Interview

Vladimir Karaleev: "Man kann Kleidung nicht neu erfinden!"

Moritz Lindert
Von Moritz Lindert
04.02.2015 / 13:00 Uhr

Kleiderstange statt Catwalk. Auf dem Schauenplan der Mercedes-Benz Fashion Week suchte man den jungen Designer Vladimir Karaleev in dieser Saison vergeblich. Er und sein Team haben bewusst auf eine groß inszenierte Modenschau verzichtet, um sich auf die eigene Showroom-Präsenz in Berlin, Paris und Japan zu konzentrieren. Schade für das stets begeisterte Publikum - aber umso schöner, Vladimir Karaleev und seine Mode hautnah erleben zu können. Auf der Premium Messe zeigt uns der Berliner Designer die Keylooks seiner Winterkollektion 2015 und spricht dabei über Inspirationen und Evolutionen in seiner Mode. Und er erklärt, warum er das Tragen seiner Kleidung lieber anderen überlässt - ein intensives Gespräch zwischen modischer Nähe und kreativer Distanz.

Die Inspiration fängt für Karaleev bei den Stoffen an.

styleranking: Was war die erste Inspiration zu deiner neuen Winterkollektion für 2015?

Vladimir Karaleev: Für mich beginnt jede Kollektion bei der Stoffmesse. Dort lasse ich mich von Materialien inspirieren, von denen ich teilweise gar nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. Den Grundstein legte ein gewebter Karo-Stoff, bei dessen Webart immer einige Fäden ausgelassen werden und so eine karierte Cut-Out Struktur entsteht. Dieses Thema wollte ich gern durchgehend in der Kollektion aufgreifen. Texturen und Farben, die aufeinandertreffen, aber auch Materialkontraste zwischen weichem Mohair und glatter Seide. Es ist sehr grafisch geworden, aber eher unbewusst.

styleranking: Wie setzt du deine Ideen um? Zeichnest du oder drapierst du gleich an einer Schneiderpuppe?

Vladimir Karaleev: Mittlerweile fange ich nur noch mit zweidimensionalen Skizzen an. Für die Schnittkonstruktion müssen die Teile sehr gut durchgeplant und abgemessen sein. Erst wenn die Schnitte fertig sind, können mein Team und ich etwas an der Puppe fitten und noch einmal Details ändern. Es ist also eine Mischung zwischen der Arbeit auf Papier und live an der Figur – das hilft, denn man kommt währenddessen noch einmal auf ganz neue Ideen.

Silbriges Grau, durchbrochen von Beige- und Orangetönen, ist ein großes Farbthema in Karaleevs Kollektion HW 15.

styleranking: Von der Presse wird deine Mode als dekonstruierend oder abstrakt bezeichnet. Wie würdest du deine Arbeit selbst beschreiben?

Vladimir Karaleev: Wir arbeiten sehr experimentell, obwohl Kleidung natürlich genauso wie alles andere auch konstruiert wird. Ich glaube man kann Kleidungsstücke nie ganz neu erfinden. Aber es passiert immer eine kleine Evolution zwischen jeder Kollektion. Dabei versuchen wir, Schnitte zu abstrahieren, um vielleicht etwas Neues zu schaffen. Es handelt sich zwar immer noch um eine Jacke oder eine Weste, aber stellt eine neue Interpretation davon dar. In dieser Kollektion haben wir den klassischen T-Shirt-Schnitt in Übergröße aus schwerem Jacquardstoff aufgegriffen. Aber auch ein sehr klassischer Wintermantel mit Reverskragen und Taschen ist dabei.

styleranking: Dabei sind deine Entwürfe sonst eher unklassisch. In diesem Winter wirken sie aber viel angezogener...

Vladimir Karaleev: Angezogener - ein gutes Stichwort für diese Kollektion. Die Kleidungsstücke wirken angezogener, aber trotzdem spontan. Teile, die man gern trägt und sich wohl dabei fühlt. Und obwohl die Silhouette in dieser Kollektion etwas klassischer erscheint, wirkt sie trotzdem locker und bequem. Es gibt keine Taillierungsnähte oder steifen Schultern, alles fällt sehr natürlich.

Auf der Premium Messe sprechen styleranking-Redakteur Moritz und Designer Vladimir Karaleev über seine neue Kollektion.

styleranking: Manche Themen, wie etwa Layering aus transparenten und groben Stoffen, hast du bereits in deiner Sommerkollektion gezeigt.

Vladimir Karaleev: Viele Teile sind Zitate aus der letzten Saison, übertragen in den Winter. Jede Kollektion ist eine Weiterentwicklung der vorherigen. Ich halte es immer für schwierig, einen kompletten Cut dazwischen zu machen und vollkommen neu anzufangen. Und da ich keine Modethemen, wie etwa 70er-Looks oder den 90s-Trend verarbeite, gehen meine Kollektionen ineinander über.

styleranking: Bist du trotzdem von Modetrends inspiriert? Beeinflusst dich der anhaltende Retro-Trend?

Vladimir Karaleev: Ich bin kein Fan von Retro, sondern finde Interpretation viel spannender. Ich mag die Stile, die in den 60ern, 70ern oder 80ern entstanden sind, aber man sollte diese Themen immer zeitgemäß verarbeiten. Ein bloßes Revival ist langweilig. Privat würde ich das vielleicht tragen, aber als Designer möchte ich gern etwas Neues schaffen.

styleranking: Trägst du deine eigenen Entwürfe also nicht?

Vladimir Karaleev: Nein, privat sehe ich anders aus. Ich bin auch nicht meine eigene Zielgruppe. Es ist nicht so, dass ich meine Sachen nicht mag, aber ich habe gern ein wenig Distanz zu meiner Arbeit. Für mich ist das Kleidungsstück ein Arbeitsprozess, etwas Abstraktes, das ich für Andere designe.

Ungewohnt klassisch:Ein schwarzer Reversmantel und eine lange Weste im Materialkonstrast werden als Highlights präsentiert.

styleranking: Schwebt dir, während du an deinem Design tüftelst, eine bestimmte Art Frau oder Mann vor? Oft kleidest du beide Geschlechter sehr ähnlich ein, oder verwendest dieselben Materialien.

Vladimir Karaleev: Eigentlich habe ich nie eine konkrete Person vor Augen. In der Kollektion gibt es viele Teile, zum Beispiel die Mäntel oder einige Shirts, die für Männer und Frauen gedacht sind. Aber ich will das nicht plakativ als Unisex-Mode bewerben. Jeder soll tragen, was er möchte und ich werde hier keine Grenze ziehen. Hier in Deutschland wird stark getrennt zwischen Männermode und Frauenmode. So soll eine Frau aussehen und so hat ein Mann rumzulaufen – das ist ziemlich stereotypisch.

styleranking: Vielen Dank für das Gespräch.

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