ist es ein langer Prozess. Wie gehst du an ein neues Design heran?

Serife: Unsere Lieferanten und Partner informieren uns kontinuierlich über die neuesten Trends und Technologien. Wir entwickeln im Team gemeinsam Ideen, veranstalten Farbenworkshops und betreiben Trendresearch, zum Beispiel auch in der Modebranche. Wir sammeln Inspirationen anhand von Moodboards und betrachten den Zielkunden mit seinen Präferenzen.

styleranking: Sicherlich ist der Fokus auf den Kunden eine Gemeinsamkeit mit dem Modedesign. Wo siehst du weitere Parallelen?

Serife: Seit einigen Jahren beobachte ich verstärkt, wie Fashion von der Autobranche beeinflusst wird. Bei Taschendesignern ist die Auswahl des richtigen Leders und der Verarbeitung ausschlaggebend. Unsere Vignale Kollektion, mit der wir Accessoires passend zu unserer Premiumlinie entworfen haben, macht die Verbindung deutlich. In der Mode sieht man viele Materialien, die originär aus der Automobilbranche stammen. Wenn die Formen eines Designs am Menschen starr bleiben, dann kommt die Idee aus dem Produktdesign. Andersherum lasse ich als Designerin mich gerne davon inspirieren, wie Materialien am Menschen fallen. Die Beeinflussung findet gegenseitig statt. Auch neue Stofftechnologien spielen eine wichtige Rolle: Zum Beispiel sind antibakterielle oder Funktions-Materialien, wie sie im Fashionbereich verwendet werden, für uns wahnsinnig wichtig.

Beim Ford Design Workshop in München konnten wir bereits Einblicke in die Finessen des Automobildesigns gewinnen.   Copyright: Ford

styleranking: Fashion ist schnelllebig, bunt und überraschend. Aktuelle Saisontrends sind für die Kunden schnell offensichtlich. Wie sieht Innovation im Automobildesign aus?

Serife: Ich arbeite sehr viel an globalen Projekten. Unsere Entwürfe müssen deutschen Kunden genauso gefallen wie den Kunden in Asien oder Amerika. Das stellt eine Herausforderung dar. Beim Automobildesign ist Langlebigkeit von Designs extrem wichtig, denn Kunden investieren bei der Anschaffung sehr viel Geld und möchten sich nicht nach wenigen Wochen satt gesehen haben.

styleranking: Welche sind die wichtigsten Trends für das Interiordesign in der Automobilbranche? Gibt es besonders angesagte Materialien und Farben?

Serife: Die Themen „Leichte Materialien“ oder Nachhaltigkeit sind für uns im Moment sehr wichtig. In unserem Ford Focus RS beispielweise haben wir Materialien verwendet, die aus100 Prozent PET-Flaschen bestehen. Die Frage nach dem Umgang mit den Ressourcen spielt gerade im Mobildesign eine wichtige Rolle. Wir müssen bei diesen Trends immer nur schauen: Was können wir für uns umsetzen? Unsere Materialien müssen trotz allem Anforderungen wie Dauerhaltbarkeit oder Lichtbeständigkeit erfüllen. Die Farbgebung wiederum hängt stark von Wagengröße und Zielkunde ab. Beim Ford Focus RS, einem sehr schnellen Wagen, können wir durchaus auch schon einmal auffälligere Farben und ausgefallenere Interior-Details aufnehmen.Wenn es um Trends geht, müssen mein Team und ich Jahre im Voraus denken. Wir planen jetzt, müssen aber einschätzen, welche Farben in drei oder vier Jahren en vogue sind.

Wir legen viel Wert auf hochwertige Materialien und Verarbeitung. Der Kunde schätzt Qualität wie beispielsweise bei unserem neuen Ford Fiesta. Unsere Stoffe müssen einen weichen Griff haben und dennoch der höchsten technischen Beanspruchung standhalten. Es ist uns wichtig, authentische Materialien im Auto zu verbauen. Aktuelle Trends sind zur Zeit leichte und intelligente (z.B. antibakteriell oderschweißabweisend) Materialien, Nanotechnologie oder auch Hochglanz versus matte Oberflächen. In Bezug auf Außenfarben sehen wir hier einen Trend in Richtung mineralien- und kristallartige Mica Effekte, die einer Farbe einen aufregenden und dynamischen Lookverleihen. Momentan gibt es einen starken Trend zu Kupfertönen im Möbelsektor und Schmuckdesign, der bereits bei der jetzigen Außenfarbe des Fiesta entsprechend umgesetzt wurde. Im Bereich Textil geht der Trend in der Automobilbranche hin zu neuen Präge-Verfahren oder zu dekorativer Veredelung in Hochglanz vs. Matt.

styleranking: Der lange Vorlauf für die Planung scheint der große Unterschied zum Fashion Design zu sein.

Serife: Wir müssen schon jetzt wissen, was später funktioniert. Dafür probieren wir die Farben am Ende am richtigen Modell. Oft entwickeln wir tolle Farben, und am fertigen Auto sehen wir, dass sie doch nicht funktionieren. Lichtverhältnisse sind entscheidend. Bei klarem Himmel und Sonnenstrahlen vibrieren manche Rottöne, in chinesischen Großstädten zum Beispiel hingegen gar nicht durch den Smog.

styleranking: Worauf achten Kunden beim Design eines Autos? Wo sehen Sie diesbezüglich Unterschiede zum Fashionbereich?

Serife: Die Kunden entscheiden sich für das Design, an dem sie sich nicht satt sehen. Design ist sehr emotional, Langlebigkeit und Wohlfühlfaktor entscheiden beim Kauf. Die Materialien müssen sich gut anfühlen und Qualität transportieren. Wenn das Gesamtbild aus Farben und Materialien stimmig ist, haben wir alles richtig gemacht. Aus ökonomischer Sicht entscheiden auch Faktoren wie Wiederverkaufswert. Zeitlose und klassische Farben verkaufen sich einfach leichter weiter als zum Beispiel ein Gelb. Farben beeinflussen Menschen auch gefühlsmäßig, unterbewusst ist das für viele Kunden ein wichtiger Faktor. Fahrzeughalter wählen ein Auto, das ihren Erwartungen in puncto Verbrauch, ansprechende Farben und Style entspricht. Das Fahrzeug muss verlässlich sein. Ein Auto ist eine langfristige Investition: Wenn jemand ein Auto kauft ist die Intention nicht, diesen in zwei Jahren „abzustoßen“. Der Autokauf ist also an sich sehr emotionsgesteuert, für uns ist hierbei die Herausforderung, etwas zu kreieren, das über einen Zeitraum von mehreren Jahren interessant und aufregend bleibt. Das äußere Erscheinungsbild ist wichtig und entscheidend. Käufer identifizieren sich mit einem speziellen Design und Produkt. Sie kaufen einen gewissen Lebensstil – das Fahrzeug wird zum Ausdruck ihrer eigenen Persönlichkeit. Daher ist die Farbwahl von höchster Bedeutung für den Konsumenten. Farbe kann motivieren oder beruhigen, hierbei kommt es nicht darauf an, ob Du Frau oder Mann bist.

Serife Celebi arbeitet als Colour & Material Designerin im Ford Designbüro in Köln.   Copyright: Ford

styleranking: Im Fashionbereich werden die Kunden immer experimentierfreudiger. Siehst du die Tendenz, dass auch die Kunden bei der Farbwahl der Autos mutiger werden?

Serife: Auf jeden Fall. Die Fiesta-Kunden zeigen mehr Mut und wählen durchaus auch auffälligere Farben wie Rot oder Kupfer. Die Kunden eines Mondeo zum Beispiel möchten ihr Auto oftmals eher klassisch halten.

styleranking: In der Mode und auch in vielen anderen Branchen herrscht der Megatrend der Individualisierung. Erkennst du die Entwicklung im Automobildesign auch?

Serife: Ich sehe diesen Trend auch bei uns. Unsere Vignale Serie aus dem Premiumsegment entspricht genau dem Bedürfnis nach Individualität. Wir bieten Serien an, dabei können teilweise aber Farbkombinationen frei gewählt werden. Individualisierung ist ein riesiges Thema und unser Angebot macht es dem Kunden möglich, doch etwas anderes zu besitzen als der Rest.

styleranking: Lieben Dank für das Gespräch.

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