Influencer Interview

Nina Schwichtenberg: "Ich kaufe heute deutlich weniger und bewusster"

Laura Wagener
Von Laura Wagener
19.12.2019 / 16:30 Uhr

Content Creator, Unternehmerin, Designerin: Nina Schwichtenberg gilt als wahres Multitalent und hat mit 28 Jahren eine beachtliche Karriere in der Fashion Branche vorzuweisen. 2012 gründet sie gemeinsam mit ihrem Partner Patrick Kahlo den Blog Fashiioncarpet. Hochwertiger Content, professionelle Bild-und Videogestaltung und authentisches Storytelling verschaffen ihnen Kooperationen mit High End Brands und reichlich Anerkennung in der Modebranche.

2019 rufen Nina und Patrick ihr Label BANÚ ins Leben. Wir treffen Nina im Rahmen des Karriere-Events „Trendforscher trifft Trendsetter“ von Peek & Cloppenburg Düsseldorf zum Interview. Dort nimmt sie Stellung zu Greenwashing-Vorwürfen und spricht über Trends und Mode, die keine Trends braucht.

Mit ihrem Label BANÚ hat sich Nina Schwichtenberg neben ihrer Social Media-Karriere in diesem Jahr ein zweites Standbein aufgebaut.   Copyright: BANÚ

styleranking:​ Fungieren Influencer derzeit als wichtigster Einflussfaktor auf die Modebranche und unser Konsumverhalten?

Nina Schwichtenberg:​ Ja, Influencer üben mittlerweile einen großen Einfluss auf beides aus. Eine Änderung des Konsumverhaltens wird hinsichtlich Nachhaltigkeit und Verantwortungsbewusstsein stark durch die sozialen Medien angeregt. Immer mehr Menschen in den sozialen Medien leben vor, den eigenen Konsum zu hinterfragen - schließlich haben wir alle eine gewisse Vorbildfunktion.

styleranking: ​Welche konkrete Verantwortung trägst du in deiner Rolle auf Social Media?

Nina Schwichtenberg:​ Mein eigenes Konsumverhalten hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Ich kaufe heute deutlich weniger und bewusster. Das gebe ich auch an meine Leser weiter. Jeder sollte sein eigenes Konsumverhalten und die Wahl der bevorzugten Shops und Produkte hinterfragen. Dazu gehört auch die Sensibilisierung von Materialien in unserer Kleidung. Wir sollten uns fragen, wie solche absurd günstigen Preise überhaupt entstehen.

Natürlich ist am Ende niemand perfekt, aber meine Leser mögen es, wenn ich mich hin und wieder auch gesellschaftskritisch mit der Modebranche auseinandersetze. Allgemein sollten wir alle viel mehr hinterfragen. Ansonsten bemühe ich mich, so authentisch wie möglich aus meinem Leben zu berichten. Mir ist es wichtig, dass die Leute sehen und verstehen, dass auch ich nur ein Mensch bin, der versucht, seinen Weg zu gehen.

styleranking:​ Das Bewusstsein um die Unvollkommenheit von Influencern kommt oft zu kurz.

Nina Schwichtenberg:​ Viele glauben, dass Instagram die Realität und das echte Leben widerspiegelt. Es werden falsche Ernährungs- und Schönheitsideale geteilt. Nicht alles, was wir auf Instagram sehen, ist richtig und erstrebenswert.

styleranking-Redakteurin Laura und Crew Member Robin treffen Nina Schwichtenberg und Patrick Kahlo im Rahmen des Peek&Cloppenburg-Events "Trendforscher trifft Trendsetter".   Copyright: Peek&Cloppenburg

styleranking:​ Greifst du Trends auf oder setzt du sie?

Nina Schwichtenberg:​ Ein bisschen von beidem. Trendsetting beginnt im Bereich Fashion bei den Modehäusern und ihren Laufsteg-Schauen. Dann kommen wir Blogger und Influencer dazu, die diese Trends verbreiten. Ich betrachte Trends differenziert und folge nicht jedem Hype. Ich sehe mich als Early Adopter, da ich sehr begeisterungsfähig bin und mich schnell auf Neues einlasse. Ich finde es aber super wichtig, nur Trends rauszupicken, die zu mir passen und in denen ich mich wohl fühle. Meine Leser geben wir das Feedback, dass ihnen genau das an mir gefällt.

styleranking:​ Gerade haben du und Patrick bekannt gegeben, dass ihr bei BANÚ nun kompostierbares Verpackungsmaterial verwendet. Habt ihr in Zukunft weitere nachhaltige Optimierungen geplant?

Nina Schwichtenberg:​ Wir sind ein junges Mode-Star-Up und natürlich gefühlt jeden Tag damit beschäftigt unsere Prozesse und Entscheidungen zu überdenken und verbessern zu wollen. Abgesehen von den kompostierbaren Verpackungen nutzen wir recyceltes Seidenpapier, um Plastik zu vermeiden. Unsere Kollektionen sind stark limitiert, wodurch Kleidermüll vermieden werden soll. Unser Motto ist auf jeden Fall: Qualität statt Quantität. Wir arbeiten viel mit Naturfasern wie Baumwolle, Tencel und Wolle. Natürlich bleiben wir offen für weitere Entwicklungen.

styleranking:​ In deiner Story hast du Greenwashing-Anschuldigungen einer Followerin offen thematisiert. Wie gehst du mit solchen Vorwürfen um?

Nina Schwichtenberg:​ Ich finde es wahnsinnig schade, dass unsere Gesellschaft meistens mehr damit beschäftigt ist, nach Fehlern zu suchen, anstatt das zu würdigen, was eine Person bereits leistet und versucht umzusetzen. Die Menschen kehren sehr oft vor den Türen anderer. Ich wünsche mir mehr Selbstreflektion. Beim Thema Nachhaltigkeit geht es nie darum, 100% perfekt zu sein. Vielmehr sollte im Fokus stehen, seinen eigenen, persönlichen Ansatz zu finden und sich zu fragen, was ich selbst als Einzelperson verbessern und in meinen Alltag integrieren kann. Ich will in den Spiegel gucken und sagen können: Ich habe meinen Teil geleistet. Das Motto “Alles oder nichts” hingegen empfinde ich als schädlich für die Gesellschaft.

Ich setze mich natürlich mit kritischen Stimmen auseinander, gerade wenn jemand solche gehaltlosen Greenwashing-Vorwürfe gegen mich erhebt. Ich finde es nicht in Ordnung, ständig andere anzugreifen und auf ihre Fehler hinzuweisen. Mir ist bewusst, dass Fliegen schädlich ist. Aber was ist die Alternative? Ein Elektroauto, dessen Batterie von einem Kind in einem Dritte-Welt-Land unter schlimmen Arbeitsbedingungen hergestellt wird? Die Menschen denken oft sie kennen das ganze Leben von einem, dabei sind es vielleicht gerade mal 5%. Gerade die Kritik an Nachhaltigkeit findet leider oft auf der Grundlage von fehlendem Wissen oder Halbwissen statt. Statt zu kritisieren, sollten wir die positiven Beiträge zur Nachhaltigkeit anerkennen und uns selbst fragen was wir leisten können.

"Ich betrachte Trends differenziert und folge nicht jedem Hype."

styleranking:​ Dein Label BANÚ produziert bewusst non-seasonal. Liegt der Grund dafür in der Nachhaltigkeit oder an deinem zeitlosen Stil?

Nina Schwichtenberg:​ Das geht für mich Hand in Hand und ist in unserer Brand Identity begründet. Ich persönlich trage klassische und zeitlose Designs, was gut zum Charakter von Nachhaltigkeit passt. Mein eigenes Konsumverhalten hat sich in den letzten Jahren verändert. Ich investiere lieber in ein hochwertiges Teil, an dem ich viele Jahre Freude habe, statt auf große Fast Fashion Retailer zurückzugreifen. Der Grundgedanke unseres Labels ist Langlebigkeit. Ein Neon-Shirt wird es bei uns nicht geben. Das ist nicht mein Stil und passt auch nicht zu unserer Markenausrichtung.

styleranking:​ Sind Nachhaltigkeit und eine non-seasonal Produktion eure Alleinstellungsmerkmale?

Nina Schwichtenberg:​ Wir bezeichnen uns nicht als nachhaltiges Label, da jeder Nachhaltigkeit anders definiert. Aber wir leisten unseren Beitrag zu einem bewussteren Umgang. Unser Alleinstellungsmerkmal liegt in meiner Person und meiner Persönlichkeit, die Grundlage der Marke ist. Das verleiht dem Label ein Gesicht und eine Identität. Wir verkaufen nicht nur anonyme Produkte, sondern unsere Geschichte, unseren Charakter und meinen Stil.

styleranking:​ Viele Influencer verabschieden sich von ihren Blogs. Stirbt dieses Medium aus?

Nina Schwichtenberg:​ Wir legen unseren Fokus seit sieben Jahren auf meinen Blog Fashiioncarpet - schon allein wegen meiner Ausbildung und meinem journalistischen Background. Instagram alleine reicht mir nicht. Die Plattform ist übersättigt. Anhand der Zugriffszahlen sehe ich, dass die Community den Blog weiterhin sehr schätzt und liest. Ich finde es wahnsinnig schade, dass viele Kollegen das Thema vernachlässigen. Aus Kunden- und Marketingsicht gilt Instagram derzeit als das attraktive Medium. Allerdings schreibe ich den Blog nicht für Marken, sondern für meine Leser. Meine Einschätzung: Blogs werden immer relevant bleiben. Es wird schließlich auch immer (Online-)Journalismus geben. Ich sehe meinen Blog als sehr persönliches Online-Magazin.

Nina Schwichtenberg und Patrick Kahlo zu Gast beim Karriere-Event von Peek&Cloppenburg. Dort teilt Nina spannende Insights zu ihrem Label BANÚ.   Copyright: Peek&Cloppenburg

styleranking: ​Instagram punktet in Sachen Schnelllebigkeit. Passen Blogs noch zur geringen Aufmerksamkeitsspanne der User?

Nina Schwichtenberg:​ Unsere Leserschaft nimmt sich Zeit für redaktionellen Content. Ich glaube die Leute wollen in Zukunft eine Mischung aus beiden – schnellem und langsamen Content. Wenn allerdings niemand dieses Medium mehr anbietet, können diese Personen es natürlich auch nicht konsumieren. In einer Zeit, in der gefühlt 90% unsere Kollegen nur auf Instagram setzen ist der Blog unsere neue, alte „Nische“. Anhand der Verweildauer sehen wir, dass die User Zeit investieren und die Texte ausführlich lesen.

styleranking:​ Könntest du dir vorstellen, dich in Zukunft ausschließlich auf BANÚ zu beschränken?

Nina Schwichtenberg:​ Wir sehen BANÚ definitiv als potentielles, zweites Standbein, das uns die Option bietet, in Zukunft weniger öffentlich zu agieren. Ich mache meinen Job seit ich 21 Jahre alt bin mit viel Freude. Ich bin mit dem Blogger erwachsen geworden. Ob ich allerdings in zehn Jahren noch motiviert bin so regelmäßig vor der Kamera zu stehen kann ich aktuell nicht sagen. BANÚ bietet uns da eine tolle Möglichkeit der Branche erhalten zu bleiben und gleichzeitig einen neuen Weg zu finden.

styleranking:​ Du bedienst mehrere Instagram-Kanäle, den Blog und nun auch das Label. Klingt stressig.

Nina Schwichtenberg:​ Zu allen genannten bedienen wir noch Pinterest, Facebook und versenden regelmäßig Newsletter. Das ergibt sieben Accounts. Es gab Zeiten, in denen mich das extrem gestresst hat. Mit den Jahren haben wir aber gelernt uns zu entspannen. Stress tut der Gesundheit langfristig nicht gut. Unsere Arbeit bedarf wahnsinnig viel Struktur und Content. Wir haben uns dazu entschieden, das Pensum zu bewältigen, mit dem wir uns wohl fühlen. Unsere Existenz baut auf meiner Person auf, das muss man einfach so sagen. Wenn ich ausfalle - egal ob physisch oder mental - wird es schwierig.

styleranking: ​Wie entspannst du?

Nina Schwichtenberg:​ Ich telefoniere sehr viel mit meiner Mutter und rede mir den Stress von der Seele. Außerdem gehen Patrick und ich spazieren - ohne Smartphone. Treffen und Spieleabende mit Freunden entspannen uns. Ich liebe es, mich auf die Couch zu legen, eine Serie zu schauen und Essen zu bestellen. Von 2015 und 2018 habe ich quasi keine Entspannung zugelassen – rückblickend war das echt hart. Ich musste erst wieder lernen, mir Ruhephasen zu gönnen. Seitdem wir mit unserem Büro den Office Space aus unseren Privaträumen ausgelagert haben, funktioniert es deutlich besser. Nach dreieinhalb Jahren genießen wir wieder freie Sonntage. Wir schließen die Office-Tür ab und damit hört die Arbeit auf.

styleranking:​ Vielen lieben Dank für das Interview, Nina.

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