Influencer Interview

Influencer Riccardo Simonetti: „Ich habe immer das Leben eines Superstars gelebt”

Franziska Gajek
Von Franziska Gajek
27.09.2018 / 16:12 Uhr

Riccardo Simonetti funkelt. Daran ist nicht nur seine überschwängliche Liebe zu Pailletten und schimmernden Stoffen schuld. Er inszeniert seinen glamourösen Lifestyle und seine expressive Persönlichkeit in feinster Social-Media-Manier. Ob Neider oder Fans, zu Riccardo Simonetti hat jeder eine Meinung. Das, erzählt er uns, sei schon immer so gewesen.

Doch bis er Anerkennung für seine Entertainer-Qualitäten bekommt, vergehen viele Jahre. Jahre, die mehr mit Ausgrenzung, als mit stylishen Cocktailpartys und Fashionshows zu tun haben. Uns nimmt Riccardo mit auf eine sehr persönliche Reise durch seine Kindheit, seine Gedanken und den Alltag zwischen Schlaflosigkeit und Insta-Stories.

Crew Member Franzi trifft Influencer Riccardo Simonetti in Hamburg zum Interview.   Copyright: styleranking

styleranking: Dein Instagram Account steht täglich für Humor und Lebensfreude. Woher nimmst du deine Energie?

Riccardo Simonetti: Jeder meiner Tage wird zur Performance und das kostet tatsächlich viel Kraft. Doch Follower, die einen schlechten Tag hatten, kann ich mit meiner Arbeit aufmuntern. Also stehe ich in der Verantwortung und muss abliefern. Deswegen versuche ich immer, die perfekte Story mit der perfekten Musik und dem perfekten Outfit hochzuladen. Ich drehe jeden Tag einen Kurzfilm und das raubt mir Kraft. Doch wenn ich meine Follower motiviere und zum Lachen bringe, hat sich der Aufwand gelohnt.

styleranking: Was unternimmst du gegen schlechte Tage?

Riccardo: Ich versuche schlechte Tage zu meiden. Denke nur an die Fans, die ich auf der Straße treffe. Die sehen mich nicht ständig, sondern teilen nur diesen einen Moment mit mir. Da muss ich gut drauf sein. Ich schlucke schlechte Gedanken runter und lasse sie erst raus, wenn ich allein bin.

„Was die Gesellschaft erwartet, hat keine Bedeutung"

styleranking: Du zeigst auf Social Media dein ganzes Ich. Musstest du dich überwinden, soviel von dir preiszugeben?

Riccardo: Ich habe immer das Leben eines Superstars gelebt - nur war ich damals eben noch nicht bekannt. Ich wuchs in einer kleinen Stadt auf. Die Leute dort fanden es unglaublich schwierig, wie ich angezogen war und was ich für Träume entwickelte. Ich weiß nicht wie es sich anfühlt, frei von der Meinung anderer zu sein. Ich weiß nicht, wie sich Anonymität anfühlt. Ich weiß nicht wie es sich anfühlt, keine Reaktion in den Menschen hervorzurufen. Deswegen habe ich ein anderes Verständnis von Privatsphäre entwickelt. Das Internet nutze ich, um all das in etwas Positives zu verwandeln.

styleranking: Medien richten sich mit Mode oder Do-it-yourself-Themen zumeist an Frauen. Hast du das Gefühl, dass sich an der gesellschaftlichen Idee von Männlichkeit und Weiblichkeit etwas ändert?

Riccardo: Ich vernehme eine starke Bewegung und glaube, dass sich Vieles verändert. Aber es dauert, bis die Menschen verstehen, dass jeder sein Geschlecht selbst definiert. Männer können Dinge tun, die gesellschaftlich als weiblich gelten und sind deswegen nicht schwächer. Frauen können Dinge tun, die als männlich gelten, ohne damit Weiblichkeit einbüßen zu müssen. Was die Gesellschaft erwartet, hat keine Bedeutung. Ich bin ein Junge mit ausgeprägter femininer Seite und stand immer sehr selbstbewusst zu diesem Teil meines Ichs. Deswegen fühle ich mich nicht weniger männlich.

Riccardo Simonetti beweist nicht nur auf der Fashion Week sein Händchen für ausgefallene Looks.   Copyright: Victor Heekeren für styleranking

styleranking: Es muss schwer gewesen sein, nicht dazuzugehören - vor allem als Kind. Warum konntest du dich schon als junger Mensch gegen Konventionen wehren?

Riccardo: Weil eine sehr weise Frau namens Britney Spears gesungen hat, dass es nur zwei Arten von Menschen auf dieser Welt gibt: Jene die unterhalten und jene, die zuschauen. Mein Schicksal war früh besiegelt und ich wusste, zu welcher Art Mensch ich gehöre. Ich wollte mich schon mit vier Jahren nicht jeden Tag fragen müssen: Ist es wichtiger von anderen gemocht zu werden oder die eigenen Träume zu verwirklichen?

styleranking: Wie schützt du dich vor persönlichen Verletzungen?

Riccardo: Ich habe gelernt, dass ich es nicht jedem Menschen Recht machen kann. Trage ich die Haare lockig, mögen es die Leute lieber glatt. Trage ich lange Haare, verlangen die Menschen nach einem Kurzhaarschnitt. Entscheide ich mich zu einem Bart, höre ich, dass ich ohne besser aussehe. Egal was ich tue - alles wird ver- und beurteilt. Ich hatte erst kürzlich ein Meet & Great auf dem Lollapalooza. Es standen so viele Menschen in der Schlange, dass einige ohne Autogramm nach Hause gehen mussten. Es fühlt sich furchtbar an, dass egal wie viel ich gebe, am Ende des Tages Follower enttäuscht von mir sind. Aber ich verspreche: Ich versuche jeden Tag alles zu geben, egal wo ich bin oder mit wem ich rede. Diese Gewissheit gibt mir Kraft.

„Die Gesellschaft hat mir immer gezeigt, dass ich nicht dazugehöre"

styleranking: Wie gehst du mit Hatern um, die du nicht auf Instagram, sondern im normalen Leben triffst?

Riccardo: Ich treffe nie Hater, die ein Problem gegen meine Persönlichkeit hegen. Es handelt sich dabei meist um Menschen, die rechtsradikal oder homophob denken. Es bringt nichts, sich mit diesen Menschen auf eine Diskussion einzulassen. Diese Personen verfügen über keinen normalen Menschenverstand - da kann ich auch mit einer Wand reden.

styleranking: Woher kommt deine Lust auf Öffentlichkeit?

Riccardo: Die Gesellschaft hat mir immer gezeigt, dass ich nicht dazugehöre. Wie jeder andere Mensch, habe ich nach einer Welt gesucht, die mich Ich sein lässt. Die Welt in der ich jetzt lebe scheint mir die einzige, die einen Jungen wie mich für seine Eigenschaften akzeptiert. Ich war immer komisch und sobald ich auf der Bühne stand, fanden mich die Menschen toll.

styleranking: Welche deiner Eigenschaften haben dir den Zutritt zu dieser Welt ermöglicht?

Riccardo: Ich bin der disziplinierteste Mensch, den ich kenne. Damit steht und fällt dieser Job. Du musst in der Lage sein, deine Bedürfnisse zurückzuschrauben und die deines Publikums an erste Stelle zu setzen. Damit gebe ich einen Teil meines privaten Lebens auf. Diesen Preis muss ich bezahlen. Aber ich bekomme die absolute Freiheit ich selbst sein zu können. Deswegen zahle ich gern. Jeder, der diesen Job ausübt, sollte sich die Frage nach dem Warum stellen. Schaffe ich einen Mehrwert für mein Publikum? Unterhalte oder inspiriere ich? Oder geht es in Wahrheit nur um mich?

styleranking: Wie sehen die dunklen Seiten deines Jobs aus?

Riccardo: Ich schraube meine privaten Bedürfnisse runter. Dem Publikum ist es egal, ob ich gegessen oder geschlafen habe. Ich muss funktionieren.

„Der Druck fällt intensiver aus, als die Meisten denken"

styleranking: Wie viele Stunden schläfst du zur Zeit?

Riccardo: Seit zwei Wochen schlafe ich jede Nacht circa drei Stunden. Ich kann nicht erwarten, dass Kunden oder Fans über Wochen miterleben, wie ich mich fühle. Mit den meisten Menschen teile ich nur einen kurzen Moment. In dieser Sekunde muss ich funktionieren. Der Druck fällt intensiver aus, als die Meisten denken. Doch alles, was bei meiner Arbeit raus kommt, ist mehr wert, als der Druck. Aber trotzdem möchte ich über den Druck sprechen, der diesen Job begleitet. Die Menschen sollen sehen, dass mein Beruf mehr beinhaltet als schöne Filter oder lustige Videos.

styleranking: Hast du jemanden, der dich vor dir selbst schützt und deine Bedürfnisse im Auge behält?

Riccardo: Mein Manager achtet darauf, dass ich esse und schlafe. Aber ich laufe wie eine Maschine auf Hochtouren und kann nicht plötzlich runterschalten und in aller Ruhe essen oder schlafen.

styleranking: Wonach suchst du deine zahlreichen Events aus?

Riccardo: Ich wäge ab, ob meine Follower sich unterhalten fühlen und ob ich Spaß an den Aktionen habe. Ich hinterfrage immer, ob meine Fans einen Mehrwert erhalten. Ich würde auch etwas tun, was mich nicht glücklich macht, meine Fans aber lieben.

styleranking: Wir folgen ja heute einer Einladung von Colgate-Palmolive. Wieso hast du dich für diese entschieden?

Riccardo: Wenn du dir mein Outfit anschaust siehst du, dass ich einer Leidenschaft für Bleaching-Mittel fröne. Heute darf ich für die Marke “DanKlorix” T-Shirts gestalten und das entspricht mir sehr. Schon immer habe ich meine Sachen umgestaltet oder dekoriert. Mir kommt es vor, als unternehme ich eine Reise in meine Jugend.

„Jeder kann es schaffen, auch wenn man selbst sein einziger Fan ist"

styleranking: Du hast ein Buch geschrieben, dass den Titel trägt Mein Recht zu funkeln. Warum hast du das Recht zu funkeln?

Riccardo: Ich habe mir von der Gesellschaft nicht einreden lassen, dass ich mich zurücknehmen muss, um anderen zu gefallen. Ich wollte immer funkeln und möchte anderen Menschen zeigen, dass auch sie das Recht dazu haben. Jeder kann es schaffen, auch wenn man selbst sein einziger Fan ist. Genauso hat bei mir alles begonnen.

styleranking: Vielen Dank für das Interview, Riccardo.

Riccardo Simonetti wird 1993 im bayerischen Bad Reichenhall geboren. Schon früh entdeckt er seine Liebe zum Entertainment, tritt auf Theaterbühnen oder in Radiosendungen auf. 2011 gründet er den Blog The Fabulous Life of Ricci und begeistert seither mit Fashion-Themen aber auch mit Gesellschaftskritik zum Thema Mobbing oder Homophobie. Riccardo folgen rund 160 k Follower auf Instagram. Auch im TV taucht der Entertainer immer wieder auf. 2018 veröffentlicht er sein Buch Mein Recht zu funkeln und avanciert damit noch vor Veröffentlichung zum Bestsellerautor.

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