Influencer Interview

Annette Weber: „Die Konkurrenz von InStyle heißt nicht Vogue, sondern Instagram"

Franziska Gajek
Von Franziska Gajek
16.08.2018 / 00:00 Uhr

Neun Jahre lebt und atmet Annette Weber InStyle. Modebegeisterte Mädchen und Jungen warten Monat für Monat auf die neue Ausgabe des Modemagazins. An verregneten Nachmittagen wälzen Fashion Addicts to be die Seiten voll von Star Styles, Trend Reports und Interviews. Zahlreiche Karrieren der Fashionbranche beginnen mit einem Abonnement der InStyle.

Dann ebbt der Hype um die großen Modemagazine allmählich ab. Instagram bestimmt nun, wer in und out ist, was wir tragen und wer uns inspiriert. Auch Annette Weber wechselt die Seiten und wird zur Influencerin, Bloggerin und Social-Media-Persönlichkeit. Kann dieser Wechsel erfolgreich sein? Im Interview liefert sie die Antwort - mit kritischen Gedanken, klaren Worten und einer ordentlichen Portion Selbstironie.

Annette Weber arbeitet seit vielen Jahren in der Modebranche - das sieht man ihren Styles an.   Copyright: Annette Weber

styleranking: Sie arbeiten als Influencerin. Passt dieser Begriff zu Ihnen?

Annette Weber: Der Begriff passt zu 1000 Prozent. Ich bin eine Frau, die großen Einfluss hat. Das hat nicht nur mit meinem Instagram-Auftritt zu tun. Ich schreibe eine Kolumne für die Bild, berate etliche Firmen im Einzel-, Online- oder Großhandel. Wenn jemand ein Influencer im Sinne von Beeinflusser ist, dann ich.

styleranking: Was impliziert der Begriff Influencer?

Annette Weber: Influencer helfen, zu verkaufen. In meinem Fall handelt es sich dabei um Kleidung. Früher nannte sich jeder Blogger, aber dieser Begriff hat so einen negativen Beigeschmack bekommen. Meine jungen Kolleginnen sagen, dass sie nicht als Blogger wahrgenommen werden wollen. Dieses Image vom kleinen Bloggerlein entspricht nicht der faktischen Wirkmächtigkeit dieses Berufs. Wir sind keine kleinen, dummen Mädchen mit bauchfreien Tops, die alles toll finden. Wir sind Frauen, die wissen, was ihre Reichweiten bedeuten. Wir haben unsere Zielgruppe fest im Griff.

styleranking: Was unterscheidet Sie von anderen Influencern?

Annette Weber: Mein Alter und meine Glaubwürdigkeit. Jeder in Mode-Deutschland kennt mich. Bewerte ich etwas als schick, dann gibt es kein Vertun. Bei vielen netten Influencer-Mädchen müssen wir abwarten, ob die in zehn Jahren noch immer Substanz vorweisen.

„Wenn ich gerne shoppen gehe, muss ich keine Modejournalistin werden"

styleranking: Sie arbeiten als Modejournalistin. Mit welcher Berufsbezeichnung können Sie sich identifizieren?

Annette Weber: Der Begriff Influencer eignet sich gut und beschreibt auch den etwas abgenutzten und auf Print bezogenen Begriff Journalist neu.

styleranking: Leidet das Berufsbild der Modejournalisten durch die vielen Blogger und Instagrammer?

Annette Weber: Diese Entwicklung beobachte ich tatsächlich. Hoffentlich ändert sich bald etwas. Wenn ich gerne shoppen gehe, muss ich keine Modejournalistin werden. In diesem Beruf braucht man Intelligenz, muss mit Weitsicht Dinge beobachten und einordnen können. Die Ausbildung ist oft mangelhaft. Ein guter Redakteur ist nicht nur in der Lage, dem Publikum eine Stilrichtung näher zu bringen, sondern für jede Altersgruppe, für jeden Geldbeutel, für jeden Stil Mode zu vermitteln. Das kennzeichnet die ganz hohe Schule und viele beherrschen die nicht. Deshalb würde ich mir wünschen, dass sich die Verlage auf tolles Personal besinnen. Die Verlage verfügen über viel mehr Macht, als sie denken. Print bleibt wichtig. Kein Influencer macht seine Karriere ohne Print. Du musst in der Bunte oder in der Gala gewesen sein.

styleranking: Leidet die modische Berichterstattung unter dem Social-Media-Hype?

Annette Weber: Da sehe ich vor allem bei Instagram ein Problem. Ich kann mich von Balenciaga einkleiden lassen und dafür Follower einsammeln. Das hat aber wenig mit dem echten Leben zu tun. Erwachsene Frauen suchen nach Influencern, die ihre Lebensrealität widerspiegeln.

styleranking: Welche Eigenschaften muss ein Influencer mitbringen, damit die Qualität der modischen Berichterstattung nicht leidet?

Annette Weber: Influencer brauchen einen eigenen Stil. Die meisten machen nach, was angesagt ist. Ich selbst finde Frauen toll, die schick angezogen sind und ihren eigenen, unverwechselbaren Stil tragen.

styleranking: Wer kommt Ihnen da in den Kopf?

Annette Weber: Carine Roitfeld zeigt sich sehr stilvoll. Bloggerin Leandra Medine Cohen bietet gerade für junge Frauen Inspiration und präsentiert sich dabei sehr humorvoll. Meine Blogger Kollegin Viktoria Rader trägt gerne überladene Looks, die wahnsinnig cool aussehen. Die Stylistin Giovanna Battaglia zeichnet sich durch einen sehr schicken Kleidungsstil aus. Ich hoffe, dass sie irgendwann eine Vogue-Chefredaktion übernimmt. Auch Influencerin Veronika Heilbrunner trägt einen sehr individuellen Look. Sie hat diese hässlichen Turnschuhe populär gemacht. Das waren keine Street-Style-Ikonen aus Paris. Am Anfang habe ich gelacht, jetzt trage ich diese Schuhe selbst. (lacht)

„Print muss besser kuratieren und hochwertiger werden"

styleranking: Sie schreiben für das Online Magazin Glam-O-Meter. Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit zu der für ein Print-Medium?

Annette Weber: Ich stelle an beide Medien hohe journalistische Ansprüche. Deshalb unterscheidet sich die Arbeit kaum. Mich nervt es wahnsinnig, wenn ich in den Bildunterschriften von Instagram Rechtschreib- oder Kommafehler entdecke. Ich empfinde das als Unverschämtheit. Ich hoffe nur, diese Person gibt sich bei ihrem Styling nicht genauso viel Mühe. Ich erwarte eine gewisse Sorgfaltspflicht. Für ein Komma würde ich jemanden durch’s ganze Haus jagen.

styleranking: Was macht den Hype um Influencer aus?

Annette Weber: Print-Hefte haben versäumt, ihren Lesern ganz persönliche Empfehlungen mitzugeben. Die Influencer beleben genau diesen Punkt.

styleranking: Sehen Sie darin eine Ursache für den Rückgang von Printmagazinen?

Annette Weber: Print hat sehr viele Nachteile, darunter die fehlende Schnelligkeit. Ich abonniere nach wie vor die amerikanische Vogue, weil ich dieses Heft liebe. Aber wenn ich durch die Seiten blättere, die jungen Designer sehe und von den Partys lese, denke ich immer: All das habe ich bereits gesehen. Print muss besser kuratieren und hochwertiger werden. Die Verlage haben gespart und darin liegt der Kardinalfehler. Sie hätten investieren sollen. Die Konkurrenz von InStyle heißt nicht Vogue, sondern Instagram. Die Hefte müssen die geileren Fotos haben, warum sonst sollte ich Geld investieren? Außerdem darf nicht alles gleich aussehen. Deshalb mag ich die französische und die amerikanische Vogue. Diese Magazine haben ein Gesicht.

Gemeinsam mit Viktoria Rader schreibt Annette Weber für Glam-O-Meter und versorgt ihre Zielgruppe mit reichlich Styling-Inspiration.   Copyright: Matthias Nareyek / Getty Images

styleranking: Können Social Media und Print nebeneinander erfolgreich bestehen?

Annette Weber: Ohne meine Magazine kann ich nicht leben. Aber ich liebe auch Instagram. Ich brauche beides. Ich wünsche mir nur, dass sich die Verlage auf ihr Kapital besinnen. Junge Frauen, die für das Thema brennen, brauchen Freiraum, um kreativ zu werden. Dann hat beides seine Berechtigung.

styleranking: Werden Sie wehmütig, wenn Sie an die glorreichen Magazin-Zeiten denken?

Annette Weber: Ich vermisse meine engsten Mitarbeiter. Allerdings pflege ich mit allen eine Standleitung am Telefon. Ich bin total froh, dass ich rechtzeitig da raus gekommen bin. Für mich bedeutet Social Media Zukunft.

styleranking: Woher nehmen Sie Ihre Inspiration? Vom Runway oder von Instagram?

Annette Weber: Ich schaue mir sehr gern andere Frauen an und laufe viel durch die Showrooms und über die Messen. Ich lasse zahlreiche Eindrücke auf mich wirken und nutze meine eigene Kreativität. Dabei trage ich Trends nie als Erste. Wenn ich bei den Schauen von Prada sitze, beschließe ich immer, so etwas niemals zu tragen. Ein halbes Jahr später hängen die Designs doch in meinem Kleiderschrank.

„Wäre ich ein junges Mädchen, würde ich mein ganzes Geld für Sonnenbrillen ausgeben"

styleranking: Wie identifizieren Sie einen Trend?

Annette Weber: Wenn ich in kurzer Zeit drei Fotos mit dem gleichen Kleidungsstück gesehen habe, wusste ich, dass wir einen Trend entdeckt haben, der in die InStyle kann. Ansonsten wittere ich Trends.

styleranking: Welche drei Klassiker bestehen unabhängig von jedem Trend?

Annette Weber: Momentan favorisiere ich eine gestreifte Bluse, so wie die Duchess von Sussex sie beim Wimbledon-Finale getragen hat. Dann braucht jeder eine Cropped Flair Jeans. Gerade im Sommer sehen Knöchel einfach toll aus. Obwohl ich ein High Heel Fan bin, sollte jede Frau auch ein Paar coole Sneaker besitzen. Wäre ich ein junges Mädchen, würde ich mein ganzes Geld für Sonnenbrillen ausgeben. So eine Sonnenbrille zieht den Blick ins Gesicht und verändert einen Look nachhaltig.

Ihre Follower schätzen Annette Webers Styling-Kompetenz. Sie trifft zielgenau den Geschmack ihrer Zielgruppe, wie sie uns verrät.   Copyright: Annette Weber

styleranking: Welche Labels muss jede Fashionista auf dem Schirm haben?

Annette Weber: Balenciaga, Off White, Gucci, Supreme, Palace für die Jungs und Dior natürlich. Ich persönlich mag es nicht so dekoriert. Ich kaufe lieber richtig schicke Basics und kombiniere dazu expressive Accessoires. Ich muss nicht wie ein Fashion Victim rumlaufen.

styleranking: Welchen Trend finden Sie irrsinnig?

Annette Weber: Als Caro Daur mit dem Balenciaga Sneaker um die Ecke kam, sagte ich: Caro, das ist doch scheußlich! (lacht) Nein, sagt sie, das ist Balenciaga. Jetzt besitze ich selber zwei Paar. Bei Prada denke ich jedes Mal, jetzt war’s zu viel. Dann gewöhne ich mich doch an die Trends. Ich finde es ab einem bestimmten Alter lächerlich, als Fashion Victim herumzulaufen. Mit 20 sieht es süß aus, wenn überall Off White und Co. zu sehen ist. Schicke Frauen in meinem Alter sollten keine überplakatierten Labels tragen. Das wirkt peinlich.

styleranking: Wie kreieren Sie den perfekten Look für ein Instagram-Bild?

Annette Weber: Das Outfit entscheidet nicht über ein gutes Foto. Ich brauche geiles Licht, zum Beispiel am frühen Morgen oder späten Nachmittag, und ein schönes Setting. Das erzielt mehr Likes, als eine außergewöhnliche Klamotte. Wer sich mit der Location viel Mühe gibt, feiert Erfolge auf Instagram.

styleranking: Vielen Dank für das Interview.

Follow us