NYFW

Gleichstellung oder Geldmacherei: Der Erfolg des Down-Syndrom-Models Madeline Stuart

19.02.2016 / 10:00 Uhr

Dass man Mode nicht zwangsläufig mit Perfektion gleichsetzten kann, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Doch nicht nur über die neuesten Fashiontrends lässt sich streiten: Auch die Inszenierung einer Haute-Couture-Show gewinnt von Saison zu Saison an Relevanz und Skurrilität. Der aktuell beliebteste Provokationstrend unter den Modeschöpfern: Underground-Models. Auf der vergangenen New York Fashion Week steht Model Madeline Stuart in der letzten Woche erneut im Spot der Öffentlichkeit. Der Grund: Die 18-Jährige misst weniger als 1,50m und hat das Down-Syndrom. Doch das junge Model bleibt nicht der einige Blickfang auf den New Yorker Catwalks. Wir stellen euch weitere Mitglieder des Anti-Model-Club vor und fragen: Außenseiter als Werbegesicht - Gleichstellung oder Geldmacherei?

Chantelle Brown-Young, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Winnie Harlow, startete kürzlich in der US-Casting-Show America’s Next Topmodel steil nach oben. Entgegen aller gängigen Vorurteile gegenüber der Modebranche als Perfektionisten-Welt darf Winnie gerade auf Grund ihrer Hautkrankheit Vitiglio – besser bekannt als Weißfleckenkrankheit – solch große Erfolge verzeichnen: Wie ihre Kampagne als Werbegesicht für das spanische Modelabel Desigual beweist. Schlagworte wie ‚Imperfection‘ oder ‚Differentness‘ beschreiben die Eigenschaften des 19-jährigen Models, welche ihr nicht nur die Aufmerksamkeit der Verbraucher, sondern auch die Jobs der Designer einbringen. Diese goldene Stunden konnte das Model in der Vergangenheit nur selten verzeichnen. Während ihrer Schulzeit nannte man sie häufig „Zebra“ oder „Kuh“. Mobbing stand bei ihr somit auf der Tagesordnung. Trotz alledem hat sich Chantelle nicht unterkriegen lassen, sondern ein überwältigendes Selbstvertrauen entwickelt, welches ihr heute den Alltag im Model-Business um einiges erleichtert. Die selbsternannte „Underdog Superwoman“ räumt sich selbst den Weg frei - hin zur Spitze der Fashion-Elite.

Bei Winnie Harlow darf man von Eigenverdienst und Willenskraft als Grund für ihren Erfolg sprechen. Ebenso beim deutschen Model Mario Galla, welcher unter anderem wegen seiner Bein-Prothese im Rampenlicht auftauchte. Betrachtet man die Arbeiten der Amerikanerin Melanie Gaydos, vermisst eine Gewisse Art von Ästhetik auf vielen Bildern. Die 25-Jährige leidet an dem seltenen Gendefekt Ektodermale Dysplasie. Auf Grund dessen wirken Haare, Zähne und Knochenbau ungewöhnlich surreal – nichtsdestotrotz arbeitet sie als High-Fashion Model. Wir möchten nicht in Frage stellen, dass man Melanie Gaydos beim Betrachten ihres Erfolgswegs als eine mutige und starke Frau bezeichnen muss und sollte. Daher gilt diese Kritik nicht ihr persönlich, sondern den Kunden, Designern und der Fashion-Branche selbst: Steht Melanie Gaydos tatsächlich einzig und allein wegen ihrer Einzigartigkeit vor der Linse prominenter Fotografen oder nutzt die Welt der Mode ihr ungewöhnliches Erscheinungsbild lediglich als radikalen Eyecatcher – und lässt somit jegliche Form von Moral und Gewissen außen vor?

Ähnlich kritisch treten wir dem öffentlichen Trubel entgegen, welchen Jillian Mercado, ein Model im Rollstuhl, und Shaun Ross, das weltweit erste männliche Albino-Model, genießen. Beide Models haben sich ihren Erfolg und die Aufmerksamkeit bezüglich ihrer Krankheit redlich verdient. Doch auch hier muss die Frage gestattet sein: Ist es moralisch vertretbar, die gesundheitlichen Unzulänglichkeiten wunderbarer Menschen auszunutzen, nur um letztendlich eine bestimmte Marke oder Kampagne schneller an den Verbraucher zu vermitteln? Sollte man Melanie Gaydos und Co. nicht viel eher als Botschafter für mehr Humanität und weniger gesellschaftliche Ablehnung betrachten, anstatt sie auf den Zweck des ‚Marketing-Faktors‘ zu reduzieren? Und wie soll man bei all den ohnehin polarisierenden Fragen dann auch noch auf Provokationsskandale reagieren, wie auf das Nacktvideo von Shaun Ross?

Ein positiver Aspekt der ganzen Geschichte: Eben diese gesellschaftlich notwendige Vorbild-Funktion bezüglich der Andersartigkeit mancher Menschen wird den Outsider-Models durch internationale Werbekampagnen ermöglicht – wenn es vielleicht auch nicht das Ziel der Designer ist, Winnie Harlow und ihren Kollegen durch ihren Erfolg eine zu erhörende Stimme zu schenken. Die Models können trotz ihres äußeren Erscheinungsbilds einen gut bezahlten Job ausüben und die Allgemeinheit für ungewohntes Aussehen sensibilisieren, sodass Mobbing bekämpft und größere Toleranz gefördert werden.

Wir wünschen uns, dass der Erfolgsweg von Winnie Harlow, Madeline Stuart und Co. auch in Zukunft erhalten bleibt und Freunde, Familie und Fans den wahren Wert dieser Außenseiter-Models wahren und schätzen.

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