BERLIN FASHION WEEK SOMMER 2017

Steinrohner: Mein kleiner grüner Kaktus

29.06.2016 / 17:53 Uhr

Rosen sind sehr beliebt in der Mode, auch Nelken, Chrysanthemen, Orchideen, Begonien und sogar Stiefmütterchen tauchen häufiger als Prints auf. Kakteen dagegen waren bislang in der Textilbranche eher marginalisiert. Die Art hat ein Imageproblem: Zu spröde, zu stachelig, zu wenig floral und blütenhaft – wer das Wort Kaktus hört, hat oftmals das Bild von den staubigen Sammlungen auf den Fensterbänken alleinstehender Männer vor Augen.

Wie haben wir die Sukkulente nur unterschätzt! Das sehr junge Berliner Label Steinrohner stellt auf der Mercedes-Benz Fashion Week eine sehr Kollektion vor, in der sich alles um die stachelige Pflanze dreht: Das Design-Duo Inna Stein und Caroline Rohner gräbt die Heftreihe „Blühende Kakteen“ aus, die in den Jahren 1900 bis 1921 im Auftrag der Deutschen Kakteengesellschaft herausgegeben wurde. Die feinen, naturalistischen Pflanzenillustrationen, die in den Heften abgedruckt waren, haben die beiden in ganz bezaubernde digitale Prints umgewandelt: Prachtvoll blühende Kakteen sprießen auf fließenden, schimmernden Stoffen; dornige Pflanzen wachsen auf weich fließenden Röcken, schmalen Shiftkleidern, auf Halstüchern, langen eleganten Hosen und knappen Bustiers.

Inna Stein und Caroline Rohner nehmen sich vor, an der Schnittstelle von Kunst und Mode zu arbeiten. Die beiden zählen derzeit zu den vielversprechendsten Nachwuchstalenten der Berliner Modeszene: Mit ihrer spielerischen, leicht durchgeknallten Entwürfen haben sie im vergangenen Jahr den Young Designers Fashion Award der Premium Berlin gewonnen. Auf der Berliner Fashion Week sind sie nun zum zweiten Mal dabei – und legen eine sehr charmante Show hin, die voll verrückter Ideen steckt und einfach Spaß macht.

Kakteenprint meets Transparenz: Bei Steinrohner gibt es keine Tabus.   Copyright: Michael Wittig

Aus den Lautsprechern wummert in Dauerschleife der nervig-eingängige 60er-Jahre-Ohrwurm „Le Cactus“ von Jacques Dutronc. Die Models tragen bunten Lidschatten über den Augen und seltsame Hüte, die an Reithelme erinnern. Natürlich macht Steinrohner bei den Stoffprints nicht Halt; das botanische Thema zieht sich sehr klug auf mehreren Ebenen durch die Kollektion. Die zarte Eleganz der Kaktusblüte und die Überlebenskraft dieser genügsamen Pflanze übersetzen die beiden Designerinnen in einen Kontrast, der sich in der Material-Auswahl ausdrückt: Aus Neopren, durchsichtiger Folie, Seide und Organza sind Entwürfe entstanden, die fragil und zugleich abwehrbereit wirken. Enge Netz-Oberteile zu schmalen Röhrenhosen, Blusen aus transparent durchbrochenen Stoffen zu lässigen Shorts, schwarze Maxikleider mit geometrischen Cut-outs. Oftmals wölben sich duftige Lagen aus durchsichtigem Material über schmale Silhouetten. Das Layering kombinieren Inna Stein und Caroline Rohner mit silbernen Applikationen, die an Blätter oder Dornen erinnern.

Die Show führt in ein Treibhaus, in dem jede Menge seltsame Blüten gedeihen. Das anrührende Schönheit verbindet sich mit bizarren Details, das Wunderbare und das Sonderbare gehen miteinander einher. Hinzu kommt die Widerstandsfähigkeit der Kakteen, die ihre Pracht unter widrigen Bedingungen entfalten. Vielleicht macht sie das zur wahren Symbolpflanze der globalisierten Moderne.

„Die ganze Welt ist ein Kaktus“, singt Jacques Dutronc frei übersetzt, „Es ist unmöglich, sich niederzulassen / Im Leben gibt es nichts als Kakteen / Es schmerzt wie ein Stich, es zu wissen / Au! Au! Au! Aua! Au! Au! Au!“

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