Zwischen Model-Lifestyle und sozialem Engagement

Model Sara Nuru: „Das Thema Equality gehört in die Schulen und an den Stammtisch"

Franziska Gajek
Von Franziska Gajek
10.04.2019 / 12:36 Uhr

Scrollen wir durch unseren Instagram-Feed, sehen wir schöne Frauen in aufregenden Kleidern, perfekte Make-up Looks und Bilder von faszinierenden Reisen. Model Sara Nuru passt in diese Welt. Und doch gibt es so viel mehr über die 29-jährige mit 72 k Followern zu erzählen. Seit 2009 unterstützt Sara die Karl Heinz Böhm Stiftung Menschen für Menschen. 2016 gründet sie gemeinsam mit ihrer Schwester Sali die Kaffee-Brand nuruCoffee und die Initiative nuruWomen, die äthiopische Frauen in ihrer Selbstständigkeit unterstützt. Sara Nuru gelingt die Balance zwischen Modebranche und Charity vorbildlich.

Am Weltfrauentag 2019 treffen wir Sara im Esprit Store Düsseldorf. Sie stellt die Kampagne WE ALL vor. Gemeinsam mit UN Women Deutschland hat Esprit ein T-Shirt entworfen, dessen Verkaufserlös zu 100 Prozent an soziale Projekte geht. Sara gehört zu den Gesichtern der Kampagne, die Vielfalt, Gleichberechtigung und soziales Engagement propagiert. Wir sprechen mit Sara über ihre ganz persönlichen Forderungen am Weltfrauentag und erfahren, welche Rolle sie den Männern in der Diskussion zugesteht.

Sara Nuru gewinnt die vierte Staffel von Germany's next Topmodel. Heute führt sie ihr eigenes Unternehmen und engagiert sich für Frauen in Äthiopien.   Copyright: Julian Jankowski

styleranking: Wir feiern seit fast 100 Jahren den Weltfrauentag. Warum ist dieses Tag noch heute von Bedeutung?

Sara Nuru: Natürlich müsste längst selbstverständlich sein, was Frauen an diesem Tag fordern. Aber das entspricht nicht der Realität. Deshalb schätze ich die Solidarität, die diesem Tag innewohnt. Ich hab allen Freunden geschrieben: “Happy Women’s Day. Schön, dass es dich gibt! Schön, dass es uns gibt!” Im Alltag würdigen wir das Frausein einfach zu selten. Am Weltfrauentag feiern wir unsere Talente. Es ist schön, dass wir gebären können, dass wir emphatisch und emotional sind. Darüber hinaus eignet sich dieser Tag, um Missstände zu thematisieren. Gleichberechtigung existiert nicht, schauen wir uns nur den Gender Pay Gap an. Frauen in Deutschland verdienen im Schnitt 21 Prozent weniger, als Männer. Wir sollten den Weltfrauentag nutzen, um einen Diskurs zu starten.

styleranking: Was muss sich neben dem Gender Pay Gap noch verändern?

Sara Nuru: Wir sollten Männer intensiver in die Diskussion einbeziehen. Beim Weltfrauentag geht es um Gleichstellung, nicht um die Übermacht der Frauen. Schauen wir uns nur die Vereinbarkeit von Familie und Beruf an. In den allermeisten Fällen bleiben die Frauen Zuhause und kümmern sich um die Kinder. Wenn die Männer zuhause bleiben, müssen sie sich rechtfertigen. Da wünsche ich mir mehr Toleranz. Männer müssen mit ihrer Stimme Teil der Debatte werden.

Crew Member Franzi trifft Model und Power-Frau Sara Nuru in Düsseldorf zum Interview.   Copyright: styleranking

styleranking: Wie sieht dein ganz persönlicher Beitrag zu Gender Equality aus?

Sara Nuru: Mein Fokus liegt auf der Frauenförderung in Äthiopien. Im Land meiner Eltern lebt keine andere Gesellschaftsgruppe so benachteiligt, wie arme Frauen. Frauen in Entwicklungsländern bewegen sich fernab von Debatten um Equal Pay. Sie verdienen gar kein Geld. Mit nuruCoffee und nuruWomen befähigen wir die äthiopischen Frauen, aus eigener Kraft unabhängig zu werden. Wir bieten ihnen Starthilfe, damit sie ein eigenes Business aufbauen können. Wir glauben, dass Frauen durch selbstständige Arbeit selbstbewusst und frei leben. Dazu vergeben wir Mikrokredite, die wir durch den Verkauf unseres Kaffees finanzieren. Ich bin ein einfaches Mädchen aus Erding und konnte ein erfolgreiches Business starten. Meine Geschichte beweist, dass wirklich jeder etwas bewegen kann.

styleranking: Wie nutzt du deine Social-Media-Plattformen in diesem Zusammenhang?

Sara Nuru: Ich zeige, dass auch tiefgründige Themen in diese Welt gehören. Ich finde es absolut okay, sich für die neuesten Trends zu interessieren und gleichzeitig das Wohl der Mitmenschen ins Auge zu fassen. Darum geht es auch bei der WE ALL Kampagne. Das T-Shirt funktioniert als modisches Statement und als aktiver Beitrag. Der Erlös der Initiative geht zu 100% an UN Women.

styleranking: Warum eignet sich Mode, um Themen wie Gender Equality zu thematisieren?

Sara Nuru: Mode erreicht sehr viele Leute. Esprit konnte mit der Kampagne eine Bandbreite unterschiedlichster Menschen sensibilisieren. Wir leben in Deutschland sehr privilegiert und müssen häufig nicht über Themen wie Gleichberechtigung nachdenken. Gerade junge Menschen fühlen sich vielfach gleichwertig behandelt, bis sie ins Berufsleben eintreten. Dort merken junge Frauen zum ersten Mal, dass sie nicht weiterkommen, weil ein Mann bevorzugt wird. Mode avanciert für diese Frauen zum Ventil und zum Sprachrohr. Dabei müssen die Botschaften plakativ platziert werden, damit Aufmerksamkeit entsteht. Mode will den Zeitgeist treffen. Wir leben in einer Welt voller Veränderungen, da ist es wichtig, Haltung und Meinung zu zeigen. Mode ermöglicht genau das.

styleranking: Auf deinem Shirt steht WE ALL. Wie sieht eine bunte Gesellschaft für dich aus?

Sara Nuru: Eine bunte Gesellschaft entsteht durch Diversität. Genau dieses Bild zeichnet die WE ALL Kampagne. Eine vielseitige Gesellschaft besteht aus Männern und Frauen, Size-Zero und Plus-Size, Menschen mit weißer und dunkler Haut. Melodie Michelberger repräsentiert die Body-Positivity-Bewegung in der Kampagne. Tatjana Patitz steht für alle Frauen, die in Würde altern. David Noel bezeichnet sich selbst als Feminist und sorgt dafür, dass dieses Wort seinen negativen Beigeschmack verliert. Stichwort He for She. Mit den Williams-Zwillingen Corinna und Theresa und mir besteht die Hälfte der Kampagnen-Gesichter aus dunklen Frauen. In meinen 10 Jahren als Model habe ich das noch nie erlebt. Die WE ALL Kampagne spiegelt meine Utopie von Perfektion wider. Solche Kampagnen müssen als Vorreiter gelten, denn nur durch Sichtbarkeit entsteht Bewusstsein. Wenn ich mir Schaufenster anschaue, möchte ich nicht ausschließlich blonde Models mit den Maßen 90-60-90 sehen. Das entspricht nicht der Welt, in der wir leben.

Sara Nuru ist eines von sechs Gesichtern der WE ALL Kampagne von Esprit und UN Women.   Copyright: Esprit

styleranking: Was können wir heute tun, um Veränderungen anzustoßen?

Sara Nuru: Wir stehen vor großen Herausforderungen. Studien zufolge dauert es noch 217 Jahre, bis Frauen und Männer überall die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Das klingt erschreckend, sollte aber kein Grund sein, den Kopf in den Sand zu stecken. Wir müssen in die Diskussion gehen und miteinander reden. Das gilt nicht nur für Menschen, die in der hippen, aufgeschlossenen Berlin-Bubble leben. Das Thema Equality gehört in die Schulen und an den Stammtisch. Wir sollten Ungerechtigkeiten offen ansprechen. Nur dann kann ein Wandel entstehen.

styleranking: Kann dieser Diskurs auch via Social Media geführt werden?

Sara Nuru: Meine 15-jährige Schwester weiß bereits, was Feminismus bedeutet und was am Weltfrauentag passiert. Sie sieht diese Dinge in den sozialen Netzwerken. Ich hatte in dem Alter keine Ahnung, was sich hinter diesen Schlagworten verbirgt. Social Media spielt eine große Rolle. Ich glaube, dass wir Fortschritte machen, meine Schwester ist das beste Beispiel dafür. Aber gleichzeitig müssen wir noch einen weiten Weg gehen. Dabei sollte jeder Schritt anerkannt werden. Ich meine, in Berlin wurde der Weltfrauentag zum offiziellen Feiertag erklärt. Da kann ich nur sagen: Whoooo!

styleranking: Bleibt zu hoffen, dass andere Bundesländer nachziehen.

Sara Nuru: Ja, das hoffe ich auch.

styleranking: Vielen Dank für das Interview, Sara.

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