Influencer Interview

Influencerin Leslie Huhn: „Instagram ist nicht authentisch"

Franziska Gajek
Von Franziska Gajek
25.12.2018 / 11:00 Uhr

Leslie Huhn kann mit der Berufsbezeichnung Influencer nicht viel anfangen. Sie ist Unternehmerin. In ihrem Fall bedeutet das: Eigenes Modelabel, eigene Social-Media-Marketing-Agentur, erfolgreicher Instagram Account mit 318.000 Followern.

Diese Kombination macht sie für die Veranstalter der Future Fashion Leaders zu einer bedeutenden Persönlichkeit der Modebranche. Im Podiumstalk des neu etablierten Kongressformats von Textilwirtschaft und dfv Conference Group spricht sie über Herausforderungen, die sie im Berufsalltag täglich bewältigen muss. Im Zuge dessen trifft Leslie eine Aussage, die wir nur selten aus der Blogosphäre vernehmen: "Instagram ist nicht authentisch," sagt sie. Was dann? Uns gibt sie die Antwort.

Leslie Huhn nimmt sich richtig Zeit, während Crew Member Franzi mit ihr über ihre ganz persönliche Social-Media-Welt spricht.   Copyright: Leslie Huhn

styleranking: Du hast auf dem Podium gesagt: „Instagram ist nicht authentisch“. Um was geht es dann auf Instagram?

Leslie: Authentisch ist keiner, der auf Fashion Weeks herumläuft, an den tollsten Stränden der Karibik sitzt und den ganzen Tag Blumenkränze trägt oder Zuckerwatte isst. Auf Instagram schaffen wir eine Welt, in der sich Menschen wohl fühlen. Dort schalten wir vom normalen Alltag ab und träumen.

styleranking: Warum wollen alle authentisch wirken?

Leslie: Ich kann nicht verbreiten, dass ich mich vegan ernähre und mir dann Sparerips reinziehen. Das hat nichts mit Authentizität zu tun. Wenn Influencer ihrem Leitfaden stringent folgen, eine Einstellung und eine Meinung vermitteln, erzeugt das ein authentisches Bild. Wir sollten genau das im Sinn haben, wenn wir von Authentizität sprechen.

„Wir müssen in der Zukunft nachhaltiger wirtschaften"

styleranking: Warum bist du ein Future Fashion Leader?

Leslie: Ich sehe mich als aktueller Fashion Leader - schon wegen meiner Modemarke. Meine Ausrichtung ist dabei sehr speziell. In meinen Kollektionen finden sich wenige winterliche Styles. Ich spezialisiere mich auf Sommer, Strand-Feeling und Festival Looks.

styleranking: Was sollte sich in der Modebranche der Zukunft verändern?

Leslie: Wir müssen in der Zukunft nachhaltiger wirtschaften. Gerade die Modebranche sehe ich in der Verantwortung. Das beginnt mit Kleinigkeiten, wie dem Versand von Online-Shops. Dieses Thema liegt mir persönlich schwer im Magen. Wieso muss eine zentrale Station in Deutschland die Produkte verschicken und entgegennehmen, wenn es stationäre Läden der Brand in der Nähe gibt. Von dort könnte man die Ware gesammelt verschicken. Für die Lieferversand-Problematik müssen wir unser Bewusstsein schärfen.

Auf ihren Reisen um die Welt nimmt Leslie ihre Follower mit. Bei Bildkomposition und Farbwahl arbeitet sie in einem stringenten Konzept.   Copyright: Leslie Huhn

styleranking: Was macht die Modebranche für dich zu einem Business, indem du arbeiten und erfolgreich sein möchtest?

Leslie: Ich kann mich immer wieder neu erfinden und beobachte eine große Entwicklung bei mir. Ich habe mit Lederjacken angefangen und dachte, dass ich bei dieser Schiene bleibe. Jahre später habe ich bemerkt, dass mir auch freizügige und luftige Teile mit Rüschen gefallen. Ich bin kein Mensch, der jedes Jahr das Gleiche macht.

„Wer kommt in seinem Arbeitsalltag mal zum Coachella oder nach Marrakesch?"

styleranking: Du bezeichnest dich als Unternehmerin und leitest eine eigene Agentur. Nach welchen Persönlichkeiten suchst du dort?

Leslie: Ich schätze selbstbewusste und kreative Mitarbeiter, die über sich hinauswachsen. Wir suchen niemanden, der morgens kommt und mittags geht. Das ist in einer Social-Media-Agentur nicht möglich. Wir planen Trips, Events und Reisen, die auch am Wochenende stattfinden. Wenn uns ein Talent Sonntags um 3 Uhr morgens anruft und sagt „Hey, ich habe kein Ticket für meinen Flug“, müssen wir wach sein und ihm das Ticket schicken.

styleranking: Wie garantierst du Work-Life-Balance?

Leslie: Wir haben einen Kicker im Büro. Außerdem steht die Kommunikation mit unseren Mitarbeitern im Vordergrund. In Dailys und Weeklys erkundigen wir uns stets nach dem Wohlbefinden unserer Angestellten. Wir setzen uns nach jedem Event zusammen und ziehen gemeinsam ein Resümee. Zudem bieten die Reisen einen großen Mehrwert für unsere Mitarbeiter. Wer kommt in seinem Arbeitsalltag mal zum Coachella oder nach Marrakesch?

Besonders der Boho-Style hat es Leslie angetan. Darauf konzentriert sie sich auch bei ihrer Brand Lost Here by Leslie Huhn.   Copyright: Leslie Huhn

styleranking: Welche Persönlichkeiten inspirieren dich bei deinem Weg als Influencerin und Agenturgründerin?

Leslie: Ich habe kein Vorbild im klassischen Sinne. Ich eifere niemandem nach oder lasse mich beeinflussen. Der Grund: Ich möchte Diejenige sein, die voran schreitet. Ich fühle mich mit anderen Promis und Stars auf einer Ebene und denke mir, was die können, kann ich schon lange.

styleranking: Welche Eigenschaften möchtest du dir noch aneignen?

Leslie: Mir wird gesagt, dass ich nach außen eloquent und selbstsicher wirke. Meine Selbstwahrnehmung weicht davon etwas ab. Dieses Gefühl zu überspielen oder zu managen muss ich üben. An Tagen, an denen ich ein großes Event habe, bin ich oft sehr kritisch und leicht reizbar. Daran möchte ich arbeiten.

„In unserer Agentur verzichten wir ganz bewusst auf den Begriff Influencer"

styleranking: Welche Vor- und Nachteile birgt das Wort Influencer?

Leslie: Ich empfinde den Begriff als negativ. Viele Menschen, gerade aus dem privaten Umfeld, belächeln diese Berufsbezeichnung. In unserer Agentur verzichten wir ganz bewusst auf den Begriff Influencer. Nicht jeder arbeitet als Instagram-Influencer. Wir vertreten auch Sänger, TV-Persönlichkeiten oder Moderatoren. Den Begriff „Talent“ finde ich schöner - der beschreibt, dass sich diese Menschen eine Nische herausgearbeitet haben.

Immer an Leslies Seite: Ihr Ehemann Marc. Die beiden leiten gemeinsam die Social-Media-Agentur Spreadvertise. Copyright: Tamara Maria

styleranking: Woher kommt die negative Konnotation des Begriffs Influencer?

Leslie: Dieser Beruf hat viele verunsichert und die Frage aufgeworfen, wofür Influencer genau vergütet werden. Die Branche hat schnell verstanden, dass hinter dem Influencer-Sein ein Mehrwert steckt und ihre Chance ergriffen. Der Influencer hat als zweites reagiert und gemerkt, dass er damit Geld verdienen kann. Zum Schluss kommt der User, der teilweise noch immer mit Unverständnis reagiert. Diese Menschen würde ich gern mal eine Woche einladen, mich in meinem Berufsalltag zu begleiten. Wir haben schon mehrfach Praktikanten kennengelernt, die ihr Praktikum abgebrochen haben. Der Job war einfach zu anstrengend. In diesem Business findet man keine geregelten Zeiten und muss Nachts arbeiten. Influencer wie Agenturmitarbeiter müssen Smalltalk beherrschen, was nicht jedem liegt.

„Ich habe großen Respekt vor jedem, der in der Öffentlichkeit steht"

styleranking: Welche Vorurteile begegnen dir im Alltag?

Leslie: Ich höre oft, dass Arbeitsaufwand und Vergütung nicht übereinstimmen. Dieser Hass kommt sicher auch von Menschen, die mit ihrem eigenen Leben unzufrieden sind. Aber ein Blick hinter die Kulissen lohnt sich. Wir zeigen uns schockiert, wenn Stars Selbstmord begehen. Ich kann den Druck gut nachvollziehen und habe großen Respekt vor jedem, der in der Öffentlichkeit steht.

styleranking: Wo müssen Marken und Influencer im Rahmen einer Kooperation besser zusammenarbeiten?

Leslie: Diese Frage war der Anstoß für die Gründung der Agentur. Der Markt muss sich professionalisieren. Auf der einen Seite ziehen die Firmen die Influencer übers Ohr und auf der anderen Seite liefert der Influencer nicht immer die Arbeit ab, die die Firma erwartet. Wir sehen da Defizite im Briefing oder der Kommunikation. Agenturen professionalisieren diesen Prozess. Die Marke nennt ihre Vorstellungen und wir können einschätzen, ob das so funktioniert. Außerdem können wir den Influencer in Schutz nehmen, damit im Nachhinein keine Zusatzleistungen eingefordert werden.

Leslie unternimmt gern Reisen und Co. mit den Talents, die sie vertritt. Dazu zählt zum Beispiel ihre Freundin Caro Einhoff.   Copyright: Leslie Huhn

styleranking: Werden Influencer in den kreativen Prozess einer Kampagnen- oder Produktentwicklung eingebunden?

Leslie: Die Kollegen würde ich gerne kennenlernen. Influencer werden kaum eingebunden. Das finde ich aber nicht schlimm, denn der einzelne Influencer hat keinen Überblick über die komplette Kampagne, das Budget und die Anforderungen. Ich finde es als Influencer gut, wenn ich diese Aufgabe abgeben kann. Ich bin gerne involviert und gebe meinen Senf dazu. Allerdings nimmt es mir viel Arbeit ab, wenn eine Agentur dazwischen alles koordiniert.

„Marken, die ihr Image bewerben, sollten Top-Influencer engagieren"

styleranking: Wie stehst du zur Diskussion Reichweite oder Content?

Leslie: Mit meiner Marke setzen wir auch auf kleine Content Creator. Zum Beispiel habe ich letztens einen kleineren Instagram Account namens vitoriamosch entdeckt. Sie ist sehr kreativ, hat Design studiert und macht unheimlich tolle Bilder. Ihr schicke ich meine Designs nicht, weil ich mir davon riesige Verkäufe erhoffe. Aber Vitorias Content selbst zu produzieren, wäre ein riesiger Aufwand für mich. Natürlich sind Marken, die ihr Image bewerben müssen, gut beraten, Top-Influencer zu engagieren. Ich denke, die Mischung machts. Man kann kleinere Influencer engagieren und sich trotzdem drei größere „Zugpferde“ suchen, die die Kampagne anführen.

styleranking: Vielen Dank für das Interview, Leslie.

Die große Leslie Huhn Playlist

Du möchtest mehr über Influencerin Leslie Huhn erfahren? Wir haben die erfolgreiche Geschäftsfrau nach ihren ganz persönlichen Lieblingssongs gefragt. Auf Spotify kannst du jetzt hören, was Leslie hört.

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